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SENDETERMIN Di, 30.6.2015 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Gutachter Zweifel an der Unabhängigkeit

Marktcheck deckt auf

Wer unverschuldet einen Unfall oder einen anderen Schaden erleidet, muss sich vor Gericht meist auf ein Gutachten berufen. Etliche Gutachten allerdings sind sehr einseitig verfasst. Jahrelange Kämpfe mit Versicherungen und Gerichten sind für Betroffene keine Seltenheit. Denn es gibt immer wieder Gutachten, deren Ergebnisse vorgegeben zu sein scheinen und die manchmal sogar grobe Fehler aufweisen.

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In vielen Prozessen kommen sie zum Einsatz: Gerichtsgutachter. Wie unabhängig sind sie?'
Neutral und unabhängig sollen sie sein. Doch wie sieht es in der Realität aus?

Rainer Matuszak hatte vor über 24 Jahren einen Unfall. Er zeigt uns die Kreuzung, an der es geschah. Hier wollte er mit seinem Auto an der grünen Ampel nach links abbiegen.  
Rainer Matuszak erinnert sich: "Und habe dann im rechten Augenwinkel gesehen, dass auf der Rechtsabbiegespur einer mit erhöhter Geschwindigkeit angefahren kommt. Und habe dann mein Fahrzeug zum Stehen gebracht. Kurz danach ist er mir seitlich in den Vorderwagen reingefahren und durch diesen Aufprall von rechts bin ich aus dem Schultergurt rausgeschlagen worden. Und lag mit dem gesamten Oberkörper im Fußraum des Beifahrers."

Rainer Matuzsak erzählt von seinem Unfall und den Gutachten.

Rainer Matuzsak fühlt sich als Opfer von Gutachterwillkür.

Seine schweren Verletzungen an der Wirbelsäule – für Rainer Matuszak eine Folge des Aufpralls . Mehr als 20 Jahre ist der Unfall jetzt her. Und er habe für ihn schlimme Folgen gehabt: "Ich bin dadurch Frührentner geworden, hab meinen Arbeitsplatz verloren, und hab natürlich über die ganzen Jahre einen enormen finanziellen Schaden erlitten. Und letzten Endes nicht nur ich leide darunter, sondern die gesamte Familie leidet darunter. Extrem sogar. Und es ist kein Ende in Sicht."

Eine finanzielle Katastrophe. In seiner Freizeit hatte er wertvolle Oldtimer restauriert. Porsche, BMW, Alfa Spider - vor seinem Unfall gekauft. Seitdem stehen sie in der Garage. Mittlerweile seien sie wertlos, sagt er. Auch sein Haus konnte er nicht mehr fertig bauen. Sein Leben sei durch den Unfall von heute auf morgen auf den Kopf gestellt worden.

Rainer Matuszak will von der gegnerischen Versicherung und der beruflichen Unfallversicherung Schadensersatz, Schmerzensgeld und Rente. Doch die Versicherungen lehnen ab, behaupten, seine Beschwerden hätten nichts mit dem Unfall zu tun.  Rainer Matuszak ärgert sich: "Ich muss für alles bezahlen. Ich soll für alles bezahlen. Das ist ja nicht in Ordnung, das ist ja nicht nachvollziehbar. Ich habe immer noch offene Rechnungen, die ich jetzt in kleinen Raten abzahle, über 120.000 Euro, die ich noch bezahlen soll. Also ich versteh´s nicht."

Rainer Matuszak zieht vor Gericht. Das beauftragt einen Sachverständigen, ein technisches Gutachten zu erstellen. Der Unfall wird nachgestellt. Der Gutachter stützt die Ansicht der Versicherungen: Matuszaks Beschwerden sollen nicht vom Unfall stammen. Rainer Matuszak kann es nicht glauben. Er lässt das Gutachten von einem anderen Sachverständigen überprüfen. Peter Schmidt. Er  findet immer wieder Ungereimtheiten in Gutachten von Kollegen. Meint, der Gerichtsgutachter habe schwere Fehler gemacht.

Peter Schmidt berichtet:

Peter Schmidt erzählt davon, dass er immer wieder auf Ungereimtheiten in Gutachten von Kollegen stößt.

Peter Schmidt findet immer wieder Ungereimtheiten in Gutachten von Kollegen.

"Der erste Fehler der war, er hat in dem Crash-Test, den er durchgeführt hat, im Rahmen dieses Gerichtsgutachtens beide Fahrzeige vertauscht. Er hat also sein Fahrzeug gegen das gegnerische Fahrzeug fahren lassen. Es war aber genau anders herum. Der zweite Fehler war, dass er statt einem Seitencrash einen Frontcrash rekonstruiert hat. Und dadurch nicht berücksichtigt hat, dass das Fahrzeug sich bei dem Seitencrash gedreht hat und dadurch seine Wirbelsäule entsprechend seitlich verletzt wurde." 

Das Gericht meint, Peter Schmid habe nicht alle Aspekte berücksichtigt. Erkennt keine Fehler im damaligen Gerichtsgutachten.

Immer dann, wenn Richter in einem Gerichtsverfahren keine eigene Sachkunde haben, müssen sie sich auf Gutachten verlassen. Und die müssten unparteiisch und nach bestem Wissen und Gewissen erstellt werden. Doch das sei oft nicht der Fall, meint Prof. Ursula Gresser. Sie hat eine Studie zur Unabhängigkeit von Gerichtsgutachten gemacht. Ihr erstaunliches Fazit: Viele gerichtliche Gutachter lassen sich von Richtern beeinflussen, die ein bestimmtes Ergebnis wollen.

