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Soziale Netzwerke "Destabilisierung unserer Gesellschaft"

Geschichten kursieren im Netz und nichts ist dran: Keine Entführung in Berlin, erfundene Straftaten von Ausländern. Warum der Trend zu Falschinformationen in Sozialen Medien anhält.

social networks

Blindes Vertrauen in unbekannte Quellen in den Sozialen Medien - ein aktueller Trend

Gespräch mit Professor Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Dieser Fall mit dem angeblich entführten Mädchen in Berlin - ist das ein Extrembeispiel? Oder steht er stellvertretend für das, was sich im Internet abspielt?

Pegida-Demonstration am 23.01.2016 in Berlin

Pegida-Demonstration in Berlin

Nein, ich glaube, das ist kein Extrembeispiel, sondern das ist ein Teil der Strategien von interessierten Personen - die ich zu dem größeren Pegida-Kreis rechne - die versuchen, die Destabilisierung unserer Gesellschaft zu erreichen durch Propaganda und Desinformation.

Diese Fälle häufen sich ja, wo angeblich Ausländer Frauen schlagen. Dann gibt es Videos auf youtube, die enttarnt werden als drei Jahre alt und natürlich ist kein Ausländer dabei, und so weiter und so fort. Man hat also hier eine Strategie der Destabilisierung und zwar der traditionellen Medien, die nach bestimmten Standards und nach dem Pressekodex arbeiten.

Warum sind diese Leute so erfolgreich momentan?

Social-Media-Hetze gegen Flüchtlinge

Social-Media-Hetze gegen Flüchtlinge

Sie sind erfolgreich wegen der Tendenz, sich nicht mehr aus den professionellen Medien zu informieren, sondern aus den persönlichen Netzwerken. Aus dieser Tendenz heraus werden die Leute immer mehr bestätigt in dem, wohin sie sowieso schon tendieren.

Der Versuch einen Diskurs anzufangen, wie das die Aufgabe zum Beispiel des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks ist - der die Aufgabe hat, alle Meinungen auf den Tisch zu legen und dem Zuhörer und Zuschauer die Möglichkeit zu geben, eine eigene Meinung zu bilden, indem sie alle Argumente auf dem Tisch haben - das ist rückläufig.

Die Leute informieren sich nur noch aus den sozialen Medien. Das heißt, sie bekommen durch die dort funktionierenden Algorithmen die auf die Persönlichkeit 'profilete' Information zugeschickt, und diese Information bestätigt in einem fort das, was der Adressat schon denkt.

Es gibt natürlich viele ungefilterte Informationen in den sozialen Netzwerken. Haben klassische Medien irgendeine Chance, solche Menschen zurück zu holen?

Frauke Petry, Armin Paul Hampel und Dr. Alexander Gauland (AfD) am 07.11.2015 bei der Demonstration in Berlin gegen die Fluechtlingspolitik der Bundesregierung

Politischer Diskurs: Prominenz der AfD erscheint auch in Diskussionsrunden öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten

Ich glaube, man müsste noch einmal mit einer anderen Strategie beginnen. Es ist ja nicht von ungefähr, dass Facebook und Google beide sich nicht als klassische Medien registrieren lassen, weil sie dann nicht den Anforderungen von klassischen Medien unterworfen sind. Ich glaube, da müsste man auch europaweit beziehungsweise im deutschen Recht ansetzen, und fragen, wenn ein Medium so unglaublich informationell einflussreich ist, muss es eigentlich nach den Spielregeln spielen.

Das andere ist: Wie können wir diese Leute zurückgewinnen? Also ich halte nichts davon, wenn man versucht, sie dadurch zurückzugewinnen, dass man Stimmen, die ihrerseits den Diskurs unterlaufen wollen, die ihrerseits einen demokratischen Diskurs zerstören wollen, in den demokratischen Diskurs aufnimmt. Der Versuch, jetzt Herrn Gauland bei Plasberg oder ständig AfD-Leute reinzuholen beziehungsweise Pegida-Leute zu Wort kommen zu lassen - ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist, um die Menschen wieder in die demokratischen Diskurse zurückzuführen.

Junge Menschen wachsen völlig normal auf mit den sozialen Medien. Ist das problematisch, dass sie gar nicht mehr richtig lernen zu unterscheiden zwischen Dingen, die wirklich stimmen, und Dingen, die irgendjemand im Internet schreibt?

Logos von Sozialen Netzwerken, wie Facebook, Twitter, YouTube und co.

Unterschiedliche Ansprüche: Soziale Netzwerke und klassische Medien

Es ist so, dass ich bei meinen eigenen Studenten, den 20-jährigen, erlebe, wenn sie etwas präsentieren, und ich frage, wo ist die Quelle, wo haben sie das her - dann sagen sie 'Das hab ich aus dem Internet'. Da merkt man, dass das Bewusstsein für die Quellenprüfung ausgesprochen unterrepräsentiert ist - man ist es nicht gewöhnt. Man ist es gewöhnt von den Qualitätsmedien, dass sie sagen, wo die Quelle her ist.

Das heißt, wir müssen eine medienethische Bildung und eine Medienkompetenz entwickeln, dass die jungen Leute fragen: Was ist die Quelle? Wo kommt die Information her? Ich glaube, das ist die allerwichtigste Aufgabe der Bildung, die wir zur Zeit haben.

Das Interview führte SWR-Redakteur Jochen Klink

Online: Heidi Keller und Heidemarie Martin

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