aus der Sendung vom Donnerstag, 20.10.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Viele Patienten nehmen regelmäßig mehrere Medikamente ein. Häufig führt das aber zu problematischen Nebenwirkungen - vor allem bei älteren Menschen. Arzneimittel wirken im Körper von Senioren anders als bei Jüngeren. Unnötige Leiden und Krankheiten sind die Folge. MARKTCHECK hinterfragt die Gefahren und zeigt Auswege.
Medikamente sollen eigentlich gesund machen. Was aber kaum einer weiß: Durch Pillen und Tröpfchen sterben mehr Menschen als im Straßenverkehr - bundesweit jährlich bis zu 57.000. Der Grund: Gefährliche Nebenwirkungen. Betroffen sind vor allem ältere Patienten, die oftmals viele verschiedene Arzneimittel einnehmen. Arzneimittel, die sie dann eben nicht gesund machen, sondern noch viel kränker.
Beutelweise Arzneimittel
Bei Karl B. fing es vor zehn Jahren an: Diagnose Diabetes. Eigentlich war er immer ein Feind von Medikamenten. Inzwischen sind weitere Krankheiten dazugekommen - und weitere Pillen: Nach seinem letzten Krankenhausaufenthalt wurde ihm bei der Entlassung ein ganzer Beutel voll Medikamente verordnet. Er konnte kaum noch Laufen ohne außer Atem zu geraten. Elf Tabletten täglich nahm er ein: Gegen Bluthochdruck, hohes Cholesterin und für das Herz. Karl B. scheint gut versorgt. Doch trotz der vielen Mittel geht es ihm täglich schlechter.
Undurchschaubare Wechselwirkungen
Er wird unsicher und geht schließlich zum Hausarzt. Als der den Zustand seines Patienten und vor allem die Medikamentenliste sieht, erschrickt er. Der Internist stellt fest, dass es zu viele Medikamente sind. Karl B. wird schwindelig, er droht zu stürzen. Deshalb überlegt der Arzt, auf was man verzichten kann. Das Krankenhaus hat eigentlich nach dem Lehrbuch verordnet, aber für diesen Patienten ist es einfach zu viel.
Krank durch Heilmittel
Durchschnittlich sechs Medikamente nehmen über 65-jährige pro Tag. Dabei sind die Wechselwirkungen schon ab vier Präparaten kaum mehr zu kontrollieren, so Experten. Professor Gerd Glaeske vom Institut für Sozialpolitik in Bremen stellt fest, dass etwa 10,2 Prozent der älteren Menschen, an nichts anderem leiden als an den unerwünschten Wirkungen von Arzneimitteln. Sie müssen deswegen oft sogar ins Krankenhaus. Es wird nicht die Krankheit behandelt, sondern die Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Er schätzt die Kosten, die so entstehen, auf 500 bis 600 Millionen Euro pro Jahr.
Medikamente weglassen
Die Betroffenen der Pillenflut landen oft in geriatrischen Kliniken. Ein 74-jähriger Patient liegt seit zwei Wochen dort. Er ist gestürzt und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Die Ärzte sind sich sicher: Schuld waren seine vielen Arzneimittel.
18 Medikamente hat Peter M. täglich eingenommen. Darunter gleich mehrere wegen seiner Parkinsonkrankheit. Die Folge: Schwere Nebenwirkungen wie Verwirrtheit und Schwindel. Nachdem die Hälfte der Medikamente abgesetzt wurde, geht es ihm besser.
Chefarzt Prof. Ralf-Joachim Schulz, Geriatrie St. Marien-Hospital Köln, hat die Erfahrung gemacht, dass im Schnitt etwa 30 Prozent der Medikamente weggelassen werden können.
Riskante Wirkstoffe für Senioren
Viele Arzneimittelnebenwirkungen bei Älteren könnten also vermieden werden, indem man ganz einfach weniger Pillen verordnet oder bestimmte Wirkstoffe erst gar nicht einsetzt. Das Problem ist schon lange bekannt. 2010 haben Forscher besonders riskante Mittel für ältere Patienten auf die sogenannte Priscus-Liste gesetzt. Sie rufen besonders häufig Nebenwirkungen hervor. Trotzdem erhält ein Drittel der Senioren immer noch solch problematische Präparate. Oft auch noch zusammen mit weiteren Mitteln.
Prof. Petra Thürmann vom Philipp-Klee-Institut für Klinische Pharmakologie kennt einige Kombinationen, die eigentlich nicht gegeben werden dürften, zum Beispiel passen bestimmte Herzmedikamente, die Auswirkungen auf den Herzrhythmus haben, nicht zusammen oder verschiedene Medikamente gegen Depressionen und Schlafmittel sind untereinander unverträglich.
Veränderte Körperfunktionen
Peter M. läuft trotz seiner Operation heute wieder sicher. Vorher war das kaum denkbar, erzählt sein Sohn. Innerhalb kurzer Zeit habe sich seine Persönlichkeit durch die vielen Medikamente total verändert. Dabei war er bis vor drei Jahren noch als Rechtsanwalt tätig. Zwischenzeitlich war er teilweise gar nicht ansprechbar. Der Grund: Im Alter lassen viele Körperfunktionen nach. Arzneimittel werden beispielsweise langsamer über die Niere ausgeschieden, wirken stärker und können dadurch sogar kurzzeitig überdosiert sein.
Tests mit Jungen und Gesunden
Zwei Drittel aller Arzneimittel werden von älteren Patienten geschluckt. Doch in ihren Zulassungsstudien testen die Pharmafirmen ihre Präparate lieber bei Gesunden und Jüngeren. Am Ende weiß niemand, wie die Medikamente bei der Hauptzielgruppe wirken.
Studien für ältere Patienten
Prof. Gerd Glaeske fordert von der pharmazeutischen Industrie Studien, um älteren Menschen eine vernünftige Therapie zu gewähren und auch um Ärzte bei der Auswahl der Arzneimittel richtig informieren zu können. Bislang sei das noch zu selten.
Pharmahersteller wiegeln ab
Wir konfrontieren den Verband der forschenden Pharmahersteller mit der Kritik. Ein Interview vor der Kamera wird abgelehnt. Schriftlich wiegelt man ab: Studien mit alten Patienten würden durchaus bereits durchgeführt. Außerdem seien die Wechselwirkungen, die in der Praxis bei Patienten auftreten, längst bekannt.
Für die Betroffenen ein schwacher Trost. Dabei wäre auf Dauer nicht nur Ärzten und Patienten geholfen, wenn Risiken und Nutzen der Mittel besser untersucht wären. Damit könnten auch die Krankenversicherungen eine Menge Geld sparen.
Was tun bei Wechselwirkungen? Gast im Studio war Prof. Dr. med. Martin Wehling. Er betreibt im Mannheimer Zentrum für Gerontopharmakologie eine Ambulanz, in der sich ältere Patienten bezüglich ihrer Medikamente beraten lassen können. In MARKTCHECK erklärt er, woran man mögliche Gefahren erkennt und was man dagegen unternehmen kann. [mehr]
Letzte Änderung am: 18.10.2011, 14.03 Uhr