aus der Sendung vom Donnerstag, 29.9.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Achterbahnfahrt an den Börsen gehört spätestens seit Beginn der Finanzkrise zum Alltag der Wirtschaftsnachrichten. Allerdings mischen seit einigen Jahren Computerprogramme verstärkt bei den Börsengeschäften mit. In Sekundenbruchteilen entscheiden die Rechner, ob sie kaufen oder verkaufen. Insider befürchten, dass dadurch die Kursschwankungen noch verstärkt werden. MARKTCHECK erklärt die Zusammenhänge.

So kann es nicht weiter gehen an den Finanzmärkten: Das rapide Auf und Ab ist riskant für unsere Wirtschaft. EU-Kommissionspräsident Barroso fordert deshalb jetzt eine EU-weite Finanztransaktionssteuer. Damit wir Steuerzahler nicht mehr mit Milliarden einspringen müssen. Während einige Verursacher der gefährlichen Kursschwankungen gut versteckt und völlig emotionslos einfach weiter machen. Denn diese Verursacher, das sind: Computer - Hochleistungscomputer. Maschinen, die innerhalb von wenigen Sekunden mit Milliarden zocken. Wir haben uns die Rechnerhochburg einmal vor Ort angesehen.
Ein Industriegebiet im Osten von Frankfurt. Besucher und Kameras sind hier unerwünscht. Aber was da hinter hohen Zäunen geschieht, das betrifft uns alle. Es geht um Milliarden. Mysteriöse Aktien-Abstürze wie 2010 in New York häufen sich. Früher ging es an der Börse turbulent und lautstark zu, aber es waren Menschen, die kauften und verkauften. Heute handeln Computer mit Computern. An der deutschen Börse gut die Hälfte aller Aktienumsätze, in den USA über 70 Prozent. Innerhalb von Millisekunden verkaufen und kaufen sie tausende von Aktien, bewegen Milliarden mit kleinsten Kursunterschieden von nur wenigen Cent. In der Fachsprache heißt das Hochfrequenzhandel.
Börsenhändler wie Oliver Roth (Close Brothers Seydler) befürchten, dass die Verwerfungen durch den Hochfrequenzhandel deutlich verstärkt werden und fordern, dass die Regulierungsbehörden einschreiten. Wenn die Börse also ohnehin nervös ist, sagt Oliver Roth, dann reagieren die Kurse wegen der Computer noch extremer. Er und seine Kollegen schauen diesem Spiel hilflos zu. Teure Rechner und Spezialisten für den Hochfrequenzhandel kann sich sein Unternehmen gar nicht leisten. Das Geschäft machen vor allem Großbanken und Hedgefonds. Kleinanleger haben das Nachsehen.
Märkte werden durch technische Überlegenheit und erhöhte Geschwindigkeit beherrscht. Geld verdienen fast ohne Risiko ist ein Spekulantentraum. Geschwindigkeit ist alles. Die Börsen machen daraus ein Geschäft und vermieten Plätze im Rechenzentrum. Dort stellen die Hochfrequenz-Händler ihre Computer direkt neben die Rechner der Börse. Denn bei nur tausendstel Sekunden geht es sogar um die Länge der Kabel. Wer den schnellsten Handel durchführen kann, gewinnt wahrscheinlich das Geschäft. Perfekte Technik und räumliche Nähe, es spielt dabei sogar eine Rolle, ob die Information über 100 Meter, 5 Kilometer oder 100 Kilometer geleitet wird.
Warum überlässt der Mensch der Maschine die Entscheidung über Milliarden von Dollar und Euro? Wir sind im feinen Frankfurter Westend bei SuperFund. Ein Hedgefonds, der zwar keinen Hochfrequenzhandel betreibt, aber mit ganz ähnlichen Instrumenten arbeitet, also auf die Überlegenheit der Computerprogramme, der Algorithmen, setzt. Die Strategie hat viele Fans, schon etwa zwei Drittel des weltweiten Wertpapierhandels laufen auf dieser Basis.
Der Börsenhändler Oliver Roth sieht darin eine Möglichkeit, mit relativ wenig Risiko viel Geld zu verdienen. Daher sei der Computerhandel dem Mensch in normalen Zeiten überlegen. In Krisenzeiten hält er allerdings den Menschen für besser geeignet, Entscheidungen zu treffen.
Die Risiken des Hochfrequenzhandels mit Computern kann noch niemand so richtig abschätzen. Tempo herausnehmen würde eine Börsenumsatzsteuer. Doch da zögert die Politik.
Letzte Änderung am: 28.09.2011, 13.02 Uhr