aus der Sendung vom Donnerstag, 16.6.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Gefährliche Nebenwirkungen haben viele Arzneimittel. Die Listen in den Beipackzetteln sind endlos lang und unübersichtlich. Eigentlich müssen Apotheker bei vielen Wirkstoffen von sich auf Risiken hinweisen. MARKTCHECK macht den Test.

Unser Testkäufer, Peter B. ist 55 Jahre alt und Diabetiker. Er soll in Karlsruhe für uns in zehn Apotheken Paracetamol kaufen. Ein Routinegeschäft für die Apotheker, bei dem sie aber eigentlich genau hinschauen müssten. Denn seit April vergangenen Jahres dürfen sie gesetzlich nur noch eine Packung pro Patient verkaufen. Eine zu hohe Dosierung kann sogar tödlich sein. Unser Testkäufer will wissen, ob die Apotheker diese Vorschrift wirklich ernst nehmen. Er verlangt gleich drei Packungen auf einmal.
Unser Testkäufer ist überrascht, denn auf die Nebenwirkungen hat ihn fast niemand aufmerksam gemacht. Nur einmal wird auf etwaige Leberschäden hingewiesen. Auch eine Frage nach Vorerkrankungen wird kaum gestellt, schließlich ist er Diabetiker. Das könnte Komplikationen geben.
Die Ausbeute sind 15 Päckchen in einer Stunde - eine tödliche Dosis.
Als wir Apotheker mit dem Ergebnis konfrontieren, wird zugegeben, dass man hätte nachfragen müssen.
Der Verweis auf den Beipackzettel entschuldigt den Apotheker nicht! Nur der Hersteller kann sich damit aus der Haftung befreien. Steht eine Nebenwirkung auf dem Zettel, muss der Pharmakonzern nicht haften. Deshalb wird mit der Zeit die Liste auch immer länger und unübersichtlicher für den Patienten. Und eine fachkundige Beratung wird deshalb immer wichtiger!
Wir schicken unseren Test-Patienten mit einer erfundenen Krankengeschichte zum Arzt: Er behauptet, sich beim Baumfällen verrenkt zu haben und jetzt unter ganz fürchterlichen Kopfschmerzen zu leiden. Er brauche fürs Wochenende schnelle Hilfe. Alle Ärzte verschreiben ihm sofort ein Schmerzmittel - ohne Probleme.
Insgesamt fühlte sich Peter B. von den Ärzten gut beraten. Aber bei einem Arzt erhielt er ein Medikament, das aus Tag- und Nachttabletten besteht, die Nachtration macht fahruntüchtig. Keines dieser Details kam beim Arzt zur Sprache.
Kein Einzelfall! Die Techniker Krankenkasse hat eine Umfrage bei ihren Patienten gemacht. Das Ergebnis: 20 Prozent von ihnen wurden gar nicht oder unzureichend über Nebenwirkungen aufgeklärt. Und das ist kein Kavaliersdelikt, nach Schätzungen gehen 5 bis 10 Prozent aller Notaufnahmen im Krankenhaus auf Nebenwirkungen von Medikamenten zurück.
Unser Test-Patient will den Hinweis: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker, künftig beim Wort nehmen. Er hat gelernt, dass man selbst aktiv werden muss. Auf Informationen von anderen warten, sollte man besser nicht.
Immerhin soll sich künftig etwas bessern: Das Europäische Parlament hat die Probleme mit den Nebenwirkungen erkannt. Bis Mitte 2012 soll die Übersichtlichkeit von Beipackzetteln neu geregelt werden und eine Datenbank angelegt sein, auf der alle Patienten die Nebenwirkungen ihrer Medikamente im Internet abfragen können.
Medikamente: Wie Sie Beipackzettel richtig lesen
Viel zu klein geschrieben, schlecht gegliedert, schwer verständlich und zu umfangreich - die meisten Patienten fühlen sich von den Packungsbeilagen eher verunsichert als informiert. Wichtig sind vor allem Dosierung, Warnhinweise und der richtige Umgang mit den Nebenwirkungen. [mehr]
Nebenwirkungen der Top 10-Arzneien
Wir haben die zehn meistverkauften Wirkstoffe samt der Medikamente und den möglichen Nebenwirkungen mit Hilfe von Stiftung Warentest für Sie zusammengestellt. [mehr]
Letzte Änderung am: 09.06.2011, 18.11 Uhr