Bitte warten...

Gefährlicher Pflanzenschutz BUND-Studie: Unkrautvernichtungsmittel im Urin

Bei 70 Prozent aller deutschen Großstädter konnte das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin nachgewiesen werden. Glyphosat gilt als stark gesundheitsschädlich - dennoch hat die EU die Zulassung für den Wirkstoff ohne weitergehende Untersuchungen bis 2015 verlängert.

SWR-Umweltredaktion Elke Klingenschmitt beantwortet die wichtigsten Fragen.


Glyphosat gilt schon seit längerem als extrem gefährlich - welche neuen Ergebnisse enthält die aktuelle Studie?

Frühere Studien hatten bereits erwiesen, dass der Wirkstoff Glyphosat für die Landwirte, die das Unkrautbekämpfungsmittel versprühen, stark gesundheitsschädigend sein kann. Die aktuelle Studie im Auftrag des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat diesmal aber keine Personen untersucht, die in direktem Kontakt mit dem Wirkstoff stehen, sondern Bewohner verschiedener europäischer Großstädte.

Das Ergebnis ist erschreckend: In allen 18 untersuchten Ländern tragen die Probanden den Stoff Glyphosat im Urin. In fast jeder zweiten Probe wurde Totalherbizid nachgewiesen, was den Schluss zulässt, dass das Gift über die Nahrung aufgenommen wurde.

Welche Auswirkungen hat Glyphosat auf unseren Körper?

Glyphosat ist das weltweit meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel. Bei landwirtschaftlichen Produkten lässt sich der Wirkstoff weder abwaschen noch durch Erhitzen oder Einfrieren abbauen.

Studien an Ratten haben ergeben, dass sich Glyphosat negativ auf das Hormonsystem auswirkt, so zum Beispiel auf das männliche Hormon Testosteron. Bei weiblichen Ratten wurde durch Glyphosat die Bildung eines Östrogens gehemmt. Negative Auswirkungen hat Glyphosat auch auf die Schwangerschaft und den Fötus.

Schon eine kleine Menge reicht aus

Sollte Glyphosat auch das menschliche Hormonsystem beeinflussen, dann könnte jede noch so kleine Aufnahmemenge ein potenzielles Gesundheitsrisiko darstellen, warnen Fachleute. Es existieren bereits Studien über mögliche Schäden durch "Roundup" beim Menschen: In den großen Soja-Anbaugebieten in Südamerika werden immer häufiger missgebildete Kinder geboren – es könnte ein Zusammenhang zu dem Unkrautbekämpfungsmittel "Roundup" bestehen, das zu großen Teilen Glyphosat enthält.

Wie häufig kommt Glyphosat in der Landwirtschaft zum Einsatz?

Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel – rund 700.000 Tonnen "Roundup" werden pro Jahr versprüht. In Deutschland wird es auf rund 39 Prozent aller Ackerflächen gespritzt – das entspricht 4,3 Millionen Hektar. Auch heimische Winzer sprühen das Gift gerne unter die Rebstöcke, um sich das Hacken des Unkrauts zu ersparen – alles Grüne stirbt sofort ab, übrig bleiben gelbe und vertrocknete Reste.

Herbizide

Herbizid-Einsatz und genveränderte Pflanzen liefern einen maximalen Ertrag

Außerhalb Europas wird Glyphosat in Kombination mit gentechnisch veränderten Pflanzen verwendet. Der Saatgut-Konzern Monsanto hat beispielsweise Sojabohnen gezüchtet, die auch den Einsatz von Totalherbiziden überleben. Und Monsanto beherrscht den Markt: Allein in den USA wurde im vergangenen Jahr die Hälfte des Ackerlandes mit Monsantos Gentec-Pflanzen bestellt. Das gentechnisch veränderte "Roundup Ready-Soja" ist die importierte Hauptzutat für das Mischfutter für Rinder, Hühner und Schweine. Am Ende der Nahrungskette steht dann der Mensch. In der EU sind bisher keine Glyphosat-resistenten Pflanzen zum Anbau zugelassen, allerdings hat Monsanto dafür bereits 14 Anträge gestellt.

Wie genau werden denn diese möglichen Gefahren bei uns untersucht?

Bisher werden bei uns Futtermittel und Lebensmittel nicht standardmäßig auf den Stoff Glyphosat getestet. Das ist ein großes Versäumnis und wäre spätestens nach den jüngsten Studienergebnissen dringend erforderlich. Stattdessen hat das Unkrautgift von der EU sogar noch eine Zulassungsverlängerung bis 2015 erhalten. Bis dahin könnte für den vorbeugenden Verbraucherschutz auch ohne Verbot bereits einiges getan werden.

Kritiker fordern strengere Überwachung

Der BUND schlägt dazu vor, in einem regelmäßigen Monitoring alle Lebens- und Futtermittel auf Rückstände des Herbizids zu untersuchen. Von den Lieferanten fordert der BUND, dass künftig nur noch rückstandsfreie Futtermittel importiert werden. Die heimischen Landwirte sollten zudem nach anderen Mitteln zur Unkrautbekämpfung suchen, oder am Besten den Ackerbau komplett umweltschonend gestalten.

Von März bis Mai dieses Jahres ließen der BUND und sein europäischer Dachverband Friends of the Earth (FOE) Urin-Proben von insgesamt 182 Stadtbewohnern aus 18 Ländern auf Glyphosat analysieren. Es handelt sich hierbei um die erste Studie dieser Art (LINK).

Um das Video abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.

6:44 min | Di, 7.5.2013 | 18:15 Uhr | natürlich! | SWR Fernsehen RP

Mehr Info

Froschsterben durch Pflanzenschutzmittel

Der Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft ist seit vielen Jahren ein Streitthema zwischen Bauern und Naturschützern, denn Pestizide bedrohen die Artenvielfalt. Eine Studie der Uni Koblenz-Landau hat nun die Wirkung der empfohlenen Dosis auf Grasfrösche überprüft. Das erschreckende Ergebnis: Mortalitätsraten bis zu 100 Prozent.

Aktuell im SWR