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Medikamente Gefahren bei der Einnahme

aus der Sendung vom Donnerstag, 19.1. | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen

Viele Deutsche greifen bei Schmerzen schnell zu Mitteln, die es in der Apotheke ohne Rezept gibt. Mediziner warnen vor der zu sorglosen Einnahme. Außerdem werden viele Medikamente falsch eingenommen und haben deshalb möglicherweise dramatische Nebenwirkungen.

Ärzte

Erkältung, Fieber, Kopfweh: An kalten Wintertagen kann man schnell krank werden. Viele Deutsche gehen dann aber nicht gleich zum Arzt, sondern erst mal in die Apotheke und besorgen sich dort Aspirin, Paracetamol oder ein anderes rezeptfreies Schmerzmittel. Das spart Zeit und die Praxisgebühr. Was aber kaum jemand weiß: Falsch dosiert können diese rezeptfreien Schmerzmittel sehr gefährlich werden.

Verkannte Gefahren

Die von der Werbung verharmlosten rezeptfreien Schmerzmittel werden oft als Allheilmittel betrachtet, schnelle Wirkung, günstiger Preis. Die Patienten sind sich dabei meist nicht bewusst, dass diese Medikamente auch entsprechende Nebenwirkungen haben können.
Im Stuttgarter Katharinenhospital wurde beispielsweise eine Patientin mit akutem Nierenversagen eingeliefert. Ursache: Ein frei verkäufliches Schmerzmittel. Sie berichtet, dass sie nur ein Schmerzmittel für die Wirbelsäule brauchte und Ibuprofen einnahm. Statt der rezeptpflichtigen Ibuprofen 600 oder 800 nahm sie die doppelte Menge 400er, um die Wirkung von Ibuprofen 800 zu erreichen.
Sechs Tabletten täglich, eine ganze Woche lang, schluckt die Patientin. Über die gefährlichen Nebenwirkungen, wie Nierenversagen, macht sie sich keine Gedanken.

Solch sorglose Einnahme von freiverkäuflichen Schmerzmitteln führt immer wieder zu Notfällen, im schlimmsten Fall sogar zum Tod.

Mediziner warnen immer wieder

Dr. Stefan Junger, Pharmakologe des Katharinenhospital Stuttgart, erklärt, dass es jedes Jahr 1.500 bis 2.000 Tote durch Blutungen auf der Basis von Medikamenten wie Diclofenac, Ibuprofen oder ähnlichem gibt.
Viel gefährlicher als lange Zeit angenommen ist auch Paracetamol. Immer mehr Studien bestätigen, dass der Wirkstoff Leberschäden, Asthma und Bluthochdruck verursachen kann. Trotzdem ist Paracetamol rezeptfrei erhältlich und wird oft ohne ärztliche Kontrolle eingenommen.

Der Pharmakologe Kay Brune beschäftigt sich seit Jahren mit dem Wirkstoff. Für ihn steht fest, dass schon sechs Gramm lebensgefährlich werden können. Das sind nur zwei Gramm mehr als die empfohlene Tageshöchstdosis. Der Experte fordert deshalb, dass es Paracetamol nur noch auf Rezept geben sollte.
Er erklärt außerdem, dass Paracetamol nicht mehr zugelassen würde, wenn es heute einer Zulassungsbehörde als neue Substanz vorgelegt würde, auch nicht rezeptpflichtig. Paracetamol sei ein Medikament, das in leicht erhöhter Dosis bereits zum Tod führen könne und das gebe es sonst in der gesamten Arzneimitteltherapie harmloserer Krankheiten nicht.

Der Pharmakologe will sich auch dafür einsetzen, dass die Packungen rezeptfreier Schmerzmittel verkleinert werden. Eine Packung für vier Tage reiche aus, da es sich um Medikamente für den Notfall und nicht den täglichen Gebrauch handele.

