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CDU will "Schreiben nach Gehör" abschaffen Groser Feler oder supa Metode?

von Torsten Nenner

Wie lernen Kinder am besten Schreiben? Die derzeit gängige Methode "Schreiben nach Gehör" ist auch in Rheinland-Pfalz umstritten. Die CDU kündigte an, sie im Falle eines Wahlsieges abzuschaffen.

Eine Anlauttabelle: Sie zeigt die Buchstaben des Alphabets kombiniert mit einem passenden Bild, zum Beispiel A und Apfel.

Eine Anlauttabelle: Sie zeigt die Buchstaben des Alphabets kombiniert mit einem passenden Bild.

"tso" statt "Zoo", "farat" statt "Fahrrad" oder "tenis spiln" statt "Tennis spielen": Wenn Erst- und Zweitklässler heute ihre ersten Schreiberfolge mit nach Hause bringen, sträuben sich vielen Eltern die Nackenhaare. Sie sind jedoch angehalten, nicht korrigierend einzugreifen, denn die Fehler sind Methode, sie sind gewollt und ausdrücklich gestattet.

Wie in den meisten Bundesländern wird auch in Rheinland-Pfalz seit vielen Jahren den Grundschülern das Schreiben mit Hilfe einer sogenannten Anlauttabelle beigebracht - "Schreiben nach Gehör" heißt die Methode. Mit der Tabelle und den Bildern darauf können Kinder schnell selbstständig Wörter lesen und kleine, erste Texte verfassen. Sie hangeln sich von Buchstabe zu Buchstabe, bis sie das Wort gebildet haben. Am Beispiel Fahrrad bedeutet dies: F wie Feder, A wie Apfel, R wie Rad, A wie Apfel und T wie Tasse - und das ergibt schließlich "farat".

CDU will "Schreiben nach Gehör" abschaffen

Dies wird jedoch nicht mehr lange so sein, wenn es nach der Landes-CDU geht. Mit einer CDU-geführten Landesregierung werde die "Schreibschrift wieder verbindliches Lernziel und die Methode 'Schreiben nach Gehör' wird es in den Schulen nicht mehr geben", sagte Parteichefin Julia Klöckner dem SWR. Wenn die Kinder in den Grundschulen in den ersten Jahren schreiben könnten, wie sie gerade wollten, "dann wird es für sie nicht leichter, sondern später sehr viel schwieriger". Die Hansestadt Hamburg hat die Methode bereits untersagt.

Eine dazu passende Große Anfrage hat die Fraktion am Mittwoch im Landtag eingereicht. Punkt eins der Anfrage dreht sich um die schleichende Abschaffung der Schreibschrift durch die sogenannte Grundschrift, Punkt zwei um das "Schreiben nach Gehör". Zwar könne das kreative Schreiben in den ersten Wochen und Monaten der ersten Klasse die Lust an der Schriftsprache vergrößern, es "birgt jedoch die Gefahr, dass sich falsche Schreibweisen und ein falscher Satzbau verfestigen", heißt in dem Papier.

Die CDU will unter anderem von der Landesregierung wissen, in wie vielen Grundschulen die Methode angewandt wird und wie lange. Haben die Elternvertretungen ein Mitspracherecht? Wird von den Eltern zeitweise verlangt, die Texte der Kinder nicht zu korrigieren? Antworten hierauf wird es in einigen Wochen geben.

Bildungsministerium: Meist in der zweiten Klasse Schluss

Eine Schülerin schreibt in einer Schule das ABC an die Tafel.

Der Methode "Schreiben nach Gehör" steht der klassischen Fibellehrgang gegenüber. Hier wird jeder Buchstabe nacheinander eingeführt und erarbeitet.

Wie das rheinland-pfälzische Bildungsministerium dem SWR mitteilte, werden Anlauttabellen im ersten Schuljahr und je nach individueller Förderung eventuell noch zu Beginn des zweiten Schuljahres eingesetzt. In den folgenden Jahren stehe dann das Überarbeiten der selbstverfassten Texte mit den erlernten Rechtschreibregeln und der Einsatz des Wörterbuchs im Vordergrund. Die korrekte Rechtschreibung werde zudem über Wortschatzarbeit kontinuierlich über den Verlauf der gesamten Grundschulzeit aufgebaut.

Von den 20 im Schulbuchkatalog für Rheinland-Pfalz zugelassenen Fibeln bzw. Erstlesewerken enthalten laut Ministerium mit einer einzigen Ausnahme alle eine Anlauttabelle, ein Anlautposter oder Anlautkarten.

