aus der Sendung vom Dienstag, 25.1.2011 | 18.55 Uhr | SWR Fernsehen in Rheinland-Pfalz

Roger Moore hat Angst vor Pistolen, Johnny Depp fürchtet sich vor Spinnen und Woody Allen hat Panik vor Insekten, Sonnenschein, Hunden, Kindern, Höhe, kleinen Räumen und Menschenmengen. Mehr als 600 verschiedene Phobien gibt es - das haben Wissenschaftler herausgefunden.
Die häufigste Angst ist die vor Spinnen. Es gibt aber auch skurrile Phobien wie Angst vor Knöpfen oder Watte. Neben Depressionen zählen Angsterkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Etwa jeder Fünfte in Deutschland leidet unter einer Phobie. Das Risiko, im Laufe des Lebens davon betroffen zu werden, liegt bei etwa 15 Prozent.
Warum hat jeder Angst? Wann wird aus der Angst eine Phobie? Wie entsteht sie? Wann sollte man zum Arzt gehen? Welche Möglichkeiten der Therapie gibt es? Warum nehmen Angstzustände immer mehr zu? Zum diesem Thema wird Reiner Wieland, leitender Psychologe der Klinik für Psychosomatik in Bad Dürkheim, mit uns diskutieren.
Weitere Informationen von unserem Experten Reiner Wieland:
Fakten zu Angsterkrankungen
Entstehung
Angsterkrankungen sind multifaktoriell bedingt, d.h. mehrere Faktoren tragen zur Entstehung bei. Wenn eine Person z.B. langanhaltenden Belastungen ausgesetzt ist (private Konflikte) und dann noch berufliche Veränderungen und Stressfaktoren hinzukommen, entstehen Stresssymptome als Überforderungszeichen (Beklemmungsgefühle in der Brust, Atemnot, Herzrasen).
Wenn die Person diese falsch interpretiert (als Zeichen einer körperlichen Erkrankung z.B. als Hinweis auf einen Herzinfarkt), dann entstehen übermäßige Ängste. Viele Menschen vermuten ein schlimmes Ereignis als Ursache z.B. für eine Spinnenphobie. Das ist in der Regel aber nicht so. Nicht ein Ereignis, sondern eine krisenhafte Lebenssituation steht meist zu Beginn. So beginnen Tierphobien meist in der Kindheit, soziale Phobien meist in der Adoleszenz, Platzängste meist zwischen 25 und 30 Jahren. Wenn in dieser Zeit Unsicherheiten bestehen – ein schwieriger familiärer Hintergrund für ein Kind, eine schwierige Pubertätszeit oder Schwierigkeiten im beruflichen oder privaten Bereich für einen Erwachsenen – dann entsteht ein Spannungszustand. Jetzt kann die Angstreaktion überreagieren und wird fälschlicherweise an etwas Äußerem festgemacht, einer Maus, Achselschweiß oder einer Menschenmenge. Dabei ist das nur der Aufhänger.
Folgeprobleme
Im Verlauf kommt es infolge der zunehmenden Beeinträchtigungen der Lebensqualität bzw. als Folge von Selbstbehandlungsversuchen häufig zu weiteren psychischen Erkrankungen (Depressionen, Medikamenten- und Alkoholmissbrauch).
Behandlung
Die Methode der Wahl ist eine Psychotherapie (Verhaltenstherapie). Hierbei sind die Erfolgsaussichten sehr gut. Stabile Erfolge sind bei etwa 80 Prozent der behandelten Patienten zu verzeichnen. Bei einer medikamentösen Behandlung ist dagegen die Rückfallgefahr nach Absetzen des Medikaments sehr hoch.
Häufigkeit
Neben den Depressionen zählen die Angsterkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, das Lebenszeitrisiko beträgt etwa 15 Prozent. Grundsätzlich könnte jeder im Laufe des Lebens betroffen sein.
Probleme
Angsterkrankungen werden häufig spät erkannt, da sich die Betroffenen z.B. wegen körperlicher Symptome an den Hausarzt wenden und eine organische Verursachung annehmen. Es dauert durchschnittlich 7 Jahre bis psychische Erkrankungen richtig diagnostiziert werden. Angsterkrankungen werden chronisch, wenn sie nicht angemessen behandelt werden, d.h. sie bilden sich in der Regel nicht von selbst zurück.
Angsterkrankungen führen zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität (z.B. eingeschränktes Alltags- und Freizeitverhalten, häufige Krankschreibungen).
Tendenzen
Psychische Erkrankungen scheinen insgesamt zuzunehmen. Obwohl der Krankenstand in den letzten Jahren insgesamt immer mehr abgenommen hat, nahm der Anteil der psychischen Erkrankungen an den Krankschreibungen beständig zu. Es findet eine Verschiebung in Richtung psychischer Erkrankungen statt. Dies wird nicht zuletzt mit Veränderungen in der Arbeitswelt in Verbindung gebracht (erhöhte Arbeitsdichte, hohe emotionale Anforderungen im zunehmenden Dienstleistungsbereich, Arbeitsplatzunsicherheit).
Dementsprechend sind psychische Erkrankungen (u.a. also die Angsterkrankungen) seit einigen Jahren auch der häufigste Grund für Frühberentungen.
Letzte Änderung am: 19.01.2011, 18.13 Uhr