aus der Sendung vom Donnerstag, 16.6.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Rund eine Million Zeitarbeiter - Gewerkschaften sagen Leiharbeiter - sind mittlerweile oft Teil der Belegschaft, verdienen aber bis zu einem Drittel weniger als die Festangestellten. Bedroht das auf Dauer die festen Arbeitsplätze? MARKTCHECK erklärt die Zusammenhänge.
An den Händen hinterlässt ihre Arbeit Spuren. Die 50-jährige ist seit Jahren als Produktionshelferin im Einsatz zuletzt für einen Hersteller von Messern. Aus Angst, ihren jetzigen Arbeitsplatz zu verlieren, möchte sie nicht erkannt werden.
Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen mussten Messer schleifen und in Hüllen verpacken. Sie hat sich in die Hand geschnitten, weil es keine Sicherheitshandschuhe gab. Sie wurde krankgeschrieben und ihre Vorgesetzte meinte lapidar, sie solle in Zukunft besser aufpassen.
In einer anderen Firma sollte sie deutlich mehr Stunden arbeiten als üblich. Wenn sie sich diesen Vertrag anschaut, wird sie heute noch sauer: Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt dort mindestens 60 Stunden!

Pia G. ist Zeitarbeiterin. Sie war schon bei vielen Firmen beschäftigt. Vom Boom auf dem Arbeitsmarkt hat sie nichts mitbekommen. Die Umstände werden immer schlechter, man wird immer schlechter bezahlt, es wird immer mehr gefordert, so erdrückend empfindet sie ihre Situation. Zeitarbeiter oder wie die Gewerkschaften sagen Leiharbeiter, sind mittlerweile oft Teil der Belegschaft, verdienen aber bis zu einem Drittel weniger als die Festangestellten. Heute gibt es laut einer Studie doppelt so viele Zeitarbeiter wie 2004. Rund eine Million sind es in Deutschland.
Bernd Riexinger von der Gewerkschaft Verdi ist beunruhigt. Denn ursprünglich sollten Unternehmen mit Zeitarbeitern lediglich Auftragsspitzen ausgleichen. Doch die Realität sieht anders aus. Mit Folgen auch für die Festangestellten. Nach seiner Ansicht wird die Leiharbeit in erster Linie eingesetzt, um billigere Arbeitskräfte zu beschäftigen, um Kernarbeitsplätze abzubauen und im Prinzip, um Lohndumping einzuführen. Und wenn der Kernarbeiter neben sich eine Person hat, die die gleiche Arbeit zu einem deutlich niedrigeren Lohn und zu schlechteren Arbeitsbedingungen macht, dann müsse er sich natürlich fragen, ob er nicht auf Dauer vom Leiharbeiter ersetzt wird.
Auch namhafte Unternehmen wie Daimler in Stuttgart nutzen das Instrument Zeitarbeit. Ein Betriebsrat berichtet von einem Beispiel im Logistikbereich: Ein direkt bei Daimler Angestellter bekommt dort einen Stundenlohn von 19,- Euro. Bezieht Daimler ihn über eine Fremdfirma sind es 10,- Euro. Bei dem dort angestellten Zeitarbeiter kommen aber nur noch 7,50 Euro an. Unterschiedliche Löhne für ähnliche Arbeit.
Die Bedingungen werden schlechter - nicht nur für Zeitarbeiter. Bei uns hat sich ein junger Mann gemeldet, der sich auf einen regulären Job bei dem Möbelunternehmen XXXL beworben hat. Den Arbeitsvertrag legen wir Bernd Riexinger vor.
Er hält diesen Arbeitsvertrag für einen Knebelungsvertrag für den Beschäftigten. Alle Vorteile liegen auf Seiten des Arbeitgebers, alle Nachteile liegen auf Seiten des Beschäftigten. Es wird die erste Woche nicht bezahlt, obwohl Probearbeitsverhältnisse, die unbezahlt sind, nicht zulässig sind. Es ist eine doppelte Befristung vorgesehen, was rechtlich nicht zulässig ist. Solche Verträge würden nur von unseriösen Zeitarbeitsfirmen gemacht. Seriöse Firmen würden solche Verträge nicht anbieten.
Wir konfrontieren das Unternehmen mit diesen Vorwürfen. In einer Stellungnahme teilt man uns unter anderem mit: Bei dem Vertrag handele es sich lediglich um einen Mustervertrag, der künftig so nicht mehr verwendet würde.
Trotz Aufschwung. Viele Arbeitnehmer werden auch künftig schlechte oder gar unseriöse Verträge vorgelegt bekommen.
Letzte Änderung am: 09.06.2011, 18.11 Uhr