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Schweizer Volksabstimmung Zweite Röhre für die Gotthard-Sanierung?

Kilometerlange Staus vor dem Gotthard-Straßentunnel - 35 Jahre ist er inzwischen alt und soll saniert werden. Sonntag entscheiden die Schweizer über eine zweite Röhre - nur für die Zeit der Renovierung.

Gotthard-Tunnel

Ein zweiter Tunnel soll die Modernisierung des Gotthardtunnels sicherer machen - Kosten: Zwei Milliarden Euro. Anschließend darf die Röhre aber nicht weiter genutzt werden

Pascal Lechler, SWR Wirtschaft und Soziales berichtet

Das kennen auch viele Deutsche: "Verkehrsinformation von 17.05 Uhr: Im Tessin vor dem Gotthard-Tunnel in Richtung Norden acht Kilometer Stau und zwei Stunden Wartezeit." Kilometerlange Staus vor dem Gotthard-Straßentunnel - fünf Millionen Autos und rund 900.000 LKW passieren jedes Jahr den fast 17 Kilometer langen Tunnel. 35 Jahre ist er inzwischen alt und soll jetzt saniert werden.

Referendum in der Schweiz

Volksabstimmung über zweite Röhre

Um die wichtige Nord-Süd-Verbindung während dieser Sanierung zu garantieren, schlägt die Schweizer Regierung den Bau einer zweiten Tunnelröhre vor. Sie soll den Verkehrskollaps am Gotthard verhindern, wenn der alte Tunnel zu ist. Kostenpunkt: zirka zwei Milliarden Euro. Die Gegner befürchten, dass eine zweite Röhre mehr Verkehr und mehr Umweltbelastung bringt. Das Schweizer Volk entscheidet am 28. Februar 2016.

Die Gegner: Sanieren geht ohne zweiten Tunnel

Rausgeschmissenes Geld, meint Evi Allemann. Sie ist Präsidentin des Verkehrsclubs der Schweiz: "Das Bundesamt für Straßen selber hat gesagt, dass man noch etwa zwei Jahrzehnte diesen Tunnel weiter betreiben kann, ohne Notsanierung. Das heißt, das man im Normalbetrieb sanieren könnte. Das kommt weitaus günstiger und ist viel einfacher als eine zweite Röhre zu bohren."


Die Unterstützer: Mehr Sicherheit, weniger Unfälle durch zweiten Tunnel

Die Befürworter der zweiten Röhre führen das Sicherheitsargument ins Feld. 21 Menschen starben in den vergangenen 14 Jahren bei Unfällen im Tunnel. Immer wieder kommen Fahrzeuge von der Fahrbahn ab und stoßen mit dem Gegenverkehr zusammen. Mit der zweiten Röhre könnte man den Nord- und Süd-Verkehr in zwei getrennten Tunneln unter den Alpen hindurchführen.

Volksabstimmung in der Schweiz

Zweiter Gotthard-Tunnel: Ja oder Nein

Vor allem die bürgerlichen Parteien der Schweiz und die Vertreter des Tessins wollen die zusätzliche Röhre - so wie Franco Lombardi von den Christdemokraten: "Wir wollen die Sicherheit erhöhen und wir wollen das Tessin nicht drei Jahre lang isolieren vom Rest der Schweiz. Letztlich wollen wir auch der Schweizer Wirtschaft keine Schäden verursachen."



Mehr Verkehr verursacht mehr Unfälle

Auch die Idee, die zweite Spur in jeder Röhre künftig als Pannenstreifen zu nutzen, überzeugt die Tunnelgegner nicht. Die Sicherheit könnte auch mit Gegenverkehr im alten Gotthard-Straßentunnel erhöht werden - beispielsweise durch absenkbare Leitplanken, meint Jon Pult der Präsident der Alpeninitiative: "Wenn man ganzheitlich denkt, dann weiß man, dass wenn wir mehr Straßen bauen, die Kapazitäten verdoppeln, das mehr Verkehr anzieht - und dann haben wir mehr Unfälle - nicht nur im Tunnel, sondern auf der ganzen Achse."

Alpenschutzartikel verbietet neue Straßen in den Alpen

Schweizer Flagge

Abstimmung in der Schweiz

Ein Problem haben die Befürworter einer neuen Tunnelröhre: 1994 hatten die Schweizer in einer Abstimmung den so genannten Alpenschutzartikel angenommen. Dieser Artikel verbietet faktisch neue Straßen und damit mehr Verkehr in den Schweizer Alpen.

Die Gegner der neuen Gotthardröhre befürchten aber, dass sich die Schweizer Regierung irgendwann über den Alpenschutzartikel hinwegsetzen und beide Röhren zweispurig befahren lassen könnte. Ulrich Giezendann von der Schweizer Volkspartei ist nicht der einzige Politiker der Schweiz, der in diesen Tagen diesen Befürchtungen entgegentreten muss: "Ich garantiere ihnen persönlich, dass beide Röhren nach der Sanierung nur mit einer Spur betrieben werden. Das braucht keine Volksabstimmung, dafür stehe ich persönlich ein, das muss so bleiben."

Schon wieder Milliarden im Tessin verbuddeln?

Bahnstrecke durch den Gotthard-Tunnel

Innovatives Bahnprojekt Gotthard-Basis-Tunnel

Eines fragen sich gerade Wähler im fernen Genf oder Lausanne am Ende doch: Warum schon wieder Milliarden am Gotthard verbauen, wenn doch jetzt im Sommer mit dem Gotthard-Basis-Tunnel einer der längsten und teuersten Eisenbahn-Tunnel der Welt eingeweiht werden soll.

Deshalb versuchen insbesondere Tessiner Politiker, wie Patrizia Presenti, die Abstimmung am Sonntag zu so etwas wie einer nationalen Gewissensentscheidung hochzustilisieren: "Es ist nicht fürs Tessin - es ist für die ganze Schweiz. Ich denke, die Schweiz wird für die Schweiz abstimmen."

Online: Heidi Keller und Christine Trück

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