Bitte warten...

SENDETERMIN Di, 8.3.2016 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Riskante Autoreifen Lebensgefahr aus Fernost?

Winterreifen runter, Sommerschlappen drauf: Bald beginnt wieder der Run zu den Reifenhändlern. Bei der Vielzahl von Angeboten, müssen die Kunden zwischen etlichen mehr oder weniger bekannten Marken auswählen. Wer überwiegend auf günstige Angebote setzt, landet oft bei Reifen aus Asien. Was viele nicht wissen: solche Reifen, obwohl hierzulande zugelassen, bergen mitunter erhebliche Risiken in Punkto Sicherheit. Extrem lange Bremswege, Aquaplaning, schlechteste Fahreigenschaften – auf der Straße haben diese Reifen eigentlich nichts verloren. Doch laxe Kontrollen der Behörden machen es den Herstellern leicht die gefährliche Ware in den Handel zu bringen, wie Recherchen von MARKTCHECK zeigen.

Um das Video abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.

Verlängerter Bremsweg mit asiatischen Billigreifen

Die Gesellschaft für technische Überwachung in Stuttgart, kurz GTÜ, hat Sommerreifen in der Größe 225 mit 17 Zoll getestet. Darunter waren auch drei Billigreifen aus Asien: Die Reifen "SportActive" von der Marke GT Radial aus Singapur, "Green-Max" von Linglong sowie "Sport SA-37" von Westlake aus China.

Die drei Asien-Reifen sind beim Prüfpunkt Fahrverhalten auf nasser Straße durchgefallen. Besonders schlecht schneidet das Modell von Westlake ab. Deutlich wird das bei einer Vollbremsung aus 100 Kilometer pro Stunde auf nasser Fahrbahn. Während der Markenreifen in Test schnell zum Stehen kommt, schlittert der Westlake noch 18m weiter über den Asphalt. Ein Unterschied der tödlich enden kann.

Portalen wie reifensuche.com oder fritzreifen.de haben die asiatischen Billigreifen im Angebot. Das Portal Goodtires behauptet über den Linglong-Reifen sogar: Qualität zum Bestpreis. Und auch die Baumarkt-Kette Globus hat Reifen von GT Radial im Angebot. Modelle von dieser Marke sind nicht nur bei der GTÜ durchgefallen, sondern auch im aktuellen ADAC-Sommerreifentest.

Dass asiatische Billigreifen oft verkauft werden, zeigt eine Schätzung vom Bundesverband Reifenhandel: Jedes zehnte Auto fährt mit solchen Reifen. Eine potentielle Gefahr auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer.

EU-Reifenlabel wird von Herstellern selbst vergeben

Aber warum dürfen diese Reifen überhaupt bei uns verkauft werden?

Herman Schenk von der Gesellschaft für technische Überwachung in Stuttgart im Interview

Herman Schenk, Gesellschaft für technische Überwachung in Stuttgart

Herman Schenk, von der Gesellschaft für technische Überwachung in Stuttgart, erklärt uns: "Der Bremsweg beim Reifen spielt bei der Zulassung überhaupt keine Rolle. Das einzige, was beim Reifen genormt ist, ist a) die Größe, ganz klar, und b) der Geschwindigkeitsindex und c) der Lastindex." Nur bei Reifen mit EU-Label spielt der Bremsweg eine Rolle. Seit 2012 muss dieses Label auf jedem Reifen kleben. Das Symbol mit der Regenwolke gibt den Wert für die Nasshaftung an, also den Bremsweg bei nasser Fahrbahn.

Dieses Reifenlabel sollte eigentlich für mehr Schutz und Verbrauchersicherheit sorgen. Herman Schenk ist allerdings enttäuscht. Denn das Label ist eine reine Selbstauskunft der Hersteller. Und der GTÜ-Test zeigt, dass diese Angaben mit Vorsicht zu genießen sind: Laut EU-Label gehören die drei asiatischen Billigreifen aus dem Test zur zweitbesten Klasse - im GTÜ-Test fallen sie durch.

Woher kommt dann der gute Wert auf dem Label der Billigreigen? Herman Schenk erklärt: "Das kommt halt daher, dass der Hersteller diese Angabe einfach machen kann. Es wird nicht mal überprüft, ob er überhaupt getestet hat und wie er getestet hat. Die Testkriterien sind zwar ganz genau festgelegt und beschrieben, ja, aber die Überprüfung, ob diese Testkriterien eingehalten sind, sind unwahrscheinlich selten."

Das EU-Reifenlabel besteht unter anderem aus einer Abbildung eines Reifens und einer Regenwolke darüber.

Das EU-Reifenlabel muss seit 2012 auf jedem Reifen kleben.

Ämter kontrollieren das EU-Reifenlabel nur stichprobenhaft

Zuständig für die Überprüfung sind die Marktüberwachungsbehörden der Bundesländer. In Rheinland-Pfalz ist dies zum Beispiel das Eichamt, in Baden-Württemberg das Regierungspräsidium Tübingen und im Saarland das Umweltamt.

Bundesweit haben die Ämter im vergangenen Jahr insgesamt 40 Reifen durch eigene Tests überprüft. Davon hat das Eichamt Rheinland-Pfalz 17 Reifen getestet. Dabei kam es zu sechs Beanstandungen des EU-Reifenlabels, eine davon bezüglich des Bremsverhaltens auf nasser Straße.

Marco Faier, Landesamt für Mess- und Eichwesen, im Interview

Marco Faier, Landesamt für Mess- und Eichwesen

Marco Faier, vom Landesamt für Mess- und Eichwesen in Bad Kreuznach, erzählt uns von diesem Fall: "Im letzten Jahr haben wir bei einem Reifen aus Fernost eine eklatante Abweichung festgestellt für den Parameter des Nassbremsens, was dazu geführt hatte, dass der Hersteller für seine zukünftige Produktion den Labelwert entsprechend unserer Messung angepasst hat."

In Baden-Württemberg hat man sich Tests bislang ganz gespart. Steffen Fink, vom Regierungspräsidium Tübingen, erklärt uns wieso: "Sie müssen sich vorstellen, dass ein Satz Reifen, der geprüft wird, der besteht dann aus 5 Reifen und die Prüfung in dem beschriebenen Umfang kostet in der Regel zwischen 2000 und 3000€. Angesichts der Vielzahl der Reifen würde das darauf rauslaufen, dass wir sehr, sehr große Mengen an Geld zur Verfügung bräuchten." Geld, das fehlt - zulasten der Sicherheit.

Bei Tausenden verschiedenen Modellen sind 40 Tests aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem weiß Experte Herman Schenk, dass selbst wenn ein Reifen in einer Überprüfung durchgefallen ist, dies noch lange nicht dazu führt, dass er vom Markt verschwindet: "Der Reifen heißt dann nicht mehr xy Westlake oder sowas ähnliches, sondern der heißt dann irgendwie anders, der heißt dann Ostlake oder sowas, aber er ist im nächsten Jahr unter einem anderen Namen wieder auf dem Markt."

Damit sich etwas ändert, müssen unabhängige Institute die Reifen vor der Zulassung auf den Bremsweg überprüfen. Denn solange die Hersteller ihre eigenen Reifen testen dürfen und dabei kaum von den Ämtern kontrolliert werden, fährt die Gefahr auf der Straße mit.


Aktuell im SWR