aus der Sendung vom Mittwoch, 4.2.2009 | 18.45 Uhr | SWR Fernsehen in Rheinland-Pfalz
Muskeln und Sehnen gehören untrennbar zusammen, denn mit dem bandförmigen Bindegewebe sind unsere Kraftpakete am Knochengerüst des Körpers verwachsen. Durch die Sehnen wird die Kraft der Muskeln auf das Skelett übertragen. Ein besonders kompliziert und kunstvoll gebautes Geflecht aus Knochen, Muskeln und Sehnen ist unser Schultergelenk.
Als Symbol für Kraft und Stabilität hat die Schulter in viele Sprichworte und Redewendungen des Alltags Eingang gefunden: Eine schwere Last wird "geschultert", wichtige Dinge nimmt man nicht "auf die leichte Schulter", beim "Schulterschluss" bilden mehrere Gleichgesinnte ein Bollwerk gegen Widersacher. Bei fast jeder Bewegung unseres Körpers spielt die Schulter auf die ein oder andere Weise unmerklich mit - eine Tatsache, die den meisten Menschen erst dann auffällt, wenn einmal etwas nicht stimmt.
Und das ist immer häufiger der Fall. Doch welche Behandlungsmethoden gibt es? Helfen Schmerzmittel oder wie sonst kann man Schulterbeschwerden risikoarm behandeln? Wie sinnvoll sind Cortisonspritzen oder transkutane Nervenstimulationen mittels TENS-Gerät? Und wann muss man an einen künstlichen Gelenkersatz für die Schulter denken? Darüber sprechen wir mit dem Orthopäden Dr. Christian Steingässer.
Informationen von Herrn Dr. Christian Steingässer
Künstliches Schultergelenk
Ein künstliches Schultergelenk, eine Schulterendoprothese bei Arthrose ist die ultima ratio. Wenn nichts mehr hilft, keine Krankengymnastik, nichts mehr, dann ist das das Mittel der Wahl. Dann sollte man auch nicht zu lange warten mit dem Gelenkersatz, weil sonst die Rotatorenmanschette reißen kann, weil die Sehnen sich durch die Arthrose aufbrauchen, und dann hat man große Probleme.
Ein künstliches Schultergelenk einzusetzen, ist mittlerweile ein etablierter Eingriff und nicht sehr exotisch. Das sind hochentwickelte Implantate und man hat ähnlich gute Ergebnisse wie bei einem Knie- oder Hüftgelenkersatz.
Die Standzeiten von Schulterprothesen entsprechen denen von Knie und Hüftprothesen, 15 Jahre sind ein statistischer Mittelwert; sicherlich gibt es Prothesen, die noch länger halten.
Ausgetauscht werden muss die Prothese nur dann, wenn eine schmerzhafte Lockerung vorliegt - in der Regel ist ein Wechsel relativ unproblematisch, ein hohes Lebensalter und Begleiterkrankungen relativieren die Indikation zum Wechsel.
Rheumatiker, die sehr früh eine Prothese erhalten, müssen eher mit mehreren Wechseln rechnen, dann wird es natürlich irgendwann schwierig, aufgrund des zunehmenden Knochenverlustes und der fehlenden Möglichkeiten der Verankerung; auch die Weichteile leiden bei jeder Operation.
Schmerzen in der Schulter
Zuerst sollte man eine konservative Behandlung ausprobieren. Das heißt, die Schulter sollte nicht ruhig gestellt werden, sondern gedehnt werden, um die Beweglichkeit zu erhalten. Zum Beispiel mit Dehnungsübungen für die Schultergelenkkapsel und zum Ausbalancieren der umgebenden Gruppen, um den Oberarmkopf in der Pfanne zu zentrieren. Physiotherapie spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Wichtig ist übrigens festzustellen, ob die Schmerzen überhaupt von der Schulter kommen oder eventuell von der Halswirbelsäule.
Ursachen für Schultergelenkbeschwerden
Entzündung der langen Bizepssehne, die reibt am Oberarmkopf und das verursacht Beschwerden. Manchmal reißt diese Sehne durch, das gibt spontan eine Entlastung, manchmal muss man sie auch operativ durchtrennen, dann tritt Beschwerdefreiheit ein. Diese Sehne braucht man nicht, um den Arm richtig zu bewegen.
Impingement-Syndrom, ein sogenanntes Engpasssyndrom: Hier gibt es eine schmerzende Enge unter dem Schulterdach, das kann bis zur Sehnenruptur führen. Die Schultergelenkkapsel neigt im Alter zum Schrumpfen, dann wird es eng unter dem Schulterdach, weil der Oberarmkopf nach oben geht.
Kalkschulter: Eine eigene Erkrankung, die in der Regel keine Beschwerden verursacht. In der Sehne wird Kalk gebildet, aber wenn sich die Sehne öffnet und der Kalk rieselt, dann gibt es heftige entzündliche Reaktionen.
Durch Arthrose; fast jeder 2. hat Arthrose im Schultergelenk.
Schultergelenkbeschwerden sind meist multi-faktoriell, man muss sie differenziert behandeln, am besten bei einem Arzt, der sich auf die Schulter spezialisiert hat.
Untersuchungsmethoden
Die klinische Untersuchung durch den Arzt klärt vieles. Es gibt eine Reihe von Tests, die sehr aufschlussreich sind. So klärt sich mehr als die Hälfte aller Schulterbeschwerden.
Immer muss ein Röntgenbild gemacht werden. So sieht man Veränderungen durch Arthrose und angeborene knöcherne Anomalien.
Auch der Ultraschall ist wichtig, weil die vielen Weichteile der Schulter (Bänder, Sehnen) der Sonographie gut zugänglich sind.
Auch häufig, eine Kernspintomographie zum Abklären von degenerativen Veränderungen der Sehnen und Muskeln.
Vorbeugende Maßnahmen
Man sollte in Bewegung bleiben; ein gymnastisches Übungsprogramm und Schwimmen sind gut.
Und wenn es einen erwischt hat? Dann helfen erst mal entzündungshemmende Schmerzmittel, die sind allerdings keine Dauermedikation, sondern man sollte sie nur im akuten Stadium nehmen, damit man mit der Physiotherapie beginnen kann.
Bei akuten Entzündungen helfen auch Kortisonspritzen mit einem lokalen Betäubungsmittel, danach ist mehr als die Hälfte aller Patienten weitgehend beschwerdefrei. Nur wenn all das nichts bringt, gibt es gezielte operative Verfahren, z.B. einen Teil des Schleimbeutels entfernen und das Schulterdach in Teilen wegfräsen, um dort mehr Platz zu schaffen und so das Impingement-Syndrom behandeln zu können.
Reizstrombehandlung hilft in der Regel nicht, im Vordergrund steht die Physiotherapie. Helfen kann allerdings auch ein TENS-Gerät (Reizstromgerät) zur Entspannung der Muskeln, z.B. nach einer OP.
Letzte Änderung am: 23.01.2009, 23.36 Uhr