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Das Flugtagunglück von Ramstein gehört zu den folgenschwersten Katastrophen, die sich je im Rahmen einer Flugschau ereignet haben. Bei dem Unglück am 28. August 1988 starben 70 Menschen. Darunter alle drei beteiligten Piloten. Über 1.000 Menschen wurden verletzt.
Alle, die sich an den 28. August 1988 erinnern, sagen, es war ein heißer, schöner Sommertag. Aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland sind etwa 350.000 Menschen auf die US-Basis Ramstein gekommen. Darunter viele technikbegeisterte Väter mit ihren Kindern. Sie bestaunen die ausgestellten Militärjets und warten auf die Flugvorführungen.
Die italienischen Kunstflugstaffel "Frecce Tricolori" macht den Anfang. Einer der spektakulären Höhepunkte ist die Flugfigur "das durchstoßene Herz". Dabei rast ein Solopilot auf die anderen Maschinen zu, die kurz vorher wegdrehen. Um 15.44 Uhr kommt es zur Katastrophe: Solopilot Ivo Nurarelli erreichte mit seinem Jet vier Sekunden zu früh, zu nah und in zu tiefer Flugbahn den Kreuzungspunkt der Flugfigur. Dadurch prallt sein Flugzeug mit zwei weiteren zusammen.
Zwei Flugzeuge zerschellen parallel zur Start- und Landebahn. Nurarellis Maschine aber schlägt etwa 50 Meter vor der Absperrung auf, rast in die Zuschauermenge und explodiert. Alles passiert in wenigen Sekunden, die Zuschauer habe keine Zeit zu fliehen. Mit den drei Piloten sterben 31 Menschen noch an Ort und Stelle, 36 weitere Zuschauer erliegen in den nächsten Stunden und Tagen ihren schwersten Verletzungen. Über 1.000 Besucher werden verletzt. Am Unglücksort herrscht totales Chaos. Verletzte irren unter Schock über das Gelände und suchen Angehörige und Freunde.
Das Flugschau-Unglück von Ramstein geht nicht zuletzt wegen vieler schwerwiegender Pannen beim Rettungseinsatz in die Geschichte ein. So lassen die Amerikaner die vor der Wache aufgefahrenen Rettungskräfte nicht sofort auf den Flugplatz. Andere, wie das THW aus Kaiserslautern, werden gar nicht erst gerufen. Der Rettungsfunk bricht zusammen.
Die Injektionsnadeln der deutschen Helfer passen nicht auf die Infusionen der Amerikaner und umgekehrt. Während Notärzte des Roten Kreuzes die Verletzten vor Ort versuchen zu stabilisieren, transportieren die Amerikaner sie ohne Erstversorgung sofort in nahe gelegene Kliniken. Wegen mangelnder Ortskenntnis verirren sich mehrere Transporte. Bis heute ist unklar, wie viele Opfer wegen dieser Pannen sterben.
Zitat:
"Persönlich kann ich sagen, dass zu keinem Zeitpunkt irgendeine Koordination vorhanden war." Ein Notarzt vor dem Innenausschuss des Landtags 1988
Die Flugschau-Katastrophe von Ramstein wirkt bis heute. Die Rettungskonzepte von amerikanischem Militär und deutschen Behörden wurden aufeinander abgestimmt; es gibt gemeinsame Katastrophenübungen. Kunstflug-Vorführungen in Deutschland wurden erst 1991 unter strengen Auflagen wieder erlaubt.
Im Interview mit SWR.de nennt die Trauma-Psychologin Sybille Jatzko aus Kaiserslautern die wichtigsten Veränderungen im Krisenmanagement: So gibt es heute immer einen leitenden Notarzt, der den Einsatz koordiniert. Auch der Einsatz von Notfallseelsorgern gehört inzwischen zum festen Bestandteil der Krisenintervention. Das Unglück von Ramstein hat nämlich gezeigt wie wichtig eine psychologische Nachbetreuung der Opfer, Hinterbliebenen und Rettungskräfte ist.
Zitat:
"Am Morgen hatte ich noch eine Familie. Abends war ich allein." Eine Überlebende
Viele von ihnen waren nach dem Unglück schwer traumatisiert. Noch Jahre danach haben Feuerwehrleute und Polizisten Selbstmord begangen, weil sie das Erlebte nicht verarbeiten konnten. Selbst jetzt, 20 Jahre nach der Katastrophe, stoßen noch neue Teilnehmer zu der von Jatzko und ihrem Mann gegründeten Nachsorgegruppe.
Das Posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS), also eine seelische Erkrankung nach einem traumatischen Erlebnis, ist inzwischen als Krankheit anerkannt.
Unbefriedigend ist für Oper und Angehörige die Entschädigung für das erlittene Leid. Zwar wurden aus einem Sonderfonds, in den Amerikaner, der Bund und Italien einzahlten, etwas mehr als 21 Millionen ausgezahlt, doch das Geld ging überwiegend an Krankenkassen und Rentenversicherungsträger für die medizinische Betreuung von insgesamt 450 Schwerstverletzten. Eine Entschädigung gab es weder für Opfer noch Angehörige. So lehnte 2003 das Koblenzer Landgericht die Muster-Klagen von Ramstein-Opfern auf Entschädigung für seelisches Leid ab. Begründung: Das Posttraumatische Belastungssyndrom sei damals noch nicht als Krankheit bekannt gewesen. Die Ansprüche seien deshalb verjährt.
Quälend für Überlebende und Angehörige bleibt auch die Tatsache, dass bis heute der exakte Hergang des Unglücks nicht genau geklärt ist. Eine Untersuchung gab die Schuld an der Katastrophe dem italienischen Piloten Nurelli. Das mangelhafte Krisenmanagement des US-Militärs wurde nie offiziell untersucht. Auch ist unbekannt wie viele Amerikaner unter den Opfern waren.
Autoren: Martin Heuser/Mitarbeit: Doris Schneider
Letzte Änderung am: 28.08.2008, 12.15 Uhr