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Vor 75 Jahren: Das Euthanisieprogramm der Nationalsozialisten beginnt Emotionale Spurensuche

Im August 1939 begann das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, in dessen Folge Kinder, psychisch Kranke und Behinderte systematisch ermordet wurden. Auch in der Klinik Klingenmünster in der Pfalz fanden 1.700 Patienten den Tod, viele andere wurden deportiert.

Gabriele Bußmann aus Laubach in der Eifel hat sich auf eine emotionale Spurensuche begeben und ein dunkles Kapitel ihrer Familie aufgedeckt: Ihre an Schizophrenie leidende Großmutter Rosa starb im Zuge der Euthanasie-Gesetze in der Klinik.

Vierzehn Jahre lang war sie in der damaligen Nerven- und Heilanstalt untergebracht. Im Jahre 1946 ließ man sie dann verhungern. Lange schwieg die Familie über das tragische Schicksal ihrer Vorfahrin, erst vor zwei Jahren erfuhr die Enkelin die Hintergründe des Todes ihrer Großmutter.


Mehr zum Thema:

Sujet Historischer Rückblick

Euthanasie im Nationalsozialismus

Historischer Abriss

14.7.1933:
Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" wird verabschiedet. Ohne Einwilligung der Betroffenen sollen "Wahnsinnige", Schizophrene, Manisch-Depressive, Epileptiker, Personen bei denen Blindheit, Taubheit, Kleinwüchsigkeit, spastische Lähmungen oder Missbildungen als erblich diagnostiziert wurden, von Angehörigen medizinischer Berufe gemeldet und nach Entscheidung eines Erbgesundheitgerichts sterilisiert werden.

18.8.1939:
Erlass zur Erfassung behinderter Kinder

21.9.1939:
Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten und erste Tötungen von mehreren tausend Patienten in Westpreußen

Oktober 1939:
Hitler unterschreibt die "Euthanasie"- Ermächtigung und datiert sie auf den Kriegsbeginn (01.09.39) zurück; die vorbereitete "Aktion T4" läuft an.

Oktober bis Dezember 1939:
Überall im Land werden Kinder und erwachsene Patienten erfasst und getötet.

Dezember 1939 bis Juni 1940:
Gaswagen werden eingesetzt, die Tötungsanstalten Brandenburg, Grafeneck, Hartheim und Sonnenstein eingerichtet.

Juli 1940:
Jüdische Geisteskranke werden nun gesondert gesammelt und die ersten in Brandenburg getötet; später werden jüdische Patienten in der Heil- und Pflegeanstalt Bandorf-Sayn konzentriert.

Juli/August 1940 bis August 1941:
Etliche Geistliche und der Mediziner Sauerbruch protestieren gegen den Krankenmord; die Bischofskonferenz verbietet den kirchlichen Mitarbeitern, aktiv beim Abtransport mitzuwirken. Parallel werden die Tötungsanstalten umorganisiert: Bernburg löst Brandenburg ab, Hadamar löst Grafeneck ab.

24.8.1941:
Offizieller Stopp der "Euthanasie" aus außen- und innenpolitischen Gründen, Hadamar beendet Vergasungen, doch Tötungen gehen als Aktion "14 f 13" weiter, vorzugsweise nun durch Medikamente bzw. Hunger (z.B. in Tiegenhof und Meseritz-Obrawalde mit 16.000 Toten)

November 1941 bis Juli 1942:
Das im Massenmord geschulte Personal der Tötungsanstalten wird in die Vernichtungslager Belzec, Sobibór oder Treblinka versetzt.

27.4.1943:
"14 f 13" wird beendet, die potentiell Betroffenen sollen stattdessen zur Arbeit eingesetzt werden. Ärzte bekommen aber weiter die Einzelerlaubnis zur Tötung von Kranken.

April 1944:
Zweite Phase von "14 f 13" beginnt, bis März/April 1945 werden weiter Kranke getötet.

1993:
Vor der Klinik Klingenmünster wird ein Gedenkstein mit der Inschrift "Den Opfern der nationalsozialistischen Psychiatrie zum Gedenken - den Lebenden zur Mahnung" eingeweiht.

2008:
Auf dem Klinikfriedhof in Klingenmünster wird die "Pfälzische Gedenkstätte für die Opfer der NS-Psychiatrie" eröffnet.

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