aus der Sendung vom Donnerstag, 22.9.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Immer öfter müssen Patienten monatelang warten, um einen Termin beim Arzt ihrer Wahl zu bekommen. Betroffen sind besonders gesetzlich Versicherte bei Fachärzten. Obwohl der Bundesgesundheitsminister schon vor längerer Zeit versprach, dagegen vorzugehen, passierte nichts. Aber viele Patienten können nicht mehr länger auf ihre dringend notwendige Behandlung warten.

Ein herzkranker Patient kam bisher mit seinen Medikamenten gut zurecht. Doch plötzlich treten erneut Atembeschwerden auf. Sein Hausarzt überweist ihn im Juli 2011 an einen Kardiologen, denn für weitergehende Diagnosen und Therapien muss er zum Spezialisten. Der Kardiologe will dem Patienten jedoch erst im Dezember einen Termin geben.
Nicht nur der Hausarzt ist darüber überrascht. Nur der Spezialist kann entscheiden, welche weitergehenden Behandlungen und Untersuchungen notwendig sind. Außerdem ist fraglich, wie hoch das Risiko eines Herzinfarktes ist. Der könnte für den Patienten lebensbedrohlich sein.
So geht es vielen Patienten. Auch Julia M. war wegen starker Hüft- und Beinschmerzen bereits bei einem Orthopäden und braucht nun dringend einen Termin bei einem Neurologen. Doch bei fünf Ärzten soll sie drei Monate auf einen Termin warten.
Hausärzte berichten über zunehmend lange Wartezeiten: Bei Psychologen und Psychotherapeuten von bis zu einem Jahr, bei Neurologen ein halbes Jahr, ebenso bei Kardiologen.
Umfragen der Krankenkassen belegen die monatelangen Wartezeiten bei Fachärzten. Dabei fällt auf, dass Kassenpatienten oft viel länger warten müssen als privat Versicherte.
MARKTCHECK ruft in Mainz und Stuttgart bei Orthopäden, Augenärzten und Gynäkologen an und fragt nach Terminen. Bei manchen Ärzten klappt es sogar innerhalb von zwei Wochen, bei anderen dauert es viel länger. Einige Praxen lehnen Neupatienten ganz ab - zu voll.
Ein Mainzer Orthopäde will erst im November einen Termin geben. Nach dem Hinweis, privat versichert zu sein, klappt es plötzlich bereits nach einer Woche.
Ein Stuttgarter Gynäkologe hat erst in drei Monaten etwas frei. Doch Privatpatienten bekommen im September noch Termine. Die Privatsprechstunde sei nicht so voll, heißt es.
Der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske von der Universität Bremen hält es für unverfroren, dass gesetzlich Versicherte von den Ärzten hinten angestellt werden. Das Honorar ist geringer und viele private Versicherungen zahlen die Rechnungen oft unbesehen und prüfen nicht, ob alle Maßnahmen wirklich notwendig waren.
Diesen Konflikt um das Geld müssen die Patienten ausbaden.
Auf Nachfrage beklagt sich der Orthopädenverband über zu geringe Honorare und spricht sogar von einer Flat-rate-Vergütung. Es sei nachvollziehbar, dass Kollegen bei vollen Praxen keine zusätzlichen Patienten versorgen könnten. Und es stelle sich die Frage, ab wann Wartezeiten zu lang seien, so der Orthopädenverband.
Für den Hausarzt Dr. Frank und seine Patienten klingt das wie Hohn. Er wendet sich an die Kassenärztliche Vereinigung und will wissen, ob solche Wartezeiten zulässig sind. Doch sogar auf die Antwort muss er weit über vier Monate warten. Ein Interesse, die Patienten gut zu versorgen, schein nicht erkennbar.
Einige Kassen bieten an, direkt mit den Fachärzten zu sprechen und Druck auszuüben. Oder man fragt selbst bei möglichst vielen Fachärzten nach. Dann ist manchmal doch noch ein Termin zu bekommen.
Letzte Änderung am: 22.09.2011, 21.00 Uhr