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Neue Spielstube für Kinder in der Aufnahmeeinrichtung für Asylsuchende

Wie die Flüchtlinge zur Flüchtlingskrise wurden Ein Jahr voller Wendungen

Im Sommer 2015 stauten sich vor den Toren Europas die Flüchtlinge. Da sagte Kanzlerin Merkel "Wir schaffen das" und sorgte damit für Klarheit. Ein Rückblick auf ein geschichtsträchtiges Jahr.

Am 7. Mai 2015 erklärt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), dass in diesem Jahr 450.000 Flüchtlinge in Deutschland erwartet werden.

Am 19. August korrigiert das Ministerium die Zahl steil nach oben auf 800.000 - Hintergrund ist die zugespitzte Situation in Syrien, im Nordirak und in Afghanistan.

Am 21. August wurden bei gewaltsamen Protesten gegen ein Flüchtlingsheim im sächsischen Heidenau 31 Polizisten durch Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper verletzt. Rechtsextreme hatten versucht, die Unterbringung von Asylsuchenden in einem früheren Baumarkt zu verhindern.

Demonstrationen 2015 in Heidenau

Ausschreitungen in Heidenau

Am 25. August setzte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Es sieht vor, dass Flüchtlinge in demjenigen EU-Land Asyl beantragen müssen, das sie zuerst betreten haben.

31. August: Bei ihrer Sommer-Pressekonferenz in Berlin sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): "Wir schaffen das". Österreich und Ungarn setzen Züge ein, um die Flüchtlinge nach Deutschland weiterzuleiten. Die Flüchtlinge, die nach dem Dublin-System in anderen EU-Ländern Asyl beantragen müssten, werden an der deutschen Grenze durchgelassen.

3. September: Ungarn stoppt die Züge. Am Budapester Bahnhof herrschen chaotische Zustände. Viele Schutzsuchende machen sich zu Fuß auf den Weg Richtung Deutschland.

5. September: Gemeinsam mit dem österreichischen Kanzler Werner Faymann beschließt Kanzlerin Merkel, die Flüchtlinge nicht abzuweisen. Ungarn lässt die Züge wieder über Österreich nach Deutschland fahren. Am Münchner Hauptbahnhof werden die Neuankömmlinge mit Applaus begrüßt.

Flüchtlinge, die kurz zuvor mit einem Zug angekommen sind, jubeln am 05.09.2015 auf dem Hauptbahnhof in München (Bayern) auf einem Bahnsteig.

Jubelnd kommen Flüchtlinge in Deutschland an

6. September: Der begeisterte Empfang der Flüchtlinge in München und an weiteren deutschen Bahnhöfen prägt den Begriff "Willkommenskultur". Währenddessen werden in mehreren Städten wieder Flüchtlingsunterkünfte attackiert. Merkel bezeichnet die Einreise Tausender Schutzsuchender über Österreich aus Ungarn als Ausnahme.

7. September: In Reaktion auf die zugespitzte Lage einigt sich die Große Koalition auf ein Bündel von Maßnahmen. Das erste Asylpaket sieht neben der höheren finanziellen Unterstützung der Bundesländer und Kommunen auch eine Verschärfung des Asylrechts vor.

10. September: In einer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau macht ein syrischer Flüchtlinge ein Selfie mit der Bundeskanzlerin. Das Bild geht um die Welt und sorgt insbesondere bei Syrern für ein positives Bild von Deutschland.

Flüchtling Schakir Kedida aus Mossul (Irak) steht am 22.12.2015 in seinem Zimmer in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin-Spandau.

Ein Flüchtling zeigt ein Selfie mit der Bundeskanzlerin

Zugverkehr wird gestoppt, Grenzen wieder kontrolliert

13. September: Die Bundesregierung stoppt den Zugverkehr von und nach Österreich. Zwischen Bayern und Österreich werden wieder Grenzkontrollen eingeführt.

14. September: Die Innenminister der EU-Staaten einigen sich auf eine Umverteilung von 40.000 Flüchtlingen, um die Mittelmeer-Länder Italien und Griechenland zu entlasten. Nach Deutschland kündigt auch Österreich die Wiedereinführung von Grenzkontrollen an.

