aus der Sendung vom Donnerstag, 10.11.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Trotz Ticket werden immer wieder Bahnkunden unabsichtlich zu Schwarzfahrern. Schuld daran sind komplizierte Bahnautomaten und der undurchsichtige Tarifdschungel. Darf das sein, dass die Bahn erst schlecht informiert und dann die Kunden dafür zur Kasse bittet?
Die Deutsche Bahn kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Überhitzte oder unterkühlte Fahrgäste, ignorierte ICE-Haltestellen, verspätete Züge und natürlich undurchsichtige Tarife und komplizierte Bahnautomaten und jetzt werden Reisende mit Fahrkarte auch noch zu Schwarzfahrern erklärt.
Es haben sich zwei besonders interessante Fälle bei MARKTCHECK gemeldet. Zwei Mal Ärger mit der Deutschen Bahn. In beiden Fällen mussten die Kunden 40,- Euro für Schwarzfahren zahlen und das, obwohl sie ein Ticket hatten.

Kai S. ist mit seinen Schulkameraden unterwegs zu einem Ausflug. Die Fahrt soll von Vaihingen (Enz) nach Pforzheim gehen. Am Bahnhof in Vaihingen will er ein Gruppenticket für sich und seine vier Schulfreunde kaufen, im Verkehrsverbund Pforzheim-Enzkreis (VPE).
Doch obwohl Kai den richtigen Verbund VPE ausgewählt hatte, verkauft ihm der Automat ein Tagesticket für den falschen Verbund, den Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) für 17,90 Euro. Das "richtige" Ticket hätte bloß 13,- Euro gekostet. Obwohl Kai und seine Freunde ein Ticket gekauft und dafür sogar zu viel bezahlt haben, wird bei der Kontrolle abkassiert. Begründung: Ungültiges Ticket. Die Schüler sollen jeweils 40,- Euro zahlen - insgesamt 200,- Euro Strafe. Doch damit nicht genug! Die Schüler müssen sogar eine neue Fahrkarte für die Rückfahrt lösen - trotz Gruppentagesticket. Kai versteht die Welt nicht mehr. Er fühlt sich auf eine Stufe mit Bahnreisenden gestellt, die gar kein Ticket gelöst haben.
Doch die Bahn lässt nicht locker. Als Kais Mutter Ilona S. sich weigert, die Strafe zu zahlen, bekommt sie Post von einer Anwaltskanzlei. Aus 40,- Euro Strafe für ihren Sohn sind 108,75 Euro geworden. Schuld ist in ihren Augen der Automat. Sie fordert, dass die Bahn die Automaten verbraucherfreundlicher macht.

MARKTCHECK hat versucht, noch einmal die gleiche Fahrkarte wie Kai S. zu lösen und wieder kommt das falsche Ticket. Damit konfrontieren wir Martin Schmolke von der Deutschen Bahn. Er sieht, dass der Automat Kai S. das falsche Ticket verkauft haben muss. Doch die Bahn bleibt erst mal hart. Für sie gilt: Die Gruppe hatte keinen gültigen Fahrausweis für den Verkehrsverbund des Pforzheim-Enzkreises. Sie hatten einen Fahrausweis für die VVS und im VPE gilt VVS ganz einfach nicht. Deshalb muss der erhöhte Beförderungspreis bezahlt werden.
Also 40,- Euro Schwarzfahrer-Tarif für einen Automaten, der einem das falsche Ticket verkauft. Immerhin: Die Bahn verspricht, die Angelegenheit zu prüfen.

Auch Peter D. und Hubert B. haben schlechte Erfahrungen mit der Deutschen Bahn gemacht. Die beiden Radler sind unterwegs im Badischen auf ihrer jährlichen Radtour mit Freunden. Einen Teil der Strecke von Kirchzarten nach Donaueschingen wollen sie mit der Bahn überbrücken - mit einem "Baden-Württemberg-Ticket".
Der Schaffner hilft ihnen sogar noch beim Einladen der Räder. Doch dann wird auch bei ihnen abkassiert, 40,- Euro pro Person "Schwarzfahrertarif" sollen sie zahlen, wegen fehlender Fahrrad-Tageskarte. Für die Radler ist das nicht nachzuvollziehen.
Am Bahnsteig fand sich nirgendwo ein Hinweis, dass auf dieser Strecke für ein Fahrrad etwas extra zu zahlen ist. Bahnfahren mit dem Rad ist tatsächlich nicht so einfach. Die beiden hätten auf ihrer Strecke sogar kostenlos fahren können - aber erst ab 19.30 Uhr. In anderen Zügen ist es dagegen schon ab 9.00 Uhr morgens kostenfrei und in manchen gibt es gar keine Fahrradkarte. Da braucht man eine Kinderfahrkarte fürs Rad - ganz schön kompliziert.
Selbst jetzt, wo Peter D. und Hubert B. eigentlich wissen müssten, wie man eine Fahrrad-Tageskarte kauft, brauchen sie über fünf Minuten, um sie auf dem Automaten zu entdecken. Fazit: Die Tarifvielfalt und die Automaten sind viel zu kompliziert.
Der Sprecher der Bahn dagegen nimmt die Kunden in die Pflicht, man müsse sich nur informieren. Vier Möglichkeiten gebe es: Internet, Telefon, Reisezentrum und die Automaten. Man müsse nur nachschauen.
Bei der Bahn ist der Kunde also nicht König. Komplizierte Automaten, viele Menschen kommen damit nicht zu Recht. Wer dann noch sein Fahrrad mitnehmen will, muss sich richtig gut auskennen. Da muss sich noch einiges tun bei der Deutschen Bahn. Wir haben die Bahn natürlich um eine Stellungnahme gebeten. Man prüft noch, heißt es dort.
Im Fall der falschen Fahrkarten aus dem Automaten hat die Bahn inzwischen einen Softwarefehler festgestellt, man will sich bei den Jugendlichen entschuldigen und die Kosten nun doch erstatten. Wir bleiben auf jeden Fall dran.
Letzte Änderung am: 10.11.2011, 16.18 Uhr