"Methode gehört in vorschulischen Kindergartenbereich"

Die Union beruft sich unter anderem auf eine Langzeitstudie von Wolfgang Steinig, Germanistikprofessor an der Universität Siegen. Bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) sagte er vor einigen Monaten, er sehe die Methodik des Schreibenlernens durch Anlauttabellen bis zu einem gewissen Punkt nicht problematisch. Jedoch sollte "Kindern gesagt werden, dass das 'Schreiben nach Gehör' eine erste Erfahrung sein kann, dass Erwachsene aber nicht so schreiben, sondern Rechtschreibung nach Regeln erfolgt". Die Methode gehöre in den vorschulischen Kindergartenbereich, sagte Steinig, nicht aber in die Schule.

Doch warum wurde die Methode, die auf dem Prinzip "Lesen durch Schreiben" des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen beruht, eingeführt? Kinder lernen so schneller schreiben, feiern schneller Erfolge und sollen so mehr Spaß daran haben. Das Bildungsministerium verweist zudem darauf, dass heute mehr denn je zuvor die Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsständen in die Schule kämen. Der Anfangsunterricht der Grundschulen gehe auf diese unterschiedlichen Erfahrungsstände ein.

Korrektes Hochdeutsch muss schon sein

Um die Wörter allerdings mit der Anlauttabelle bilden zu können, bedarf es eines korrekten Hochdeutschs. Kinder mit starkem Dialekt oder mit Migrationshintergrund sind hier im Nachteil.

Befürchtet und oft beschrieben werden die Langzeitfolgen. Die Methode führe bei schwach oder durchschnittlich begabten Schülern in späteren Jahren zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung, sagte Lars Lamowski, Grundschulreferent beim Verband Bildung und Erziehung in Rheinland-Pfalz, bei der KAS-Veranstaltung.

Der vor etwa 15 Jahren im Land eingeführte Lernansatz bringt nach Angaben Lamowskis Probleme bis an Universitäten: "Sogar Dozenten stellen erhebliche Rechtschreibschwierigkeiten bei Studierenden fest."

Beispiel aus Frankenthal zeigt wenig Probleme

Doch ist die Lage an den rheinland-pfälzischen Grundschulen wirklich so schlimm? Das Bildungsministerium verweist darauf, dass sich der Deutschunterricht nicht ausschließlich an der Methode "Schreiben nach Gehör" orientiert. Vielmehr werde eine ausgewogene Mischung von verschiedenen pädagogischen Methoden eingesetzt. Mit welcher gelehrt werde, liege in der Verantwortung der Grundschullehrer.

So ist es zum Beispiel auch an der Erkenbert-Grundschule in Frankenthal. Der Vorsitzende des Schulelternbeirats, Volker Louis, sagte dem SWR, dass in der ersten Klasse mit der Anlauttabelle gelernt werde. "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir großartig Probleme damit hatten."

"Eltern interessiert, was hinten rauskommt", sagte Landeselternsprecher Thorsten Ralle kürzlich. Egal, welche Lernmethoden oder Wege des Schreibenlernens angewandt würden: Eltern sollten immer hinterfragen, ob die jeweilige Methode auch von den Lehrern kritisch hinterfragt würde.

So habe beispielsweise die Lehrerin seiner Tochter darauf geachtet, dass in Sachen Rechtschreibung nicht zu sehr vom Standard abgewichen wurde und habe schon frühzeitig korrigierend eingegriffen. Ab der zweiten Klasse sei damit angefangen worden, die Fehler anzustreichen, sie aber nicht zu bewerten. Den Schülern wurden Hinweise gegeben, wie es richtig geschrieben wird.

Kaum ein Thema bei den Eltern

Da das von der Schule verwendete Standardlehrwerk mit Anlauttabellen arbeitet, mussten dies auch die Lehrkräfte. Was laut Louis nicht allen gefällt. "Aber die Lehrer haben dies in einer sehr schwachen Art und Weise getan."

Größere Diskussionen oder Aufruhr in der Elternschaft gab es wegen der Lehrmethode nicht. "Ich habe keine Aufregung darüber erfahren." In seiner Zeit als Elternsprecher sei das Thema in Konferenzen niemals intensiv diskutiert worden. Er ist mit der Art und Weise, wie die Lehrkräfte die Methode interpretieren, sehr zufrieden. "Bei uns an der Schule hat man einen sehr guten Weg gefunden." Deshalb sei es nie ein Thema gewesen.

Das könnte sich nach dem 13. März 2016 ändern. Da stehen die nächsten Landtagswahlen an.

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