Professorin Dr. Ursula Gresser erzählt uns:

Professorin Ursula Gresser erzählt von ihrer Studie zur Unabhängigkeit von Gerichtsgutachten.

Professorin Ursula Gresser hat eine Studie zur Unabhängigkeit von Gerichtsgutachten gemacht - mit erstaunlichen Ergebnissen.

"Wir hatten mit allem gerechnet. Aber wir hatten nicht mit diesem Ergebnis gerechnet. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass eine nennenswerte Zahl an Gutachtern, bis zu 45 Prozent je nach Berufsgruppe, sagt, wir kriegen gelegentlich Signale von Richtern, die uns sagen, in welche Richtung es gehen soll. Da waren wir völlig geplättet. Ich hatte mit ein oder zwei Fällen gerechnet. Aber nicht mit bis zu 45 Prozent. Es gibt Gutachter, da weiß man schon bei der Namensnennung, wie das Gutachten ausgeht."

Nach ihrer Studie sollen auch Versicherungen Einfluss auf Gutachter haben.

Dem wollen wir nachgehen. Wir treffen Dr. Manfred Müller-Kortkamp. Er ist Arzt und arbeitet selbst als gerichtlicher Gutachter. Er erzählt uns Unglaubliches: Ihm habe eine Versicherung schon einmal Geld geboten. Dr. Manfred Müller-Kortkamp erinnert sich: "Ein freundlicher Herr sagte, ich vertrete einen großen Versicherungskonzern. Und ihr Gutachten ist uns aufgefallen durch seine Sachlichkeit und Qualität. Und wir wären bereit, dass Sie unser Gutachter werden.

Manfred Müller-Kortkamp erzählt von seinen Erfahrungen als Arzt und Gutachter.

Manfred Müller-Kortkamp, HNO-Arzt und Gutachter für Schleudertraumata.

Und das soll nicht zu Ihrem finanziellen Nachteil sein. Wir wissen, dass die Gutachten unterbezahlt werden. Wir werden darüber hinaus am Jahresende noch ein Erfolgshonorar auf ein Schweizer Konto überweisen, oder Deutschland, wo Sie es hinhaben wollen."

Er habe sich nicht kaufen lassen wollen und abgelehnt. Er glaubt, in Deutschland gebe es zahlreiche Gutachter, die damit gut verdienten: "Wenn ich das heute betrachte würde ich sagen, das war ein Angebot zur Korruption."

Das sind gravierende Vorwürfe. Wir fragen nach beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft. Wollen wissen, was ist da dran? Kaufen sich die Versicherungen Gutachter? Per E-mail wiegelt man ab:  „Versicherer haben….. kein Interesse an offensichtlich falschen „Gefälligkeitsgutachten“, sondern erwarten sachlich richtige und objektive Gutachten.“

Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie eng Versicherungen und Gutachter in manchen Fällen zusammenarbeiten. So hat die Ärztekammer Nordrhein viele Jahre Gutachter zertifiziert, die von einem Rückversicherer ausgebildet wurden. Die Zusammenarbeit hat sie erst vor kurzem beendet.

Ein weiteres Beispiel.

Christian Federl erzählt uns seine Geschichte

Christian Federl stellte Befangenheitsanträge, wodurch drei Gutachter und ein Richter für befangen erklärt wurden.

Christian Federl stürzt bei einer Geschäftsreise schwer, seitdem ist er gehbehindert. Er will Leistungen von seiner Berufsunfallversicherung. Doch die mauert, auch er klagt. Das Gericht bestellt mehrere Gutachter. Christian Federl ist skeptisch: "Immer dann, wenn ich die Vorschläge von den Gutachtern bekam, war mir eigentlich klar, welche Tendenz, in welche Richtung diese Gutachter votieren würden. Und zwar zu meinem Nachteil."

Und tatsächlich:
Nach den Gutachten ist der Unfall nicht Ursache für seine Beschwerden. Christian Federl stellt Befangenheitsanträge. Zwei Jahre später werden drei Gutachter und sogar ein Richter für befangen erklärt. Christian Federl erklärt: "Der zweite Gutachter wurde als befangen erklärt, weil er außergerichtliche Kontakte, in meinem Fall direkt zur beklagten Berufsgenossenschaft, unterhielt."

Gutachter haften nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit. Professorin Gresser hält eine Umstrukturierung des Systems für erforderlich: "Ich denke, der Gesetzgeber wäre aufgefordert, das Gutachterwesen jetzt mal auf richtige ordentliche und transparente Beine zu stellen. Und die Zuteilung der Gutachter nach Fachkompetenz durch Los. Keine festen Geschäftsbeziehungen zwischen Auftraggebern, egal ob Versicherungen oder Gerichte, insbesondere bei Gerichten: Zuteilung durch Los!"

Christian Federl kämpft seit drei Jahren. Der Ausgang des Prozesses ist noch offen. Er hat jetzt eine Opfervereinigung gegründet, um gegen das undurchsichtige Gutachtersystem vorzugehen.

Bei Rainer Matuzsak dauert der Streit schon 24 Jahre. Er will jetzt ein neues Gutachten erstreiten. Der einst so starke und lebenslustige Mann fühlt sich als Opfer von Gutachterwillkür. Rainer Matuszak fragt sich: „Wo ist der Rechtsstaat? Wo findet der kleine Mann in Deutschland Recht und Gerechtigkeit? Nur weil ich keinen Rang und keinen Namen habe, werde ich mit Füßen getreten? Da stimmt doch was nicht!" Von seiner alten Existenz ist nichts mehr übrig. 120.000 Euro hat ihn das Verfahren bislang gekostet. Aber er will nicht aufgeben.

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