aus der Sendung vom Donnerstag, 6.10.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Fast jeder Erwerbstätige sollte eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen haben. Wer durch Krankheit oder Unfall seinen Beruf nicht mehr oder nur noch eingeschränkt ausüben kann, erhält aus dem Vertrag eine monatliche Rente. Dieser sinnvolle Schutz löst sich im Ernstfall schnell auf, wenn sich die Versicherungsgesellschaften mit geschickten Tricks ums Zahlen drücken.

Christoph H. sieht man nicht an, dass er sieben Operationen an beiden Kniegelenken hinter sich hat und nur unter Schmerzen laufen kann. Vor zehn Jahren begann sein Leidensweg. Damals handelte er mit Antiquitäten und hatte einen eigenen Laden, als die Schmerzen anfingen. Täglich musste er hochdosierte Schmerzmittel einnehmen und war monatelang krankgeschrieben. Seine Ärzte rieten ihm dringend, den Beruf aufzugeben.
Alte Möbel in Handarbeit restaurieren, Haushaltsauflösungen durchführen, 12 Stunden am Tag arbeiten, all das wird unmöglich. Christoph H. muss seinen Laden schließen. Der Familienvater steht vor dem Nichts. Immerhin hat er vor Jahren eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Damit wäre er mit einer Rente über 1.100,- Euro abgesichert.
Mit den Gutachten seiner Ärzte stellt er einen Antrag auf Berufsunfähigkeit. Doch statt zu zahlen, hakt die Versicherung immer wieder nach und fordert ständig weitere Unterlagen.
Gutachten der Versicherung, Gegengutachten und wieder Versicherungsgutachten wechseln sich ab. Nach anderthalb Jahren teilt die Versicherung dann mit, dass Christoph H. nur zu 10 Prozent berufsunfähig sei. 25 Prozent sind laut Vertrag aber mindestens gefordert. Sein Antrag wird abgelehnt.
Christoph H. müsste klagen. Doch er hat keine Rechtsschutzversicherung. Das Risiko, auf hohen Anwalts- und Prozesskosten sitzen zu bleiben, ist für den Familienvater zu hoch.
Dieses Kostenrisiko ist auch den Versicherungsunternehmen bekannt und sie lassen die Betroffenen oft hilflos zurück. Das erlebt die Rechtsanwältin Beatrix Hüller immer wieder. Der wichtige Versicherungsschutz wird so ausgehebelt. Sie kritisiert, dass die Versicherer die Bearbeitung lange hinauszögern. Manchmal gibt es nach einem Jahr noch keine Antwort auf Schreiben. Gutachten, die in Auftrag gegeben werden, verzögern sich ebenfalls sehr oft sehr lange.
Für die Versicherungen geht es dabei um viel Geld, oft um mehrere hunderttausend Euro pro Fall. In kaum einer Versicherungssparte ist deshalb Streit so vorhersehbar, wie bei der Berufsunfähigkeit.

Aus einer für MARKTCHECK aktualisierten Studie des Analysehauses Morgen&Morgen geht hervor, dass die Versicherungsunternehmen mehr als ein Drittel der Anträge auf Berufsunfähigkeit ablehnen. Oft wird die Zahlung verweigert, weil der Kunde nicht krank genug sei oder bei Vertragsschluss falsche Angaben gemacht habe.
Die Rechtsanwältin Beatrix Hüller erklärt dazu, dass die Versicherer die so genannten vorvertraglichen Anzeigepflichten überprüfen, wenn der Vertrag bei Antragstellung noch keine zehn Jahre besteht. Das heißt, er fordert die Krankenakte an, schreibt den Hausarzt an, und schaut nach, ob im Antragsformular Krankheiten nicht angegeben oder bagatellisiert wurden. Mehrfache Arztbesuche wegen unbedeutender Erkrankungen, die nicht angegeben wurden, könnten für die Gesellschaften interessant sein. Sie können dann den Vertrag anfechten oder zurücktreten und der Versicherte bekommt keine Leistung.
Da sich der Gesundheitszustand von Christoph H. weiter verschlechtert, reicht er weitere Gutachten ein und stellt erneut Anträge auf Rente. Jahrelang blockt seine Versicherung immer wieder ab. Endlich, nach über acht Jahren, gibt die Versicherung nach und bewilligt doch noch die Berufsunfähigkeitsrente.
Letzte Änderung am: 06.10.2011, 21.00 Uhr