SENDETERMIN So, 7.12.2014 | 15.15 Uhr

Europa, Asien

Mit Rentiernomaden über den Ural

Ein Film von Andreas Voigt

Die baumlose Tundra am Polarkreis ist weit und einsam. Einige Männer treiben eine riesige Rentierherde zusammen. Mit dem Lasso fangen sie hunderte Tiere ein. Zur selben Zeit bahnt sich ein Kettenmobil seinen Weg durch die Sümpfe Sibiriens.

2 Kinder liegen auf Astbündel

Nomadenkinder

Es fährt in den Ural. Über den Bergen hängt seit Tagen schlechtes Wetter. Hubschrauber können nicht fliegen und so ist der Fahrer im Auftrag der Schulverwaltung drei Tage und Nächte unterwegs, um die Kinder von Nomaden- Familien abzuholen.


Die beiden Familien, zu denen das Kettenmobil unterwegs ist, gehören zum Volk der Komi. Mit ihren 5.000 Tieren haben sie den Sommer in den weiten Tälern des Urals verbracht. Sie leben am Polarkreis, im Ural, an der Grenze zwischen Europa und Asien. Die Region ist etwa so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen. Nur fünfhunderttausend Menschen leben hier und ebenso viele Rentiere. In wenigen Tagen werden Alexej, Wassili und ihre Familien sich auf den Weg machen.

1/1

Mit Rentiernomaden über den Ural

In Detailansicht öffnen

Ganz im Norden des Ural, dicht am Polarkreis, leben die Komi-Nomaden. Sie gehören zu einer der zahlreichen ethnischen Minderheiten Sibiriens und betreiben seit jeher Rentierzucht.

Ganz im Norden des Ural, dicht am Polarkreis, leben die Komi-Nomaden. Sie gehören zu einer der zahlreichen ethnischen Minderheiten Sibiriens und betreiben seit jeher Rentierzucht.

Zweimal im Jahr gehen die Komi auf Wanderschaft. Im Herbst ziehen sie über den Ural in die Taiga, wo ihre Tiere selbst bei harten Minusgraden noch Futter finden, und im Frühjahr ziehen sie über die Berge wieder zurück in die Tundra.

Schura und Alexej sind verheiratet und beide Rentierzüchter.

Alexej und seiner Familie gehören 5000 Rentiere. Mit ihnen ziehen sie jedes Jahr über den Ural.

Der erste Schnee ist gefallen, Schura sucht Transporttiere für ihre Schlitten aus.

Nur kräftige Tiere sind als Schlittentiere geeignet. Schura wählt sorgfältig aus.

Schura hat Holz zum Heizen geholt. Ihr Winter-Tschum ist mit Rentierfellen bedeckt.

Marina bereitet die Transporttiere vor. Der Treck über den Ural kann beginnen.

Marina mit Fisch. Bei Minus 30 Grad halten sich alle Lebensmittel.

Wassili mit seinen Transporttieren. Bevor der Winter kommt, müssen die Familien den Ural überquert haben.

Das Leben der Nomaden ist einfach. Sie besitzen nur das Notwendigste. Die Rentiere liefern ihnen alles, was sie zum Leben benötigen.

Die Zeit im Winterquartier wird für den Bau von neuen Transportschlitten genutzt. Im Winterquartier gibt es genug Holz und Futter für die Tiere.

Schulpflichtige Nomadenkinder sind von September bis Mai im Internat. Nur die Kleinen dürfen mit ins Winterlager.

Ein Rastplatz der Komi-Familien im Ural.

Das Winterlager in der Tundra wird in der Nähe eines Waldes aufgeschlagen. Dort ist es wärmer und es gibt Moos für die Rentiere.

Marina kämpft sich mit ihrem Gespann über den Pass.

In Marinas Tschum wohnen 12 Leute. Innen ist es in zwei Hälften aufgeteilt und genau festgelegt, wer in welcher Hälfte wohnt.

Wassili führt den großen Treck über den Ural an.

In den Bergen des Ural fangen die Männer die Transporttiere aus ihrer Herde.

Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion war die Rentierzucht – so wie die gesamte Wirtschaft – staatlich organisiert. Heute gehört den Familien etwa ein Drittel der Herde selbst. Damit können sie privat wirtschaften. Der andere Teil ist in kommunalem Besitz.

Andrej im Schlachthof. Das Rentierfleisch wird eingefroren und nach Möglichkeit verkauft.

Sie ziehen- wie jedes Jahr- mit der Herde über die Berge des Ural, von Europa nach Asien. 400 Transporttiere ziehen ihre 50 Schlitten. Auf ihnen ist alles, was sie besitzen. Die Männer und ihre Familien folgen den Wegen ihrer Väter, Großväter und Ur-Großväter. Sie alle waren Rentierzüchter, Sie alle sind gezogen, jahrein, jahraus. Ein Leben lang. Sie kennen nur dieses Leben. Es ist ein archaisches Leben unter dem weiten, freien Himmel, abhängig allein vom Wohlergehen der Tiere und dem ewigen Kreislauf der Natur.

Bevor der strenge sibirische Winter hereinbricht, müssen die Nomaden den Ural überquert haben. Doch in diesem Jahr kommt der Schnee früher als erwartet und so stehen Menschen und Tiere am Beginn einer langen, beschwerlichen Reise. Die große Herde ist immer auf der Suche nach Futter und zieht voran. Die Familien mit ihren Schlitten folgen ihr. Abends wird gerastet. Die Tschums, die Zelte der Komi- Nomaden, werden aufgebaut. Es wird Feuer gemacht und gekocht. Am nächsten Morgen müssen die Tschums wieder abgebaut werden und die Karawane macht sich wieder auf den Weg.

Über zwei Monate sind sie unterwegs, um 200 Kilometer zurückzulegen. Anfang Dezember erreichen sie einen winzigen Ort hinter dem Ural, wo ein Teil ihrer Tiere geschlachtet wird. Nachdem diese Arbeit getan ist, ziehen sie in wochenlanger Reise noch einmal 200 Kilometer weiter. Dann erst erreichen sie ihre Winterquartiere in den Wäldern der Taiga. Hier finden die Tiere genug Futter, hier gibt es Holz für den Bau neuer Schlitten, hier werden die Rentier- Nomaden einige Wochen bleiben und sich ausruhen. Im April, noch bevor der Schnee schmilzt, werden die Familien sich wieder auf den Weg machen. Sie werden die Berge des Ural überqueren und- wie in jedem Jahr- ihre Zelte wieder auf den Sommerweiden in Europa aufstellen.

Stand: 17.12.2008, 18.16 Uhr