aus der Sendung vom Samstag, 30.7.2011 | 19.15 Uhr | SWR Fernsehen in Baden-Württemberg
Annette Krause ist diesmal im Südschwarzwald unterwegs. Hier gibt es nicht nur Landschaft pur. In den entlegensten Ecken des Landes finden sich manchmal die interessantesten Künstler und spannendsten Projekte. Vom Bahnhof Himmelreich bei Kirchzarten startet Annette Krause zu einem ganz besonderen Kulturtrip: Sie besucht Künstler zu Hause und in ihren Ateliers.
Ihr erster Besuch gilt Thomas Rees in Freiburg-Kappel. In der Region ist der Holzkünstler längst vielen bekannt. Im Freiburger Stadtwald findet sich z.B. der von ihm geschaffene Skulpturenpfad „WaldMenschen“. Im Alltag ist Thomas Rees Techniker. Seine Leidenschaft aber ist von klein auf das Holz. Bei ihm zuhause wird sofort klar: Der Mann lebt mit dem Holz. Vom Sessel bis zum Stereomöbel – alles selbstgebaut. Draußen liebt er es monumentaler.
Sein Material: Sturm- und Totholz. Sturm Lothar hat ihm viel Holz beschert. Kurz danach fing er an auf dem Kamelberg bei Kappel jedes Jahr zu Weihnachten außergewöhnliche Krippenfiguren zu schaffen. Viele davon sind längst vermodert. Aber auch die Vergänglichkeit seiner Werke gehört für ihn dazu. Seit neuestem ist sein „Baum der Erkenntnis“ in exponierter Lage oberhalb von Kappel zu sehen. Ein hölzernes Manifest der Heilsgeschichte. Thomas Rees liebt Geschichte und Geschichten – lokale und biblische.
Zweite Station ist Kirchzarten-Burg. Hier lebt Willi Sutter. Er hat schon Dutzende von alten Häusern in der Region gerettet. Nach dem Abitur fing er einfach an mit Freunden Häuser zu renoviere und gründete den Verein „Domiziel“. Seine Idee: Wohnraum und Arbeit für Menschen am Rande der Gesellschaft zu schaffen. Ein Erfolgsprojekt. Viele Häuser konnten für Obdachlose, Behinderte und sozial Schwache renoviert werden. Mittlerweile hat er die Leitung des Vereins abgegeben. Heute ist er Bauleiter vieler Vorzeigeprojekte, z.B. die Birkenhof- und die Rainhofscheune in Kirchzarten-Burg. Erstere bietet Wohnraum für über 30 Menschen: Familien, Behinderte, eine Demenzwohngruppe und eine Kita leben hier unter einem Dach – übrigens auch Willi Sutter selbst. Alles natürlich komplett barrierefrei und energieeffizient.
Die Rainhofscheune hat ein ganz anderes Konzept: Hier kann man unter einem Dach durch verschiedene Läden bummeln, im Restaurant zu Mittag essen und im Hotel wohnen. Aus den ehemaligen Knechtskammern wurden außergewöhnliche und individuell gestaltete Zimmer. Darüber wohnt eine integrative Wohngruppe. Und es gibt einen riesigen Saal, der der ganzen Region als Tanzboden, Fest- und Kulturraum dient. 2010 erhielt die Rainhofscheune den Architekturpreis „Neues Bauen im Schwarzwald“. Viele Kommunen folgen nun dem Beispiel, mit dem Erhalt ihrer Kulturdenkmäler den Orten einen neuen lebendigen Mittelpunkt zu geben. Als Raum für Feste, Vereine, Kitas oder anderes. Willi Sutter hat im Moment viel zu tun.
Vom Himmelreich fährt Annette Krause weiter bis hinter St. Blasien. Hier im Hotzenwald besucht sie die Steinbildhauerin Mechthild Ehmann. Seit vielen Jahren lebt die gebürtige Schwäbisch Gmünderin auf dem Dachsberg in Happingen. Bei gutem Wetter hat sie Alpensicht bei der Arbeit. Denn Mechthild Ehmanns Werkstatt liegt unter freiem Himmel. Auch im tiefsten Winter. Wenn sie arbeitet wird es laut und dreckig. Sie schleift, hämmert und poliert. Und sie liebt den Widerstand. Am Ende gewinnt sie immer. Ringt groben Steinen zarte Seiten ab und bringt sie ins Gleichgewicht.
Ihre Arbeiten sind schwer und leicht zugleich. Jedes Objekt dreht sich ohne Anstrengung - ein sattes Schweben in schwarz, rosa, blau oder weiß - je nach Laune der Künstlerin. Mechthild Ehmann setzt sich immer durch. Lange gekämpft hat sie um einen Ausbildungsplatz als Steinmetz– für viele damals kein Frauenjob. Sie fand ihn in Schwäbisch Gmünd und studierte hinterher Bildhauerei an der Stuttgart Kunstakademie. In diesem Jahr hat die Meisterin der Steine bereits zwei bedeutende französische Preise bekommen. In der Provinz daheim – international renommiert. Zugleich ein Leben als Mutter dreier Töchter, an der Seite eines Malers. Ein echter Künstlerhaushalt mit Gemüsegarten und Steinlager.
Glas gehört zum Schwarzwald wie das Holz und der Stein. Mit einem Besuch beim Glaskünstler Wolfgang Fröse endet Annette Krauses Atelier-Tour. Seine Werkstatt steht in Görwihl. Der Hotzenwälder ist für alles offen: Er scheut weder Kunsthandwerk noch Seminarangebote aller Art. Mit seinem Kursteilnehmern steigt er auch schon mal in einen Bach und lässt sie mitten in der Natur arbeiten.
Berüchtigt in der Region ist Wolfgang Fröse aber auch für seine Performances. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Musiker Dirk Amrein hat er schon mehrere außergewöhnliche Abende gestaltet. Fröse arbeitet in wildem Tempo mit Glas und Metall, die Zuschauer müssen mithelfen und Dirk Amrein folgt dem Takt des Künstlers. Am Ende entsteht in Rekordzeit eine Skulptur – und Fröse muss sich erst mal erholen. Seine Glas-Objekte haben Annette Krause besonders gefallen. Jedes hat seine ganz eigene Geschichte. Neben Metall, fügt sich oft Holz zum Glas. Alte Planken aus Schwarzwaldbauernhöfen oder Fundstücke aus der Wutachschlucht. Seine Arbeiten sind eng verwurzelt mit der Gegend. Etliche finden sich auch in sakralen Räumen, wie der Einsegnungshalle in Grafenhausen.
Letzte Änderung am: 26.07.2011, 19.02 Uhr