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SENDETERMIN Di, 7.3.2017 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Elektrogeräte Wie beim Energielabel getrickst wird

Für viele ist das Energielabel auf dem Elektrogerät ein wichtiges Kaufargument. Ob Waschmaschine, Kühlschrank oder Fernseher, keiner will einen Stromfresser zu Hause haben, sparsam und effizient soll das Gerät sein. Doch wie verlässlich sind die Label-Angaben? In der Wohnung einer Zuschauerin aus der Nähe von Mainz überprüft MARKTCHECK, zusammen mit der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, verschiedene Elektrogeräte und befragt zudem einen Energie-Experten. Ergebnis: Viele Angaben sind geschönt und geben nicht das wahre Ergebnis wieder.

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Wir machen den Praxischeck in der Wohnung der alleinerziehenden Mutter Andrea K. Sie wäscht vier- bis fünfmal die Woche und hat eine Waschmaschine mit dem Energiesparlabel A+++ .

Um rauszufinden, ob die Angaben auf dem Label stimmen, installieren wir, zusammen mit Elke Dünnhoff von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, an der Waschmaschine ein geeichtes Strommessgerät. Elke Dünnhoff überprüft für uns den Stromverbrauch der vergangenen fünf Tage und rechnet ihn dann auf ein Jahr hoch. Auch am Fernseher mit dem Energiesparlabel A++ montieren wir einen Strommesser.

Das Ergebnis:

  • Waschmaschine: Die Hochrechnung ergibt 194,26 Kilowattstunden im Jahr, auf dem Label sind aber nur 176 ausgewiesen. Somit liegt der Verbrauch um rund 10 Prozent höher, als angegeben. Das macht bei einer voraussichtlichen Lebensdauer der Miele-Maschine von 20 Jahren etwa 110 Euro aus.
  • Fernseher: Der Fernseher ist erst zwei Jahre alt und soll laut Energielabel nur 46 Watt Strom verbrauchen. Bei unserer Messung schwanken die Werte etwas, liegen allerdings mit teilweise über 80 Watt fast doppelt so hoch wie angegeben. Und das, obwohl an den Werkseinstellungen nichts verändert wurde.

Laxe Prüfvorgaben

Aber woran liegt das? Wir wollen es genau wissen und besuchen in Wien den Energieeffizienz-Experten Sepp Eisenriegler. Der Unternehmer repariert und verkauft nicht nur Elektrogeräte, sondern hält seit Jahren Vorträge vor EU-Gremien zum Thema Energieeffizienz. Der höhere Stromverbrauch in der Praxis wundert ihn nicht.

Sepp Eisenriegler, Energieeffizienz- Experte:
"Die Ökolabel-Regulierung der EU hat einen großen Nachteil. Durch bestimmte Testbedingungen stimmt der Jahresverbrauch, der auf dem Energieeffizienz-Label draufsteht, mit der Realität überhaupt nicht überein. In Wahrheit verbrauchen die Leute mit den Geräten, wo das draufsteht, mindestens das Doppelte oder sogar ein Vielfaches an Strom."

Der Experte hat Folgendes herausgefunden:

Beispiel Fernseher: Der Stromverbrauch wird für das EU-Label nur in einem speziellen Bildmodus geprüft, mit geringerer Helligkeit des Bildschirms. Ein Stromspar-Modus, den kaum einer nutzt. Bevorzugt eingestellt wird von den Konsumenten ein helles, strahlendes, kontrastreiches Bild.

Beispiel Kühlschrank: Für das Label wird der Stromverbrauch bei völlig leerem Kühlschrank gemessen, die Tür ist dabei permanent geschlossen, so schreibt es die EU-Verordnung vor. Wer also einen Kühlschrank tatsächlich nutzt, also befüllt hat und mehrfach am Tag die Tür öffnet, hat einen deutlich erhöhten Stromverbrauch.

Beispiel Waschmaschine: Und auch bei Waschmaschinen schreibt die EU Verbrauchsmessungen nur im Ökosparprogramm vor. Damit waschen aber nur etwa 15 Prozent, schätzen Experten.

