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Der Rosenmontagszug in Mainz 2011

SENDETERMIN Do, 2.2.2017 | 18:45 Uhr | SWR Fernsehen RP

180 Jahre Ranzengarde Die Mutter aller Mainzer Garden

Seit 1837 geht es bei der Mainzer Ranzengarde mit eigenen Fahnen, Uniformen und Titeln zu wie beim Militär. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied.

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Während das Militär todernst agiert, parodiert die älteste Korporation innerhalb der Mainzer Fastnacht das Soldatische. Pate dafür standen die Wach- und Ehrenkompanie des Landesfürsten sowie die "Langen Kerls" des altpreußischen Infanterieregiments No. 6. Diese Grenadiere mussten mindestens sechs Fuß groß sein.

Zwei Zentner und sechs Fuß

Der Ranzen im Gardenamen steht für einen dicken Bauch. Entsprechend musste jeder, der zur Ranzengarde wollte, einen Leibesumfang von mindestens sechs Fuß (rund 180 Zentimeter) und ein Gewicht nicht unter zwei Zentner vorweisen können. Als Aufnahmekriterium war der Ranzen aber nur kurz das Maß aller Dinge, dann durften auch Ranzenlose Mitglieder werden. Allerdings gibt es auch heute noch Ranzen bei den Ranzengardisten.

Närrische Spezialeinheiten

Nach eigenen Angaben hat sich die Garde auf die Fahnen geschrieben, den militärischen Drill "auf die Schippe" zu nehmen: "Ganz 'streng' militärisch geordnet, versteht sich." Ihren "immerwährenden Kampf gegen Mucker und Miesmacher" bestreitet sie mit "närrischen Spezialeinheiten".

"Vom Rekruten bis zum General, vom Reiter bis zur Marketenderin, vom kleinsten Kadettchen bis zur Majorette und zum gewaltigen Klangkörper unserer musikalischen Mitstreiter" ist dort alles vertreten. Aktuell zählt der eingetragene Verein rund 600 Mitglieder.

Gegründet wurde er vom Mainzer Unternehmer und Politiker Johann Maria Kertell. Der 1839 im Alter von 68 Jahren gestorbene Großkaufmann war gleichzeitig erster Generalfeldmarschall und Präsident der Ranzengarde. Mit ihrer Hilfe war ein Jahr zuvor der Mainzer Carneval-Verein (MCV) ins Leben gerufen worden, der älteste Karnevalsverein in der Stadt.

Schlachtruf und Chronik

Über die Entstehungsgeschichte der Ranzengarde gibt eine Fastnachtschronik aus dem Jahr 1838 Auskunft. Darin wird Gründer Kertell wie folgt beschrieben: "Eines Tages trat in der Gesellschaft der Narren ein Mann auf, von Carneval erleuchtet und gesandt, mit prophetischem Geiste und predigte: 'Meine Herren und Mitnarren! Dem Fürsten Carneval müsst ihr eine würdige Garde bereiten!'"

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4:13 min

Mehr Info

Bericht über die Ranzengarde 1958

Die Mainzer Ranzengarde wurde 1837 von Johann Maria Kertell gegründet und ist die älteste Fastnachtskorporation innerhalb der Mainzer Fastnacht.

Diesen Appell beherzigt die Garde bis auf den heutigen Tag und feiert die Meenzer Fassenacht ausgiebig sowohl im Saal als auch "uff der Gass". Dabei wird immer strikt nach dem Schlachtruf "Die Garde trinkt, aber übergibt sich nicht" verfahren. Das ist eine Verballhornung des Schlachtrufs des französischen Generals Pierre Cambronne: "Die Garde stirbt, aber ergibt sich nicht".

Prominente Mitglieder

Julia Klöckner in der Ranzengarde-Uniform

Julia Klöckner (CDU) beim Rosenmontagszug 2013.

In den Reihen der Ranzengarde tummeln sich zahlreiche bekannte Zeitgenossen. Dazu zählen die Politiker Jan Metzler, Gerd Schreiner, Christian Baldauf und Michael Hartmann. Mitglieder sind auch die CDU-Bundesvize und -Landeschefin Julia Klöckner, der Mainzer Ex-Oberbürgermeister Jens Beutel und Jean Robert Saget, Botschafter der Republik Haiti.

Der frühere Politiker und Ex-Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Johannes Gerster, und der 2007 verstorbene Mainzer Unternehmer Heinz Hermann Freiherr Schilling von Cannstatt-Kupferberg führten die Garde auch als Generalfeldmarschall. Gerster wurde 2013 sogar mit dem Rang eines Ehren-Generalfeldmarschalls dekoriert.

Bedeutende Auszeichnung für Kreativität

Stellvertretend für den Deutschen Karneval wurde die "Mutter aller Mainzer Garden" mit dem Ehrenpreis CREO der Deutschen Gesellschaft für Kreativität ausgezeichnet. Diesen erhalten seit 2007 Personen oder Institutionen für ihre besondere kreative Leistung oder ihr nachhaltiges kreatives Handeln. Überreicht wurde der CREO 2016 am 2. Januar 2017 im Kurfürstlichen Schloss zu Mainz.

Generalfeldmarschall Thelen und Präsident Lothar Both zeigten sich begeistert: "Das bringt neuen Schwung ins 180. Jahr der Mainzer Ranzengarde." Die Gesellschaft für Kreativität betonte: "In den vielfältigen Bräuchen der Fastnacht sehen wir eine Fülle an kreativen Einzelleistungen, die Jahr für Jahr von ehrenamtlichen Aktiven erbracht werden. Diese besondere Form unserer Kultur sehen wir gerade hier in Mainz und beispielgebend in der Mainzer Ranzengarde verwirklicht", die "bis heute als Ideengeber des politisch-literarischen Karnevals wirkt – weit über Mainz hinaus".

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