aus der Sendung vom Donnerstag, 30.6.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Die Europäische Union bürgt mit Milliarden Euro für Griechenland. Doch was bringt diese Hilfe? Können die Griechen damit ihre Krise überwinden oder ist das Geld verloren? Was können wir für sie tun? Können wir helfen, in dem wir griechische Produkte kaufen oder dort Urlaub machen? Welche Chancen hat das Land jenseits von Landwirtschaft und Tourismus?

Griechenland ist ein Land der Ziegenherden und Olivenhaine. Jeder dritte Grieche arbeitet in der Landwirtschaft. Könnte es dem Aufschwung des Landes helfen, wenn wir Deutschen mehr Ouzo trinken und unsere Ernährung auf Feta und Oliven umstellen?
Klaus Schrader vom Institut für Weltwirtschaft verneint das, denn landwirtschaftliche Produkte können nur einen kleinen Wachstumsbeitrag leisten. Das ist zu wenig. Griechenland müsste höherwertige Exportgüter haben, die bisher fehlen.

Schöne Urlaubsgefühle exportiert Griechenland ebenfalls schon lange und hat mit seiner Jahrtausende alten Kultur und traumhafter Natur einiges zu bieten. Nach den Unruhen in Nordafrika zu Beginn des Jahres 2011 reisen viele Touristen lieber nach Griechenland als nach Ägypten. Und die Griechen haben reagiert: Das Verkehrsministerium hat die Start- und Landegebühren für alle Flughäfen, außer Athen, bis Jahresende 2011 ausgesetzt. Öffnungszeiten von Sehenswürdigkeiten wurden sogar verlängert.
Doch auch ein Sonnenurlaub, sicher sinnvoll für alle Beteiligten, kann Griechenland nicht helfen. Damit kommen die Griechen nicht aus dem fehlenden Wirtschaftswachstum.
Immerhin betreibt der Getränkekonzern Coca-Cola seine weltweit zweitgrößte Abfüllanlage in der Nähe von Athen und beliefert von da 28 Länder mit seinen Limonaden. Das Erfolgsmodell ist jedoch wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Jeder vierte Grieche arbeitet beim Staat. Die Industrie trägt nur halb so viel zum Bruttoinlandsprodukt bei wie in Deutschland. Und den größten Teil der griechischen Wirtschaft macht der Mittelstand aus, also kleine und mittlere Betriebe.
Klaus Schrader vom Institut für Weltwirtschaft erklärt, dass der griechische Staat zu schnell gewachsen ist. Es gibt eine zu große öffentliche Verwaltung, die ineffizient arbeitet. Das heißt, viel Geld wird im öffentlichen Sektor gelassen, ohne dass es zu einem nachhaltigen Wachstum kommt.
Der griechische Mittelstand müsste eine neue Dynamik entwickeln und investieren. Griechenland habe ein Potential an qualifizierten Arbeitsplätzen und könne etwas anderes als Tourismus und landwirtschaftliche Produkte erzeugen.
Das bedeutet, es muss mehr Investitionen in zukunftsfähige Branchen geben, etwa in den Schiffsbau oder die Schifffahrt. Das sind Bereiche, in denen die Griechen punkten können. Das Land könnte sogar Europas Logistik-Drehscheibe im Mittelmeerraum werden. Außerdem könnte Griechenland mehr auf Hochtechnologien setzen, beispielsweise in die Solarenergie. Mit seinen vielen Sonnenstunden könnte das Land große Mengen erneuerbarer Energien erzeugen. Doch bis griechischer Solar-Strom aus deutschen Steckdosen fließt, muss erst einmal das Leitungsnetz verbessert und ausgebaut werden. Auch hier sind Investitionen aus dem Ausland nötig.
Für Klaus Schrader vom Institut für Weltwirtschaft sind die Milliarden Euro Nothilfe für Griechenland notwendig, um das Land zu erhalten. Doch es nütze niemandem, wenn es sich nur von Krise zu Krise hangelt. In einem zweiten Schritt müsse Hilfe zur Selbsthilfe kommen und das Land in die Lage versetzen, eigenes Wachstum zu mobilisieren und eigene, moderne Produkte auf die Märkte zu bringen.
Letzte Änderung am: 30.06.2011, 21.00 Uhr