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Safer Internet Day gegen Mobbing Darum wird das Netz immer extremer

Verletzende Nachrichten, gemeine, öffentliche Einträge auf Netzwerkseiten - viele finden, dass der Umgang im Netz immer mehr verroht. Darum geht es auch am Dienstag beim "Safer Internet Day".

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Weltweit finden Aktionen in unterschiedlichen Ländern statt, um mehr Bewusstsein für das Surfen im Netz zu schaffen. Auch die EU-Kommission beteiligt sich daran, in Deutschland mit der Initiative "klicksafe". Thema ist in diesem Jahr das "extreme Netz". In letzter Zeit scheint es so, dass immer mehr User extreme Nachrichten - Hasskommentare und Hassbotschaften - ins Internet stellen.

Stefanie Fächner von der Initiative "klicksafe", warum ist die Hemmschwelle für boshafte Nachrichten im Internet so niedrig?

Stefanie Fächner: Die Anonymität des Netzes begünstigt leider die weniger schönen Seiten vieler Menschen. Es ist wesentlich einfacher, jemanden anzugreifen und fertig zu machen, wenn man der anderen Person nicht in die Augen schauen muss. Hier zeigt sich die Kehrseite des Web 2.0, das allen Internetnutzern eine Stimme gibt.

Nichtsdestotrotz bietet das Mitmachnetz insgesamt so viele Möglichkeiten zur digitalen Teilhabe - die müssen jetzt gefördert werden, um das Internet zu einem Ort zu machen, an dem Menschen verantwortungsbewusst miteinander umgehen.

Bundesjustizminister Maas (SPD) hat eine Taskforce gegen Hassbotschaften ins Leben gerufen, bei der unter anderen auch Konzernriesen wie Facebook aufgerufen wurden, etwas gegen Hetze im Netz zu tun. Hassbotschaften, die deutschem Recht widersprechen, sollen künftig gelöscht werden. Allein Facebook will dafür 100 Mitarbeiter stellen. Reicht so eine Maßnahme aus?

Als Betreiber einer Social-Media-Plattform gilt es, Verantwortung zu übernehmen. Die in der Folge der Taskforce-Initiative eingestellten 100 Mitarbeiter sind da ein wohl erster richtiger Schritt von Facebook, sich nicht auf eine formalrechtliche Position zurück zu ziehen.

Dort ist aber sicher noch Spielraum für weitere Maßnahmen, zum Beispiel eine Netiquette-Regel. Oder ein Code of Conduct (Anm.: Verhaltenskodex) oder andere Selbstverpflichtungsmodelle der Unternehmen, die der Situation in Deutschland Rechnung tragen. Vielleicht könnten die Unternehmensrichtlinien auch lokal an die jeweiligen Länder weltweit angepasst werden.

"Extrem im Netz", das diesjährige Thema des Safer Internet Days lässt sofort an Extremisten denken, die zum Beispiel für die Terrorgruppe IS Propaganda im Netz verbreiten. Das sind dann etwa Gewaltvideos bei Twitter, die über zig Kanäle gleichzeitig verbreitet werden. Kann man das noch aufhalten oder müssen wir User lernen, anders damit umzugehen?

Hier sprechen wir von Haltung bei der Kommunikation im Netz: Zum einen betrifft es die Anbieter, die nicht nur juristische Mindeststandards einhalten, sondern auch auf ihre gesellschaftliche Verantwortung achten sollten. So kann es durchaus sinnvoll sein, dass es bei bestimmten Themen beispielsweise keine Kommentarfunktion gibt oder das Monitoring (Anm.: eine Art Beobachtung) ausgebaut wird, um einen gewissen Grundstandard der Kommunikation zu wahren. Aufhalten lassen sich dadurch aber sicherlich nicht alle Botschaften, die sich ja zudem über das Internet oft extrem schnell verbreiten.

Die andere Seite betrifft die Nutzer, die wohl einerseits lernen müssen, mit einem etwas raueren Tonfall im Netz umzugehen. Die aber ungeachtet dessen auch die positiven Besonderheiten des Mediums für sich nutzen sollten. Ein Beispiel ist hier die Maßnahme der Gegenrede: Im Netz hat jeder eine Stimme, gemeinsam kann man auch Stärke zeigen ohne andere zu verletzen.

Außerdem gilt auch, dass man als User aktiv eine Entscheidung trifft - was schaut man und was nicht, was will ich im Netz sein und was nicht, wie gehe ich mit anderen um und wie nicht. Wir dürfen das Netz nicht denen überlassen, die es missbrauchen.

Auch online unter Jugendlichen lässt sich beobachten, dass der Respekt voreinander abnimmt: Es gibt Gruppenchats, in denen Mitschüler gezielt gemobbt werden. Oder ein sexy Bildchen, das eigentlich nur für die erste große Liebe gedacht war, wird auf einmal auf dem ganzen Schulhof rumgezeigt. Was sollen Jugendliche tun, die Opfer geworden sind?

Auch wenn es schwierig ist, hilft es, sich nicht provozieren zu lassen und zum Gegenschlag auszuholen. Indem man auf einen Angriff nicht reagiert, nimmt man den Tätern eine Angriffsfläche und wird dadurch in gewisser Weise weniger interessant als Opfer. Außerdem ist es wichtig, den Kontakt zu den Mobbern möglichst komplett abzubrechen bzw. diese zu blockieren. Ein nächster Schritt wäre es, die Betroffenen bei den entsprechenden Online-Anbietern zu melden.

Für Opfer ist es auch extrem wichtig, Beweise zu sichern - zum Beispiel durch Screenshots, um später belegen zu können, dass Übergriffe stattgefunden haben. Und die Geschehnisse sollten verarbeitet werden, indem man mit Menschen darüber redet, denen man vertraut. Eltern, Lehrer, Freunde, aber auch professionelle Hilfe kann sinnvoll sein. Wir von "klicksafe" regen an, dass die Schulen einen eigenen Beauftragten für Mobbing-Fragen bestimmen.

Lässt sich absehen, in welche Richtung sich der Umgang miteinander entwickeln wird? Wie groß ist die Gefahr, dass das "extreme Netz" Online-Alltag wird?

Das "extreme Netz" ist längst ein Teil der Netzwirklichkeit. Daher geht es darum, dass Provider und Internet-User eine eigene Haltung zu den problematischen Inhalten haben. Der aktive und "mündige" User sollte im Idealfall eine eigene Haltung und Stärke entwickeln, um die Kreativität, Informationsvielfalt oder uneingeschränkte Kommunikation einer globalen Online-Welt zu leben.

Die Fragen stellte Larissa Hinz.

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