MARKTCHECK deckt auf
aus der Sendung vom Donnerstag, 29.9.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Millionen Verbraucher sind schon auf Internet-Abofallen reingefallen. Die Folge: Ständig flattern neue Mahnungen für ungewollte Dienste ins Haus. Die Staatsanwälte kommen den Anzeigen nur langsam hinterher. Doch MARKTCHECK hat jetzt einen der Hintermänner aufgespürt und mit seinen Taten konfrontiert. Dazu gibt es Profi-Tipps, wie Sie sich vor unliebsamen Überraschungen im Internet schützen.

Über sogenannte Abofallen haben wir in MARKTCHECK schon oft berichtet. Aber: Zum ersten Mal konnten wir den Betreiber eines solchen Geschäftsmodells vor der Kamera mit seinen Praktiken konfrontieren. Von schlechtem Gewissen überhaupt keine Spur. Sein Geschäftsmodell: Einfache Internet-Angebote als teures Abo zu verkaufen. Und zwar ohne dass wir es merken, sonst würde ja kein halbwegs gescheiter Mensch mitmachen. Kochrezepte können das sein, oder Routenplaner oder auch Adressen von Fabrikverkäufen, sogenannten Outlet-Stores. MARKTCHECK deckt auf.
Harry B. soll 96,- Euro für ein Abo zahlen und fühlt sich betrogen: Er ist sich nicht bewusst, einen Vertrag abgeschlossen zu haben. Als er nach Fabrikverkäufen sucht, meldet er sich auf der Seite "outlets.de" an, dabei soll er einen Vertrag geschlossen haben. Einen Hinweis auf einen Vertrag hat Harry B. nicht gesehen.
Den Hinweis gibt es. Er ist jedoch winzig klein. Harry B. ist allerdings nicht der Einzige, der ihn übersehen hat. Über fünf Millionen deutsche Internetnutzer sind bereits in sogenannte Abo-Fallen getappt, auch Cordula R. und Wolfgang G. Auch sie haben nichtsahnend angeblich ein Abo bestellt. Jetzt werden sie mit Mahnschreiben überhäuft.
Seit fast zwei Jahren bekommt auch Harry B. immer wieder Post, inzwischen von einer Inkassofirma: Der Deutschen Zentral Inkasso. Es ist immer die gleiche Masche: Man soll seine Daten eingeben und klickt nichtsahnend auf eine Schaltfläche, um den Dienst nutzen zu können. Dabei übersehen viele regelmäßig das winzige Sternchen und den unauffälligen Hinweis auf die anfallenden Kosten. Outlets.de ist dabei nur eine von zahlreichen Seiten im Netz, auf die arglose Verbraucher reinfallen: Sie bieten Informationen und Software, die anderswo im Netz meist kostenlos zu haben sind.
Viele Seiten führen zu einer ganz bestimmten Adresse in Rodgau bei Frankfurt. Wer steckt hinter diesen Seiten? Bei der Recherche stoßen wir immer wieder auf einen Namen: Michael Burat. Er fällt auf in Verbindung mit einigen dieser sogenannten Abo-Fallen im Netz.
Adrian Fuchs vom Verbraucherportal "abzocknews.de". Er zählt Michael Burat zu den ganz Großen im Geschäft mit den sogenannten Abo-Fallen. Er rechnet uns vor, welche gigantischen Einnahmen Michael Burat allein mit Inkasso-Forderungen erzielen könnte. Vor Gericht war bereits von 800.000 Forderungen seines Geschäftspartners Deutsche Zentral Inkasso die Rede. Adrian Fuchs errechnet daraus ein Geschäftsvolumen (800.000 Forderungen x 96,- Euro) von 76 Millionen Euro. Da lohnt es sich, um das „Geschäftsmodell“ zu kämpfen.

Eine Oberstaatsanwältin zeigt einen riesigen Aktenberg, den der Fall Burat inzwischen einnimmt. Wegen früherer Geschäfte sitzt er zudem seit Februar in Osnabrück auf der Anklagebank. Ihm wird gewerbs- und bandenmäßige Erpressung und Betrug vorgeworfen. Die Oberstaatsanwältin will ihn demnächst auch in Frankfurt wegen Betrugs vor Gericht bringen. Sie geht davon aus, dass eine Absicht besteht, Kunden zu täuschen, wenn die Seite so aufgebaut ist, dass die Kostenpflicht regelmäßig übersehen wird.
Wir fahren nach Rodgau zu Michael Burat. Ein 12-Zylinder Luxus-Sportwagen steht vor der Tür. In dem hochgesicherten Firmenkomplex sind laut Handelsregister allein 15 Firmen registriert. Diesmal werden wir nicht mit dem Wasserschlauch, sondern vom Chef höchstpersönlich empfangen. Er führt uns durch sein Reich. Mitarbeiter dürfen wir nicht filmen und befragen. Sie werden vorher rausgeschickt. Wir konfrontieren ihn mit dem Vorwurf von Harry B., der nie einen Vertrag abschließen wollte. Michael Burat beteuert, er könne sich nicht vorstellen, dass jemand die Preishinweise übersehen könnte. Er zeigt sich völlig unschuldig. Bereitwillig führt er uns sogar seine Mahndruckmaschine vor, die auf Hochtouren läuft. Trotz zahlreicher Beschwerden, Anzeigen und Ermittlungsverfahren - Burat mahnt weiter.
Zumal Dienste, wie Michael Burat sie anbietet, auch kostenlos im Netz zu haben sind. Wir lassen uns seinen 96,- Euro teuren Routenplaner zeigen: Als wir ihn eine Route eingeben lassen, öffnet sich der Routenplaner von Michelin, der Reifenfirma. Ein definitiv kostenloser Dienst. Burats eigener lässt sich gar nicht öffnen. Aber auch beim zweiten Versuch funktioniert er nicht. Ein technisches Problem, dem er nachgehen wolle, gibt Michael Burat an.
Rechtsexperten wie Professor Thomas Hoeren, Universität Münster, er ist einer der Spezialisten auf dem Gebiet des Online-Rechts halten das Geschäft eindeutig für Abzocke. Aber wenn 80 oder 90 Prozent der Leute zahlen, hat sich das Geschäft schon gelohnt. Vor Gericht ist nach Wissen des Experten noch keine der Firmen gezogen. Die Betroffenen sollten auf keinen Fall zahlen.
Ob die Justiz dieses zweifelhafte Geschäft bald beenden kann, ist noch offen. Solange heißt das für betroffene Internetnutzer: Sofort schriftlich widerrufen und vor allem nicht zahlen.
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Letzte Änderung am: 28.09.2011, 13.09 Uhr