Sepp Eisenriegler, Energieeffizienz-Experte:
"Was die Waschmaschine in allen anderen Programmen an Strombedarf hat, wird darin nicht abgebildet. Das führt dazu, dass Leute glauben, dass sie, wenn sie eine A+++ Waschmaschine kaufen, in jedem Programm Energie sparen, und das ist falsch."

Niedrigere Wasch-Temperaturen als versprochen

Aber auch die Hersteller tricksen kräftig. Fast keiner hält die versprochene Wasch-Temperatur im Ökospar-Programm ein, hat die Stiftung Warentest herausgefunden. Statt mit 60 Grad zu waschen, wird die Temperatur drastisch gedrosselt: Die "L79685FL" von AEG Electrolux heizt gerade mal auf 27 Grad und die "Hanseatic HWM716A3" vom Otto-Versand auf nur 34 Grad auf.

Wollen die Hersteller so einen möglichst geringen Verbrauch vortäuschen? Wir fragen nach. Bei Otto geht man von einem Fehler im Gerät aus. AEG Electrolux gibt dagegen zu, die Temperatur zu drosseln:

Statement Electrolux Hausgeräte GmbH:
"Es gilt als Stand der derzeitigen Technik, dass im Standardprogramm für 60 Grad Wäsche niedrigere Temperaturen als 60 Grad erreicht werden und die Waschzeit verlängert ist".

Längere Waschzeiten um die niedrigere Temperatur auszugleichen, das erlaubt die EU-Norm zwar, aber das wird vor allem dann zu einem Problem, wenn Verbraucher aus hygienischen Gründen bei 60 Grad waschen, um beispielsweise Bakterien abzutöten.

Das i-Tüpfelchen

Laut EU Vorschriften dürfen die Hersteller die Verbrauchswerte selbst ermitteln, unabhängige Kontrollen seitens der zuständigen Länderbehörden gibt es wenig. In Baden-Württemberg und dem Saarland wurden die Verbrauchsangaben bei Großgeräten bisher noch gar nicht überprüft, das soll erstmals dieses Jahr geschehen. In ganz Rheinland Pfalz wurden 2016 lediglich rund 50 Großgeräte überprüft, bei sechs Geräten wurden falsche Werte festgestellt und Bußgelder verhängt.

Die EU verspricht schon seit Jahren eine Reform der Richtlinie zum Energielabel. Doch bisher wird immer noch über die Rahmenrichtlinie diskutiert. Bis im Anschluss die Vorgaben für die einzelnen Produkte umgesetzt werden und tatsächlich auch Veränderungen im Handel ankommen, wird es wohl, laut Elke Dünnhoff von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, noch einige Jahre dauern.

Von A+++ bis G - uneinheitliche Energieklassen verwirren zusätzlich

Die Energieklasse A+++ steht für die sparsamsten Geräte, G für die größten Stromfresser. Doch die Energieklassen sind nicht bei allen Elektrogeräten einheitlich. Staubsauger beispielsweise werden in Energieklasse A ohne Stern eingestuft, wenn sie besonders wenig Energie verbrauchen. Bei Kühl- und Gefriergeräten, Waschmaschinen, Backöfen, Geschirrspülern und Wäschetrocknern hingegen geht die Skala bis A+++. Aber das ist noch nicht alles: Bei Kühl- und Gefriergeräten, Waschmaschinen und Geschirrspülern dürfen zusätzlich nur noch die drei besten Klassen A+, A++ und A+++ überhaupt neu in den Handel gebracht werden. Die Klassen ab A abwärts erfüllen die Mindestanforderungen für Energieeffizienz der europäischen Ökodesign-Verordnungen nicht mehr. Somit ist A+ hier die schlechteste Energieeffizienzklasse, die noch verkauft werden darf und A++ nur Mittelmaß.

Verbrauchern bleibt also nur, sich nicht durch unterschiedliche Labels und geschönte Verbrauchsangaben blenden zu lassen und genau hinzuschauen. Tipps dazu finden sie in unserem Artikel "Energielabels: Orientierungshilfe trotz Tricksereien".


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