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Geschäft mit gefälschten Gemälden Milliardenschäden durch Kunstfälschungen

Noch bis Sonntag findet die art Karlsruhe statt. Ein Dauerbrenner bei den Kunstsammlern ist das Thema Fälschungen. Schätzungen zufolge entstehen jedes Jahr Schäden in Milliardenhöhe.

Blick in einen Gang auf der art KARLSRUHE

Kunstmesse art Karlsruhe 2017

Fast jedes dritte Kunstwerk auf dem Markt ist laut Experten gefälscht. Die Landeskriminalämter in Deutschland haben deshalb in den vergangenen Jahren ihr Personal aufgestockt und versuchen, gegen die Kunstfälscher vorzugehen. Allerdings sind die Spezialisten der Polizei oft machtlos. Denn die Fälscher werden immer professioneller.

Gespräch mit Professor Henry Keazor, Kunsthistoriker am Institut für Europäische Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg.

Warum fallen selbst renommierte Auktionshäuser, Galerien und Museen immer wieder auf Fälscher rein?

Kunsthistoriker Henry Keazor

Kunsthistoriker Henry Keazor

Wenn es um die Begutachtung von Kunstwerken geht, gibt es drei Säulen: Das Erste ist die Stilkritik. Das heißt, Sie brauchen einen Experten, der begutachten kann, ob das Werk ästhetisch überzeugend als Original rüberkommt. Das zweite ist die Provenienz, dass Sie nachprüfen, welche Geschichte das Werk hat. Wenn bereits auf diesen beiden Stufen Zweifel auftreten, kann man eine naturwissenschaftliche Untersuchung in Auftrag geben.

Bei den ersten beiden Säulen kann es oft problematisch werden, weil zum einen die Sachen nicht extern begutachtet werden, sondern es sind oft die Leute von Christie's oder Sotheby's selber, die da tätig sind. Die haben natürlich ein Interesse, das heißt, sie sind nicht ganz objektiv.

Das hatten sie zum Beispiel bei Sotheby's, wo auch ein Frans Hals vor Kurzem als Fälschung entlarvt wurde. Da war es so, dass ein anderes Auktionshaus - Christie's - sich geweigert hat, das zu verkaufen. Sie haben gesagt, da gibt es keine Provenienz. Man merkt eben, dass es zur Ausbildung des Kunsthistorikers dazu gehören sollte, dass er sich intensiv mit Fälschungen befasst.

Müsste nicht die naturwissenschaftliche Untersuchung zu dem Ergebnis führen, dass ein Gemälde falsch ist - gerade bei alten Meistern wie Hals?

Bildausschnitt eines Gemäldes von Alexej von Jawlensky

Bei vielen Galeristen auf der art Karlsruhe gibt es auch Fälschungsberatung

Wenn ein Fälscher richtig gut ist, kann er ein Bild so fälschen, dass die naturwissenschaftliche Untersuchung zum Ergebnis kommt, mit dem Bild stimme alles. Es hat immer wieder Fälle gegeben, in denen ein Labor zum Ergebnis gekommen ist, das ist ein echtes Bild, an dem herumrestauriert wurde.

Ein anderes Labor kam zu dem Ergebnis, nein, das ist eine Fälschung, weil die fremden Substanzen in Malschichten auftauchen, die grundlegend sind, und die nicht auf eine Restaurierung zurückgehen können.

Wenn ein Fälscher richtig gut arbeitet, arbeitet er genau mit den richtigen Materialien. Er kauft sich alte Pinsel, er kauft sich die Substanzen, mit denen die Farbe zubereitet wird, er kauft sich keine fertige Farbe. Er arbeitet zum Beispiel auch mit alten Leinwänden. Dann haben Sie große Probleme anschließend herauszufinden, wann mit den Sachen etwas gemacht wurde.

Jemand, der ein Gutachten erstellt, hat eine sehr hohe Verantwortung. Wie schafft man es, dieser Verantwortung gerecht zu werden?

Bildkombination: Gefälschte Kunstwerke im Gerichtssaal, daneben der verurteilte Maler und Fälscher

Einer der bekanntesten Kunstfälscher ist Wolfgang Beltracchi, der über Jahrzehnte gefälschte Gemälde erfolgreich verkauft hat

Ich glaube, das oberste Gebot ist Demut. Dass man sich immer im Klaren sein muss, dass man eventuell falsch liegen kann mit seinem Urteil. Daraus resultiert auch der zweite Punkt: Dass man nicht versucht, alles alleine zu machen. Dass man gegebenenfalls tatsächlich Kollegen fragt. Dass man zu Naturwissenschaftlern geht und sagt, schaut euch das mal an.

Denn das hat die Vergangenheit gezeigt: Dieses Über-Ego, das viele Experten haben, dass sie der Meinung sind, sie können entscheiden, was echt und was falsch ist - das ist genau die Schwachstelle, auf die Fälscher zielen, weil es da auch um persönliche Eitelkeiten geht. Von daher kann man wirklich nur dazu mahnen: Demut und Kommunikation.

Wirtschaftlicher Schaden in Deutschland: Wie hoch der wirtschaftliche Schaden in Deutschland durch gefälschte Kunstobjekte ist, ist unklar. "Wir haben in Deutschland keinen eigenen Straftatbestand für die Kunstfälschung", sagt René Allonge, der beim Berliner Landeskriminalamt das Dezernat Kunstdelikte leitet. "Das ist rechtlich gesehen eine Mischung aus Urkundenfälschung und Betrug. Somit bildet auch unsere Statistik nicht den eigentlichen Schaden und das Fallaufkommen ab." Schätzungen zufolge sollen sich die Schäden durch Kunstfälschungen in Deutschland im mehrstelligen Millionenbereich bewegen.

Online: Tobias Frey

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