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Afghanistan Der Junge aus dem Tal der Buddhas

Sendung vom Sonntag, 5.3.2006 | 17.15 Uhr | SWR Fernsehen

Am 6. März jährt sich zum fünften Mal der barbarische Akt, mit dem die Taliban in Afghanistan die weltgrößten Buddhafiguren zerstörten. Sie waren 55 und 38 Meter hoch und um 550 n. Chr. von buddhistischen Mönchen in ein gigantisches, steil abfallendes Felsenriff modelliert worden. Für Reisende aller Zeiten war ihr Anblick so überwältigend, dass er gleichwohl zum Symbol Afghanistans wurde. Mit ihrer Sprengung auf Geheiß des Talibanführers Mullah Omar ging ein einzigartiges Weltkulturerbe für immer verloren.

Das Hochtal von Bamiyan, wo die beiden Buddha-Statuen vormals ausgedehnte Klöster und Karawansereien überragten, ist eine der faszinierendsten Landschaften am Hindukusch. In den Siebzigern, als Afghanistan Durchgangsstation für Reisende nach Indien war, trafen sich auf dem Felsplateau von Bamiyan allmorgendlich Abenteurer und Hippies aus aller Welt, um die Buddha-Giganten im Licht der aufgehenden Sonne gold glänzen zu sehen. Selbst heute, wo die leer gesprengten Buddhanischen den Besucher unwillkürlich an geplünderte Sarkophage denken lassen, ist Bamiyan ein Ort, der jedem, der ihn einmal gesehen hat, für immer unvergessen bleibt.

Als die Dreharbeiten zu diesem Film stattfanden, im Sommer 2004, machte die Schlagzeile die Runde, unter der Erde von Bamiyan schlummere ein dritter Riesenbuddha - mehr als 300 Meter lang. Der französische Archäologe afghanischer Herkunft Zemaryalai Tarzi besaß als einziger eine Grabungsgenehmigung und begann, mit 70 lokalen Helfern nach dem "Schlafenden Buddha" zu suchen. Regisseurin Ulrike Becker und ihr Team wurden Zeugen, wie er verblüffende Indizien zu Tage förderte. In einer verschütteten Klosterruine stieß er auf zahlreiche Köpfe kleinerer buddhistischer Statuen und legte Gewandfalten frei, die tatsächlich Fragmente einer Riesenstatue sein könnten. Der Film dokumentiert darüber hinaus die im Auftrag der UNESCO von deutschen Restauratoren ausgeführten Sicherungsarbeiten an der Nischen der beiden zerstörten Buddhas und beleuchtet den Zustand der Felsenhöhlen, die - fast tausend an der Zahl - den buddhistischen Mönchen einst als Wohn- und Zeremonienräume dienten.

Afghanistan - Der Junge aus dem Tal der Buddhas

Verblüffende neue Funde in Bamiyan

Für die in Bamiyan ansässigen Hazara bedeutet die Präsenz von Wissenschaftlern vor allem eines: bezahlte Arbeit. In der unterbeschäftigten und an den Kriegsfolgen stark leidenden Region ist das ein seltenes Glück. Unter Zemaryalai Tarzis Tagelöhnern lernt die Filmcrew den Hazara-Jungen Sajjed Daoud kennen, einen Vierzehnjährigen, der die Schule nicht besuchen kann, weil seine Familie dann gar kein Einkommen hätte. Ohne Bitterkeit berichtet er vor der Kamera, wie er und seine Angehörigen jahrelang zusammengepfercht in einer der ehemaligen Mönchshöhlen lebten. Im Winter, wenn das Bamiyan-Tal unter einer dicken Schneedecke liegt, war eine große Plastikplane gegen den eisigen Wind der einzige Schutz. Erst das Interesse der Archäologen für die Mönchsgrotten und die internationalen Gelder für den Denkmalschutz veranlassten die afghanische Regierung, für die Höhlenbewohner eine bescheidene Siedlung zu errichten.

Sajjed Daoud und seine Familie sind wie die meisten Hazara fromme Schiiten; die Kamera begleitet sie auf einer Pilgerreise nach Band-e-Amir, zu "Alis heiligen Seen". Die sechs natürlich terrassierten Seen, 75 Kilometer westlich von Bamiyan, gelten als Afghanistans verblüffendstes Naturwunder. Berühmt sind sie wegen ihrer intensiv blauen Farbe. Dem Volksglauben nach ist Imam Ali, der Schwiegersohn des Propheten Mohammed und Begründer der Schia, für das Naturspektakel verantwortlich. Tatsächlich ist es der hohe Kalk- und Mineraliengehalt, der dem Wasser die Farbe des hier ganzjährig blau leuchtenden Himmels verleiht. Die Landschaftsaufnahmen des Films machen die Faszination, die Reisende aller Zeiten für den Hindukusch verspürten, mühelos verständlich.


Ein Film von Ulrike Becker

Letzte Änderung am: 03.09.2008, 10.43 Uhr