aus der Sendung vom Donnerstag, 9.6.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen
Ob Fehldiagnose, mangelnde Aufklärung oder falsche Behandlung Fehler von Ärzten können für Patienten schlimme Folgen haben. Besonders die Zahl der Fehldiagnosen hat deutlich zugenommen. MARKTCHECK zeigt erschütternde Fälle und erklärt Hintergründe.

Wenn Sie mit unklaren Beschwerden zum Arzt gehen und ihm diese schildern wollen, sollten Sie sich beeilen. Denn meistens werden Sie bereits nach 20 Sekunden unterbrochen, so Studien. Dass Ärzte sich keine Zeit oder ihre Patienten schlicht nicht ernst nehmen hat Folgen: Etwa jede siebte Diagnose ist falsch und viele tödliche Krankheiten werden zu spät erkannt.
Sibylle G. hat Krebs - schon seit vielen Monaten. Doch ihr Arzt hat nichts gemerkt. Sie muss um ihr Leben fürchten, obwohl sie sich vorbildlich verhalten hat und regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen gegangen ist. Immer wieder klagt sie bei ihrem Frauenarzt über Schmerzen in der Brust. Aber der nimmt sie nicht ernst. Er macht lediglich ständig neue Ultraschalluntersuchungen, aber keine Mammographie. Harmlose Zysten seien das, sagt er.
Inzwischen weiß es die Patientin besser: Es war ein Tumor. Festgestellt wurde er erst nach fast einem Jahr, als sie von sich aus in die Uniklinik geht. Da hat der Tumor bereits einen Durchmesser von rund drei Zentimetern. Die Uniklinik bestätigt, dass ein so großer Tumor bedeutet, dass sie seit mindestens zwei Jahren krank ist.
Inzwischen hat der Tumor in der Brust bereits gestreut. Auch in der Leber entdecken die Ärzte Metastasen.

Diagnosefehler zuhauf - manche mit tragischem Ausgang - listet auch die Internetseite "www.jeder-fehler-zaehlt.de" auf. Anonym schildern dort Ärzte ihre eigenen Fehler.
Beispiel Fall 545: "Unklare Diagnose".
Der Patient klagt über Luftnot, Schwäche, Schlappheit. Der Arzt, bestellt den Patienten erst für den nächsten Morgen wieder ein. Nachts stirbt der Patient.
Grund für die Offenheit im Internet: Andere Ärzte sollen aus den Berichten lernen und selbst derartige Fehler vermeiden.
Auch die unabhängige Gutachterkommission bei der Ärztekammer Nordrhein schlägt Alarm. Sie stellt fest: Fehldiagnosen haben zugenommen. Vor allem bei niedergelassenen Ärzten, die durch die pauschale Finanzierung weniger Zeit für die Patienten aufbringen. Je kürzer die Behandlungszeit, desto gewinnbringender für den Arzt.
Die Ultraschalluntersuchung brachte dem Arzt von Sibylle G. jedes Mal rund 80,- Euro. Das ist mehr als für jedes persönliche Gespräch und lukrativer als eine Überweisung.
An der Uniklinik Heidelberg glaubt man, Geld und Zeitdruck sind nicht allein das Problem. Hier hat man erkannt: Viele Fehler passieren, weil Ärzte nicht richtig mit ihren Patienten reden. Deshalb setzt die Uni schon bei ihren Studenten auf ein bundesweit einzigartiges Kommunikationstraining.
Schauspieler stellen Patienten in realen Fällen nach, zum Beispiel einen Diabetespatienten. Der Student soll ihm Insulin verschreiben. Doch der Patient weigert sich, gibt an, sein Vater sei daran gestorben ist. Wie geht der angehende Arzt damit um?
Der Student unterschätzt die Angst des Patienten. Das soll später nicht passieren. Ein gutes Patientengespräch, eine gute Anamnese, ist der Schlüssel für die richtige Diagnose.
Die Medizinische Universitätsklinik Heidelberg empfiehlt ihren Studenten, sich für die Patientengeschichte mehr Zeit zu lassen und sie strukturiert und ausführlich zu erforschen. Dabei soll sowohl das körperliche Befinden erfragt werden, als auch was der Patient selbst glaubt, an welcher Krankheit er leidet. Außerdem sollte die psychosoziale Situation des Patienten betrachtet werden.
So können auch manch tragische Fehler vermieden werden, wie Ärzte sie selbst zugeben. Und das müsste nicht einmal teurer sein. Aufmerksamere Gespräche bringen genauere Befunde. Teure Folgebehandlungen durch Fehldiagnosen der Ärzte könnten damit verringert werden.
Der Arzt von Sibylle G. jedenfalls hat ihre Schmerzen nicht ernst genommen. Noch immer muss sie regelmäßig in die Klinik, bekommt Medikamente. Heute sagt sie, sie hätte früher auf ihr Gefühl hören sollen.
Inzwischen hat die Patientin einen Anwalt eingeschaltet. Rechtsanwalt Martin Reinboth, Fachanwalt für Medizinrecht kennt weitere tragische Fälle von Fehldiagnosen. Vor Gericht hat man es nach seiner Erfahrung mit dem Vorwurf Fehldiagnose meist schwer. Wenn Ärzte für jede Fehldiagnose haften müssten, dann würde sich niemand mehr trauen, eine Diagnose zu stellen. Insofern beschränkt sich die Rechtsprechung auf Fälle, die sehr eindeutig sind. Fehler, die einem Arzt nicht passieren dürfen, wo er etwas nicht übersehen darf, führen dann auch zu einer Haftung. Das gilt gleichermaßen, wenn gängige Diagnosemethoden gar nicht angewendet werden wie in diesem Fall.
Sibylle G. hat inzwischen von der Versicherung ihres früheren Arztes ein außergerichtliches Vergleichsangebot erhalten. Solange sich die Ärzteausbildung nicht ändert und Ärzte nicht lernen, richtig zuzuhören, wird es solche Schicksale aber noch tausendfach geben.
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Letzte Änderung am: 09.06.2011, 21.00 Uhr