Ein Ortsporträt von Gudrun Fünter

Gäbe es einen Preis für Geduld, die 453 Bürger von Miellen an der Lahn hätten ihn verdient. Denn etwa 70 Mal am Tag ist der Bahnübergang mitten im Dorf geschlossen. Fußgänger und Autofahrer müssen 4 bis 12 Minuten warten. Das tun sie mit Engelsgeduld und mit einigen Vorkehrungen, etwa mit der Zeitung auf dem Beifahrersitz und der Nagelpfeile im Handschuhfach.

Das vier Quadratmeter große Häuschen neben dem Gleis ist vermutlich Deutschlands kleinster Schrankenposten: Arbeitsplatz von vier Schrankenwärtern. Robert Korn und seine Kollegen gehören zu den letzten, die noch von Hand kurbeln. Mit Muskelkraft und Stahlseilen öffnen und schließen sie die Schranken: 70 mal am Tag. Und falls die hinter die Schranken gewiesenen Bürger doch einmal ungeduldig werden, heißt es bei Robert Korn nur: "Die Gleise liegen schon, dann muss der Zug ja bald kommen". Die Bahntrasse trennt Miellen in Oberdorf und Unterdorf. Wer immer nach Miellen oder aus Miellen hinaus will, fährt entlang der Gleise auf teils abenteuerlichen Strecken. So ist die Straße in Richtung Bad Ems nur den Einheimischen vorbehalten, denn nur sie wissen, was da auf Autofahrer zukommen kann. Rangiermanöver auf engster Strecke bei jedem Gegenverkehr.

Die schlechte Verkehrsanbindung hat die Miellener offenbar zusammengeschweißt. Schon vor 30 Jahren bauten sie ihre alte Schule zum Dorfgemeinschaftshaus um - in Eigenleistung und ganz ohne Zuschüsse des Landes. Und wenn hier eine silberne Hochzeit gefeiert, dann ist das halbe Dorf dabei, 60 Miellener Chorsänger und Sängerinnen und die komplette Feuerwehr. Darüber hinaus hat das Dorf, in dem früher einmal sechs Mühlen standen, zahlreiche Hobbykünstler. Helmut Kapitain baut Krippen, Werner Fritz bastelt Lichtbögen für die Weihnachtszeit und Klaus Kau exotische Vögel. Die sogenannten "Zoppelfrauen" haben mit ihren Bastelarbeiten beim letzten Adventsbasar 2500 Euro erwirtschaftet!
Schrankenwärter Robert Korn darf sich auf dem Dienstposten nicht ablenken. Zerstreuung wie Radio, Fernsehen oder Telefon sind streng verboten. Ihm bleibt nur der Blick aus dem Fenster. Im Haus gegenüber wohnt eine junge Frau, die heute Lebensgefährtin des Schrankenwärters ist....
Miellen
Bleichstraße 1
56130 Bad Ems
Tel: 02603/793-0
Fax: 02603/793-175
Letzte Änderung am: 02.12.2005, 00.00 Uhr