aus der Sendung vom Donnerstag, 2.2. | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Fast eine Million Menschen sind in Deutschland über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Viele über Jahre hinweg und das heißt oft auch: gleiche Arbeit, aber weniger Geld. MARKTCHECK klärt auf, warum viele Arbeitslose trotzdem kaum eine andere Möglichkeit als Berufseinstieg haben.

Zeitarbeitsfirmen im Aufwind
Als die Bundesagentur für Arbeit Anfang Januar 2012 die neuesten Arbeitsmarktzahlen präsentierte, sah man nur strahlende Gesichter: Geringste Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren, die deutsche Wirtschaft boomt weiter und das mitten in der Eurokrise! Vor allem aber boomt eine Branche: Die Zeit- oder Leiharbeit. Mehr als 900.000 Menschen in Deutschland sind inzwischen über Verleihfirmen beschäftigt. Das ist ein neuer Rekord, den die Arbeitsagenturen sogar zu fördern scheinen.
Der Werkzeugmacher mit Berufserfahrung Oliver Neumann aus Freiburg ist monatelang auf der Suche nach einem Job. Die Firma "Kranservice Schaller" in Freiburg ist monatelang auf der Suche nach einem festen Mitarbeiter. Beide wenden sich an die Agentur für Arbeit. Ihre Suche könnte eigentlich zu Ende sein, doch es kommt anders. Bei der Arbeitsagentur bekommt weder der 34-Jährige einen festen Job, noch die Firma den gesuchten Mitarbeiter.
Stattdessen werden Oliver Neumann nur Zeitarbeitsangebote übermittelt. Er geht zunächst in Zeitarbeit, doch dann macht er sich selbst auf die Suche nach Arbeit. Zum Glück, denn er selbst findet den Job bei "Kranservice Schaller" - unbefristet und ordentlich bezahlt. Hätte er sich auf die Arbeitsagentur verlassen, wäre er wohl noch heute in Leiharbeit. Er müsste mehr arbeiten und würde weniger Geld verdienen.
Obwohl Facharbeiter dringend gesucht werden, schicken die Arbeitsagenturen viele direkt in Leiharbeit. Das hat System, sagen Arbeitsmarkt-Experten wie Prof. Stefan Sell vom Institut für Bildungs- und Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz. Er glaubt, dass die Jobcenter einen Riesenvorteil durch die Vermittlung in Leiharbeit haben, denn mit relativ wenig Aufwand können so viele Menschen vermittelt werden. Das alles zähle als Vermittlung und Integration und daran werden die Jobcenter gemessen - auch wenn die Menschen nach zwei bis drei Monaten erneut vor der Tür stehen.
Die Zusammenarbeit zwischen öffentlich finanzierten Arbeitsagenturen und privaten Zeitarbeitsfirmen ist einfach: Die Zeitarbeitsfirmen melden Stellenangebote. Dafür suchen und schicken die Agenturen ihnen kostenlos passende Bewerber. Die Zeitarbeitsfirmen vermitteln die Arbeitsuchenden weiter an Unternehmen - mit ordentlichem Gewinn. Denn von jedem Lohn eines Zeitarbeiters geht ein erheblicher Teil an die Verleihfirma.
Hinzu kommt: Viele Zeitarbeiter verdienen so wenig, dass sie vom Staat Lohnzuschüsse bekommen müssen.
Doch warum helfen die Arbeitsagenturen dabei? Bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg sieht man darin kein Problem. Dort gelten Zeitarbeitsfirmen als Arbeitgeber wie alle anderen auch. Zeitarbeit werde zwar nicht bevorzugt, aber auch nicht benachteiligt.
Wirklich? Keine Bevorzugung der Zeitarbeit? Tatsächlich sitzen Zeitarbeitsfirmen oft mit in den Gebäuden der Arbeitsagenturen. Die Agenturen veranstalten auch spezielle Zeitarbeiter-Messen. Stellen sich Arbeitssuchende dort nicht vor, drohen ihnen Sanktionen. Und: In Broschüren macht die Arbeitsagentur fleißig Werbung für Zeitarbeit. Sie sei "ein Markt mit Zukunft". Baue "Brücken in die Berufswelt". Brücken, die die Arbeitsagenturen eigentlich selbst bauen sollten.
Auch Karl Koch aus Bielefeld ist frustriert. Seit zwölf Jahren hangelt sich der Schlosser von Zeitarbeitsstelle zu Zeitarbeitsstelle. In seiner Laufbahn als Zeitarbeiter hat Karl Koch eins gelernt: Die Zeitarbeitsfirmen spielen die Arbeitsagenturen längst an die Wand. Oftmals überschwemmen sie diese mit Stellenangeboten und melden mehr offene Stellen, als es tatsächlich gibt. Mit den Bewerbern der Arbeitsagentur, die sie nicht gleich weitervermitteln, füllen sie eigene Bewerberpools und geben daraus im Bedarfsfall Bewerber weiter, ehe die Jobcenter reagieren können.
Offiziell verbietet das die Arbeitsagentur, doch Kontrollen sind schwierig. Und: Die Arbeitsmarktstatistik wird dadurch geschönt.
Experten fordern: Das muss ein Ende haben. Arbeitsagenturen und Jobcenter müssten bevorzugt normale Arbeit vermitteln und nur als Notlösung auf Leiharbeit zurückgreifen. Heute sei die Leiharbeit an erster Stelle. Das müsse sich ändern, auch um unterwertige Beschäftigung zu vermeiden. Doch so lange Leiharbeit in der Statistik genauso zählt wie feste Jobs, wird sich in den Arbeitsagenturen wohl nicht viel ändern.
Der Werkzeugmacher Oliver Neumann rät Arbeitslosen, sich selbst zu bewerben und nach Stellen zu suchen.
Fragt sich nur, wozu es dann noch die Arbeitsagenturen braucht, in die Jahr für Jahr Milliarden an öffentlichen Geldern fließen.
Letzte Änderung am: 02.02.2012, 21.00 Uhr