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Fernsehen im SWR

Medikamente Fragwürdige Arzneimittel-Innovationen

aus der Sendung vom Donnerstag, 16.6.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen

Wenn ein neues Medikament auf den Markt kommt, erwarten die Patienten, dass es ihnen damit besser geht, dass es schneller heilt oder weniger Nebenwirkungen hat. Doch manche Innovation hat schlimmere Nebenwirkungen als die bisherigen Produkte. Zählt da noch das Wohl des Patienten oder eher der Profit der Hersteller?

Gesunde Frau in Todesgefahr

Felicitas R. hat es besonders hart getroffen, Sie war 20 Minuten lang klinisch tot. Die 26-jährige ist davon überzeugt, dass die fatalen Nebenwirkungen eines Medikaments beinahe ihr Leben gekostet hätten.

Felicitas hat sich immer gesund ernährt, war sportlich aktiv, also kein Risikofall. Ihr Tierarzt-Studium hat sie in Rekordzeit abgeschlossen. Jetzt leidet sie unter Angstzuständen und lebt mit enormen Einschränkungen. Sie darf nicht lange sitzen oder stehen und muss ihr Bein immer hochlagern. Damit kann sie weder Sport treiben, noch in eine längere Theatervorführung gehen, noch in Urlaub fliegen.

Schwere Nebenwirkungen einer Innovation?

Sie nahm die Anti-Baby-Pille „Yasminelle“ der Firma Bayer ein, acht Monate lang. Pillen mit dem Wirkstoff „Drospirenon“ sind die neueste Generation. Dass die gefährlicher sein sollen als bisherige, wusste Felicitas nicht, sagt sie. Sie hatte darauf vertraut, ein zugelassenes Medikament zu nehmen, das verschrieben wurde. Weil sie nicht zu einer Risikogruppe gehört, hatte sie nicht mit größeren Nebenwirkungen gerechnet.

Bei Felicitas R. hatte die Frauenärztin die bekannten Risiken wie Rauchen und Vorerkrankungen in der Familie abgefragt, aber ohne diese, sah sie keine Einschränkung für die Einnahme.

Doch Felicitas wurde krank: Mehrere Blutgerinnsel wanderten in ihre Lunge, verursachten eine beidseitige Lungenembolie und einen Herzstillstand. 20 Minuten war sie klinisch tot. Jetzt muss sie täglich ihre Blutwerte kontrollieren. Eine erneute Thrombose kann tödlich sein.

Selbsthilfegruppe von Pillen-Geschädigten

Mit ihrer Geschichte ist sie nicht allein. Anderen Frauen ist es ähnlich ergangen. Seit kurzem betreiben sie gemeinsam eine Internetseite http://www.risiko-pille.de/, wollen andere warnen. In Deutschland sind bereits 14 Frauen gestorben. Sie alle haben Pillen mit dem Wirkstoff Drospirenon geschluckt. Ob sie deswegen starben, ist unklar.

Widersprüchliche Studien

Trotzdem sind die Pillen weiterhin erhältlich. Angeblich sollen sie nicht gefährlicher sein als ältere Medikamente. Vier Studien, die das behaupten, sind allerdings allesamt von Bayer finanziert.

Zwei neue Studien zeigen jedoch, dass das Risiko an einer Thrombose zu erkranken, mit den Pillen doppelt bis dreimal so hoch ist.

Der Gesundheitsexperte Prof. Dr. Gerd Glaeske geht davon aus, dass die Firmen von den kritischen Studien wissen, diese aber immer eher zurückhalten. Positive Studien werden dagegen eher in den Vordergrund gestellt und so eingesetzt, dass sie den Nutzen der Mittel überzeugend belegen.

Marktführer bei Anti-Baby-Pillen

Aktuell gehört Bayer in Deutschland zu den Marktführern bei Anti-Baby-Pillen. Weltweit ist der Konzern die Nummer eins. Allein 2010 nahm das Unternehmen dank der Pille 1,1 Milliarden Euro ein. Im Netz betont Bayer lieber die „positiven Nebenwirkungen“: So sollen die Pillen auch gegen Akne helfen. Außerdem würden Frauen nicht zunehmen wie bei anderen Antibabypillen.

Keine Warnung im Beipackzettel

Experten wie Prof. Gerd Glaeske kritisieren, dass gesunde Frauen durch die Pillen krank werden. Aus seiner Sicht gehören die Pillen nicht auf den Markt.“

In den Packungsbeilagen ist von einem höheren Risiko keine Rede. Erst jetzt auf Druck des Bundesinstituts für Arzneimittel will Bayer sie ändern. In Norwegen ist man bereits einen Schritt weiter gegangen. Dort wird Ärzten empfohlen, die neuen Drospirenon-Pillen nicht mehr zu verschreiben.

Uneinsichtiger Pharma-Konzern

Wir konfrontieren die Firma Bayer mit dem Fall Felicitas R., den neuen Studienergebnissen und den Todesfällen. Bayer schreibt uns unter anderem, dass das die Pillen sicher und wirksam seien. Das Risiko sei vergleichbar mit älteren Präparaten. Es gäbe keinen Grund für Frauen, die Pillen abzusetzen. Sie sähen auch keinen kausalen Zusammenhang mit den Todesfällen.

Felicitas R. ist enttäuscht und wütend, dass die Schicksale der betroffenen Frauen ignoriert werden. Sie klagt jetzt gegen die Firma. Vor Gericht steht Bayer in der Nachweispflicht. Der Konzern muss nachweisen, dass Felicitas nicht durch seine Pille krank wurde.

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Medikamente

MARKTCHECK,  16.6.2011 | 5:47 min

Letzte Änderung am: 09.06.2011, 18.11 Uhr

Medikamente

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