24. September: Bund und Länder einigen sich darauf, dass Albanien, Kosovo und Montenegro künftig zur Liste der sicheren Herkunftsländer zählen sollen.

7. Oktober: Das Innenministerium teilt mit, dass im September knapp 164.000 Asylsuchende registriert wurden, mehr als die Hälfte davon aus Syrien. Die Kanzlerin lehnt einen Aufnahmestopp ab. "Wir schaffen das", sagt Merkel erneut.

22. Oktober: In den ersten drei Quartalen des Jahres hat das Bundeskriminalamt 461 Angriffe auf Flüchtlingsheime mit rechtsextremem Hintergrund gezählt.

31. Dezember: Dutzende Frauen werden in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof von mehreren hundert Männern - die meisten von ihnen aus den Maghreb-Staaten - sexuell belästigt und bestohlen. Die Bundesregierung will auch Algerien, Marokko und Tunesien zu sicheren Herkunftsländern erklären.

ARCHIV - Zahlreiche Menschen sind am 31.12.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs zu sehen, es kommt zu Ausschreitungen und massenhaftemn Missbrauch.

Der Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs in der Silvesternacht

20. Januar 2016: Österreichs Regierung beschließt eine Obergrenze für Flüchtlinge. Bis 2019 sollen insgesamt knapp 130.000 Flüchtlinge aufgenommen werden.

21. Januar: Innenminister de Maizière kündigt an, die bis Mitte Januar befristeten Kontrollen von Flüchtlingen an der deutschen Grenze auf unbestimmte Zeit verlängern zu wollen.

27. Januar: Als Reaktion auf die Silvesternacht von Köln beschließt das Bundeskabinett eine Absenkung der Hürden bei der Ausweisung straffällig gewordener Ausländer. Künftig soll eine Ausweisung bereits bei einer Bewährungsstrafe möglich sein.

18. Februar: Im sächsischen Clausnitz wird ein Bus mit Flüchtlingen auf dem Weg zur Unterkunft von etwa 100 Demonstranten blockiert, die ausländerfeindliche Parolen und "Wir sind das Volk!" skandieren. Auch das Verhalten der Polizei, die die verängstigten Flüchtlinge teilweise mit Gewalt aus dem Bus holt, sorgt für Kritik.

24. Februar: Der Bundestag verabschiedet das zweite Asylpaket, das unter anderem Schnellverfahren für Flüchtlinge mit geringer Bleibeperspektive und eine Aussetzung des Familiennachzugs für Flüchtlinge mit dem untergeordneten subsidiären Schutz vorsieht.

9. März: Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenze für Flüchtlinge. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, auf der 2015 Hunderttausende nach Deutschland gekommen waren. Tausende Schutzsuchende stranden in der griechischen Grenzstadt Idomeni, wo bald chaotische Zustände herrschen.

Refugees and migrants stand outside a bus as they wait to be transferred to a hospitality center during a police operation at a makeshift camp in Polykastro village, near the village of Idomeni

Idomeni: Von hier aus kommen Flüchtlinge nicht mehr weiter

4. April: Das EU-Türkei-Abkommen tritt in Kraft. In Griechenland ankommende Migranten sollen in die Türkei zurückgeschickt werden. Für jeden syrischen Flüchtling, den die Türkei zurücknimmt, soll ein anderer Syrer legal in die EU kommen.

9. Mai: Die Zahl neu ankommender Flüchtlinge ist weiter rückläufig. Laut Bundesinnenministerium wurden im April nur noch knapp 16.000 Asylsuchende registriert.

7. Juli: Der Bundestag verabschiedet das Integrationsgesetz. Flüchtlinge sollen einen einfacheren Zugang zum Arbeitsmarkt und mehr Zugang zu Integrationskursen enthalten. Nehmen sie Angebote nicht wahr, droht eine Kürzung der Sozialleistungen. In Deutschland leben inzwischen geschätzt etwa 1,8 Millionen Flüchtlinge.

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