MARKTCHECK beißt zu
aus der Sendung vom Donnerstag, 15.12.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Der Deutschen liebstes Weihnachtsessen ist die Gans! Aber welche soll man kaufen: eine aus der Region, oder darf’s auch eine aus Ungarn oder Polen sein. Gutes Gewissen und guter Geschmack – wir machen uns auf die Suche nach der besten Weihnachtsgans! MARKTCHECK beißt zu.
Die Preisunterschiede sind enorm. Sie reichen von 20,- Euro für eine kleine Mastgans bis hoch zu 100,- Euro für eine große Bio-Gans. Da ist es interessant zu wissen: Schmeckt man Unterschiede? Wie werden die Tiere gehalten und wo kommen sie her?

Im Herbst und Winter schnattern sie jedes Jahr bei uns durch die Landschaft. Denn Winterzeit ist Gänsezeit. Millionen von Gänsen werden für unsere Festtafel gemästet Allerdings kommen nur die wenigsten aus Deutschland und können auf der Wiese frei herumwatscheln. Gänsefleisch ist reine Saisonware - jeder Deutsche isst nur etwa 400 Gramm im Jahr, in der Regel fast alles an den Weihnachtstagen.
Wo der Festbraten aber herkommt, darüber sind sich die meisten Verbraucher unsicher. Gerade bei Gänsen aus Ost-Europa haben viele ein schlechtes Gewissen und denken an qualvoll gestopfte Mast-Gänse. Mehrmals täglich wird ihnen Maisbrei direkt in den Magen gepumpt. Damit sie verfetten und aus ihrer Fett-Leber die Gänseleber-Spezialität "Foie gras" werden kann. Daran will an Weihnachten keiner denken. In Deutschland ist das Stopfen längst verboten. Aber das Fleisch der Gänse wird weiter importiert. Immerhin: Die deutschen Supermarkt-Ketten weigern sich mittlerweile geschlossen, Fleisch aus Stopfmast zu verkaufen.

Aber heißt das, man kann überall bedenkenlos Gänsefleisch kaufen? Tierschützer Marcus Müller von der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" reist seit Jahren durch Europa, um Missstände in der Gänsemast aufzudecken. Nach seinen Informationen kommt das Fleisch aus schlimmster Tierquälerei jetzt verstärkt über Bauernmärkte und die Gastronomie an die Kunden - dort wo man eigentlich bessere regionale Qualität vermuten würde.
Komplette Gänse stammen nicht aus der Stopfleber-Produktion. Um die gigantische Leber zu entnehmen, muss das Tier zerlegt werden. Also gibt es nur Gänseteile wie Brust und Keule aus solcher Qualhaltung zu kaufen.
Der Verbraucher muss dann nach der EWG-Nummer fragen. Daran kann man zumindest sehen, aus welchem Land das kommt. "Vier Pfoten" bietet eine Liste an, mit der man außerdem feststellen kann, ob es einer der schlimmen Stopfleber-Betriebe ist oder einer der guten. Fehlt die EWG-Nummer, gibt es meist etwas zu verbergen - entweder Betrug oder Tierquälerei. Auf solches Fleisch sollte man verzichten.

Im Supermarkt kann das zum Glück nicht mehr passieren. Trotzdem: Die Auswahl ist riesig, die Preisunterschiede enorm. Der Grund: Die Haltung der Tiere ist sehr unterschiedlich. Anders als bei Hühnern gibt es bei Gänsen nämlich keine strikten Regeln, wie sie zu halten sind. Idyllische Bilder auf der Verpackung oder Bezeichnungen wie "Bauerngans" sagen nichts über Qualität oder Tierhaltung. Gesetzlich geschützt sind dagegen die Begriffe: "Auslaufhaltung", "Freilandhaltung" und "Bio" - sie alle stehen für Haltung mit Auslauf. Nur wenn das draufsteht, weiß der Verbraucher, was er bekommt.
Am tierfreundlichsten sind Freiland- und Bio-Haltung. Dabei müssen die Tiere den ganzen Tag Zugang zu Freiflächen und zu Badestellen haben. Solche Gänse leben außerdem doppelt so lang wie konventionelle Mast-Gänse. Sie können langsamer wachsen und mehr Muskelfleisch entwickeln. Diese Vorgaben gelten übrigens EU-weit: Eine deutsche Gans ist also nicht unbedingt besser als eine polnische.

Gänsebraten
Aber noch eins zählt natürlich: Der Geschmack. Und den wollen wir testen. Sternekoch Frank Oehler bereitet für unseren Geschmackstest drei Gänse zu: Eine Bio-Gans, deutsche Freilandgans und eine Hafermastgans aus Polen. Die Preisunterscheide der drei Gänse sind riesig: Die polnische Gans kostet lediglich 7,49 pro Kilo, die deutsche Freilandgans 13,50 Euro und die Bio-Gans stolze 21,- Euro pro Kilo. Genauso große Unterschiede gibt es beim Fleisch: Die polnische Gans ist viel fetter als die anderen. Wohl weil sie am wenigsten Bewegung hatte.

Aber gleiches Recht für alle: Wir bereiten unsere Gänse identisch zu. Mit einer Füllung aus Äpfeln, Orangen, Zwiebeln und getrocknetem Beifuß. Das Kraut ist gut für die Verdauung. Ingwer wäre auch möglich, aber Beifuß ist der Klassiker, so unser Sternekoch. Noch ein Trick vom Profi: Die Gans mit Zahnstochern zustecken und dann wie Schnürsenkel mit Bindfaden festzurren. Das ist viel einfacher als aufwendiges Zunähen, denn kaum jemand hat passendes Nähzeug zu Hause. Die Flügel hackt man am besten ab, denn sie trocknen im Ofen sowieso. Deshalb eignen sie sich besser für die Zubereitung einer guten Soße - zusammen mit den Innereien, Wurzelgemüse und Rotwein. Die Gans wird vor dem Backen noch mit Salz und Öl eingerieben, dann geht es ab in den Ofen.
Unsere Test-Esser sind vom Sternekoch persönlich geladen und allesamt Geschmacksexperten. Erkennen sie Unterschiede? Wir sind gespannt. Beim Geschmack ergibt sich am Ende ein klares Unentschieden zwischen der Bio-Gans und der Gans aus deutscher Freilandhaltung. Die polnische Gans ist hier durchgefallen. Wer eine glückliche Gans will, die man an Weihnachten mit gutem Gewissen essen kann, sollte aufs Etikett schauen.
Letzte Änderung am: 15.12.2011, 21.00 Uhr