Kein Handlungsbedarf für Pharmakonzerne

Die Pharmaindustrie hingegen sieht keinen Grund für eine Gesetzesänderung. Schriftlich teilt der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller auf Nachfrage mit, dass die diskutierten Produkte seit Jahrzehnten behördlich zugelassen, wirksam und sicher seien. Es gäbe aus ihrer Sicht keinen sachlichen Grund für eine Reduzierung der Packungsgrößen.
Das ist kaum verwunderlich, da die rezeptfreien Schmerzmittel in großen Mengen produziert und verkauft werden, für die Hersteller ein Milliardengeschäft.

Ob eine Neuregelung kommt, entscheidet sich Ende Februar 2012. Dann wird am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte über die kleineren Packungen abgestimmt. Bis dahin hilft nur Aufklärung.

Schwierige Dosierung

Bei Medikamenten, die vom Arzt verschrieben wurden, funktioniert die Einnahme bei vielen Patienten ebenfalls nicht reibungslos. Tabletten, Säfte, Tropfen und Sprays sollen heilen, doch dazu müssen sie in der richtigen Dosierung genommen werden.

Tabletten müssen oft zerteilt werden, was sich bei der geringen Größe oft als schwierig erweist. Das Teilen wäre meist überflüssig, wenn der Arzt niedriger dosierte Pillen verschriebe.
Prof. Walter Haefeli von der Pharmakologie der Universitätsklinik Heidelberg erklärt, dass Ärzte damit das Budget entlasten könnten. Die Einnahme einer halben, höher dosierten Tablette ist billiger als eine ganze, niedrig dosierte.
Beim Blutdrucksenker Diovan von Novartis kostet beispielsweise eine Tablette der Dosierung 80 Milligramm 1,16 Euro. Deutlich billiger ist es, eine Tablette mit der doppelten Dosis zu zerteilen. Dann kostet es pro Einnahme nur 0,64 Euro, auch für die Krankenkasse viel billiger. Leidtragende sind die Patienten.

Teilen lernen

Tablettenzerteilung mit Messer

Die Zerteilung von Tabletten ist jedoch nicht die einzige Schwierigkeit, wie eine bisher unveröffentlichte Studie der Uniklinik Heidelberg belegt. Amateuraufnahmen von Ärzten zeigen, welche Probleme Patienten bei der Handhabung von Tabletten, Tropfen und Sprays haben.
In einem Einkaufszentrum sollen Passanten Tabletten zerteilen, was ihnen kaum richtig gelingt. Die meisten sehen es zwar locker, jedoch nicht der Pharmakologe Prof. Walter Haefeli. Er erklärt, dass die Dosierung direkt mit der Wirksamkeit zusammenhängt. Wird die Dosis nicht zu 100 Prozent eingenommen erzielt man auch nicht 100 Prozent Wirkung. Es gebe eine Grenze von etwa einem Drittel. Nimmt man weniger ein, liegt die Wirkung meist bei null, so der Experte.
Um so etwas zu verhindern will Prof. Walter Haefeli Ärzte und Patienten mit Videos schulen, die er in die Datenbank der Klinik eingestellt hat. Dabei wird unter anderem erklärt, dass man eine Tablette teilt, indem man sie mit der Bruchkerbe nach oben auf eine harte, flache Unterlage legt. Dann drückt man mit beiden Zeigefingern oder Daumen gleichzeitig kräftig auf die beiden Außenseiten links und rechts der Kerbe.

Unterschiedliche Tropfengrößen

Tropfen in schalen

Tropfen werden ebenfalls häufig nicht richtig eingenommen. Wieder sollen Passanten im Einkaufszentrum richtig dosieren, diesmal Tropfen. Obwohl alle Ergebnisse ähnlich aussehen, zeigt die Waage am Ende Unterscheide von fast einem Gramm

Beim Verband der forschenden Pharmaunternehmen heißt es auf Nachfrage, Dosiersysteme, die eine gleiche Tropfengröße gewährleisten, seien möglich, jedoch mit erhöhten Kosten verbunden. Sie werden dann eingesetzt, wenn eine genaueste Dosierung notwendig und wichtig ist.
Den Kostendruck müssen wieder die Patienten ausbaden.

Medikamente

MARKTCHECK,  19.1.2012 | 14:31 min

Letzte Änderung am: 19.01.2012, 21.00 Uhr

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MARKTCHECK-Reporter Axel Sonneborn
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