aus der Sendung vom Donnerstag, 9.2. | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Für Kassenpatienten ist das Ende eines Quartals keine so gute Zeit, zum Arzt zu gehen, wenn man ein Rezept benötigt. Aus Angst, ihr Budget zu überschreiten, verschreiben viele Mediziner Medikamente oder Physiotherapien zum Quartalsende nur zögerlich. Nun ist Sparsamkeit nichts Schlechtes, aber inzwischen gibt es Auswüchse, die kaum zu fassen sind.

Zwölf Stunden täglich hängt der kleine Nick an Infusionsschläuchen. Schon das ist für seine Eltern ein kleines Wunder. Wochenlang musste die Familie nach der Geburt um sein Leben bangen. Dabei schien ihr Sohn zunächst völlig gesund.
Schließlich stellte sich heraus: Der Dünndarm ist verdreht. Ein Großteil des Darms wurde entfernt. Rund 15 Operationen hat Nick inzwischen hinter sich und die Ärzte zweifelten zeitweise an seinen Überlebenschancen.
Sieben Monate verbrachte Nick im Krankenhaus. Danach muss er künstlich ernährt werden. Täglich braucht er seine Infusionen, die viel Geld kosten. Damit beginnt eine Odyssee, mit der seine Eltern nie gerechnet hätten. Als 53 Rezepte benötigt wurden, ließ die Kinderärztin ausrichten, dass Nick zu teuer sei, ihr Budget sprenge und sie keine Rezepte mehr ausstelle, berichten die Eltern.
Erst nach mehreren Absagen, finden sie schließlich eine Ärztin, die bereit ist, Nick zu behandeln. Der Kampf um die Medikamente für ihr Kind aber geht weiter. Denn auch diese Ärztin fürchtet, dass der neue Patient ihr Budget sprengt.
Wie kann es sein, dass schwerkranke Patienten vom Arzt abgelehnt werden? Auf Nachfrage erklärt die zuständige kassenärztliche Vereinigung, dass viele Ärzte Regressforderungen der Krankenkasse befürchten. Damit sollen die Mediziner diszipliniert werden. Die Versorgung soll ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein, werde gefordert.

In Zaberfeld in der Nähe von Heilbronn arbeitet Odilo Schnabel seit rund 20 Jahren als Hausarzt. Wegen seiner vielen Verschreibungen gilt er als einer der teuersten Ärzte Baden-Württembergs. Etliche seiner Patienten leiden unter mehreren Krankheiten, nehmen viele Medikamente. Wenn er bei einer seiner Patientinnen auf das Budget schauen würde, dann müsste er sie zu anderen Ärzten schicken. So erhält sie ihren Vierteljahresbedarf an Medikamenten aus einer Hand und muss sie nicht bei vielen Ärzten einsammeln. Das wäre für sie besonders schwierig, weil sie auf dem Land wohnt und für die Arztbesuche in die Stadt fahren müsste.
Die Wege zu Fachärzten sind so weit, dass viele der Patienten sie kaum schaffen würden. Deshalb stellt Odilo Schnabel die Rezepte aus.
Die Prüfstelle wirft ihm vor: Sein Verordnungsverhalten sei nicht wirtschaftlich. Mittlerweile hat er Regressforderungen aus fünf Jahren. Er soll aus seinem Privatvermögen mehr als 400.000,- Euro zahlen.
Je nach Fachrichtung haben die Ärzte für jeden Patienten einen bestimmten Betrag für Medikamentenverordnungen. Die Höhe ist je nach Bundesland unterschiedlich. Liegen die Ärzte deutlich darüber, müssen sie die Mehrkosten tragen.
Rechtsanwalt Michael Wüstefeld vertritt rund 500 Ärzte, auch Odilo Schnabel. Er kritisiert den Vergleich mit Durchschnittswerten.
Die Regressangst macht Ärzte erfinderisch. Um Rezepte zu vermeiden, werden Patienten an Fachärzte überwiesen. Oder es werden Patienten einbestellt, die keine oder günstige Medikamente benötigen. Sie sollen die teuren Patienten ausgleichen. Geld wird so aber nicht gespart.
Odilo Schnabel macht weiter regelmäßig Hausbesuche. Müsste er die volle Summe bezahlen, wäre er pleite, müsste die Praxis schließen. Sein Verordnungsverhalten will er dennoch nicht ändern. Gegen die Regressbescheide hat er Widerspruch eingelegt.
Dass die Verschreibungen der Ärzte überprüft werden, daran will niemand rütteln, auch Prof. Ferdinand Gerlach vom Sachverständigenrat nicht. Darunter dürfe aber nicht die Versorgung der Patienten leiden. Wirtschaftlichkeitskontrollen müssten sein, aber es dürfe nicht dazu führen, dass Ärzte die Therapie ihrer Patienten bezahlen müssten.
Im Bundesgesundheitsministerium weiß man noch nicht einmal, wie viele Ärzte mit Regressforderungen konfrontiert sind. Aber zumindest will man dort jetzt die extremsten Auswüchse durch Gesetzesänderungen abmildern.
Für die Familie des kleinen Nick haben die kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkasse inzwischen eine Sondervereinbarung geschlossen, so dass die Medikamente für Nick nicht mehr ins Budget der Ärztin fallen. Doch dafür mussten seine Eltern fast ein halbes Jahr kämpfen.
Letzte Änderung am: 09.02.2012, 21.00 Uhr