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Werkstatt-Ärger Reingelegt durch unnötige Reparaturen?

aus der Sendung vom Donnerstag, 21.7.2011 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen

Eigentlich will Oliver S. nur einen neuen Zahnriemen für seinen sechs Jahre alten Golf. Die Offerte im Internet klingt verlockend: 20 Prozent Rabatt auf Teile und Reparatur, halb so teuer wie in der Vertragswerkstatt. Ein Schnäppchen, so wie es aussieht. Doch dann entdeckt die Werkstatt angeblich einen weiteren Mangel: Vibrationsgeräusche, das Massenschwungrad sei defekt. Weil es ein elementarer Bestandteil der Kupplung sei, könne man das nicht einzeln austauschen. Es müsse die komplette Kupplung getauscht werden. Das könne 2.000,- bis 2.500.- Euro kosten.

Beratung in der Werkstatt

Oliver S. lässt die Reparatur nicht machen. Er bringt den Golf zu VW und hofft, dass die Vertragswerkstatt den Kupplungstausch auf Kulanz erledigt. Kurze Zeit später erhält er einen Anruf: die Kupplung würde fehlerfrei funktionieren und man könne keinen Defekt finden. Hatte sich die freie Werkstatt nur geirrt? Oliver S. ist überzeugt, dass ihm eine Reparatur angedreht werden sollte, die gar nicht nötig war. Kein Einzelfall, wie der Blick in einschlägige Internet-Foren vermuten lässt. Verärgerte Autobesitzer klagen in Scharen, sie seien von Werkstätten, allen voran den größeren Ketten über den Tisch gezogen worden. Viele Reparaturen seien überflüssig, reine Geldmacherei. Was ist da dran?

Gründliche Untersuchung oder bewusste Abzocke?

Mechaniker mit Taschenlampe unter einem Auto

Wir wollen das prüfen mit einem Testauto, einem 14 Jahre alten Polo, überprüfen. Beim ADAC in Köln wird das Fahrzeug auf Herz und Nieren gecheckt. Für sein Alter befindet er sich in einem guten Zustand, das gilt auch für die Verschleißteile wie Bremsen oder Stoßdämpfer: "Diese Teile sind im Moment absolut in Ordnung" sagt Jürgen Schell vom ADAC, der hintere Schalldämpfer fängt ein bisschen an stärkere Korrosion zu zeigen. Er ist aber noch dicht und stelle auch kein Sicherheitsrisiko dar, den könne man also noch weiter fahren. Wir fahren mit unserem Testfahrzeug zu freien Werkstätten, geben einen Urlaubs-Check in Auftrag. Die Betriebe sollen prüfen, ob alles in Ordnung ist. Bei einer Werkstatt wird uns bereits bei der Annahme ein Zahnriementausch empfohlen, noch bevor ein Mechaniker das Fahrzeug überhaupt gesehen hat: Der Zahnriemen müsse getauscht werden, ansonsten könnte es zu einem Motorschaden kommen. Laut Hersteller sei das nach 90.000 und dann alle 30.000 Kilometer nötig - egal ob er gut aussieht oder nicht, behauptet die Werkstatt.

Von VW erfahren wir jedoch: Für den Polo sind Wechselintervalle nicht vorgeschrieben. Und auch im Reparaturhandbuch steht: der Zahnriemen muss alle 30.000 geprüft, nicht aber getauscht werden. Wer das nicht weiß, investiert schnell 500,- Euro, möglicherweise umsonst.

Bremsen auf dem Prüfstand

In einer anderen Werkstatt schaut der Mechaniker besonders auf die Bremsen unseres Testfahrzeugs. Die Bremsscheiben seien vorne so schlecht, dass wir damit nicht weiterfahren sollten. Erstaunlich, denn auf dem Prüfstand des ADAC war die Bremse des Polo nicht negativ aufgefallen. Jürgen Schell vom ADAC hält einen Austausch nicht für nötig, obwohl die Bremse ihrem Alter gemäß die ersten Verschleißspuren zeigt. Die Verkehrssicherheit ist aber gewährleistet und die Bremsleistung ist auch absolut in Ordnung. Bremsscheiben und Beläge können durchaus noch bis zur nächsten Inspektion oder bis zum nächsten TÜV drauf bleiben.

Manche vorgeschlagene Reparaturen sind unnötig

Probleme mit den Bremsen hatte auch Stefanie B. Weil ihr Auto Geräusche macht, bringt sie ihren Opel Corsa in eine freie Werkstatt: "Der Kollege da am Telefon teilte mir dann mit, das ich bei dem Auto vorne die Achsen machen lassen müsste mit beiden Bremsen hinten. Hinten sei etwas herausgebrochen und vorne alles verschlissen. Außerdem sei der Bremsschlauch defekt und ein Bremszylinder arbeite nicht." 1.100,- Euro soll die Reparatur kosten, für den alten Corsa fast ein wirtschaftlicher Totalschaden. Stefanie B. sieht das nicht ein. In einer anderen Werkstatt war die komplette Bremsanlage ihres Corsa erst neun Monate zuvor erneuert worden. Dort bringt sie das Auto noch mal hin. Doch der Meister findet keine Defekte.

Auspuff, Bremsen, Stoßdämpfer - vor allem wenn es um die Sicherheit geht, lassen sich Autobesitzer schnell mal Reparaturen aufdrängen, auch solche, die nicht nötig sind. Schwarze Schafe der Branche machen mit der Methode gute Geschäfte. Das gilt für freie Betriebe genauso wie für Vertragswerkstätten. Um unnötige Kosten zu vermeiden, sollte man einen Reparaturauftrag immer nur schriftlich vereinbaren und den Reparaturumfang exakt beschreiben. Pauschalaufträge sind häufig ein Freibrief für den sinnlosen Teiletausch. Und für größere und teure Reparaturen gilt: auf keinen Fall blind zustimmen. Jürgen Schell vom ADAC rät im Zweifel zu einer zweiten Meinung, von einer Prüforganisation oder einem Gutachter. Das kostet meist um die 80,- Euro, aber im Zweifelsfall lohnt sich das.

Plastikschraubverschluss in einer Hand

Oliver S. hatte den angeblichen Kupplungsschaden zum Glück in einer Vertragswerkstatt kontrollieren lassen. Dort war die Ursache des vermeintlichen Geräusches schnell gefunden. Der Plastikdeckel einer Ölflasche war hinter den Luftfilter gefallen. Der kleine Fauxpas hätte ihn fast 2.500,- Euro gekostet.


Werkstatt-Ärger

MARKTCHECK,  21.7.2011 | 5:17 min

Letzte Änderung am: 21.07.2011, 21.00 Uhr

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MARKTCHECK-Reporter Axel Sonneborn
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