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Narren feiern beim Rosenmontagszug in der Innenstadt von Mainz

Rückzugsräume und Polizeiinseln am Rosenmontag Sicherheit auf die sanfte Tour

Von Andrea Lohmann

Nach den Vorfällen in Köln sei die Sicherheitsbranche erschüttert gewesen. "So etwas hat sich niemand vorstellen können, sonst wäre das Szenario im Vorfeld durchgearbeitet worden", sagt Brigitte Rottberg, Expertin für Veranstaltungssicherheit aus Kaiserslautern. Genau das passiert nun auf allen Ebenen. Herausgekommen ist ein sanfter Maßnahmen-Cocktail, der seine Wirksamkeit am Rosenmontag in Mainz unter Beweis stellen muss.

Ein Bestandteil dieses Pakets sind so genannte Rückzugsräume für Frauen in öffentlichen Gebäuden. Brigitte Rottberg hat eine klare Einschätzung zu diesen Schutzinseln: "Wenn auch nur eine Frau, die Schutz braucht, an einem solchen Ort betreut werden kann, dann hat sich das Angebot schon gelohnt", sagt Rottberg, die unter anderem das Sicherheitskonzept beim Papstbesuch 2011 erstellt hat und die Maßnahmen für den kommenden Rheinland-Pfalz-Tag in Alzey plant.

Nah und doch schwer erreichbar

Die Polizei hat in sechs öffentlichen Gebäuden entlang der Zugstrecke die Rückzugsräume geplant, die "polizeilich strategisch" entlang der Partymeile verteilt seien, so Polizeisprecher Achim Hansen. Der Haken: Die Rückzugsräume sind zwar fußläufig erreichbar, doch die Menschenmassen machen es schwer, dort hinzugelangen. Die Orte seien deshalb, betont Hansen, oberste Stufe eines dreistufigen Konzeptes.

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"Unser Credo lautet: Die uniformierten Kollegen auf den Straßen - Polizei, Feuerwehr, Rettungssanitäter- sind die allerersten Ansprechpartner." Auf der zweiten Ebene gebe es fünfzehn Polizeipunkte, die mit drei Meter hohen Fahnen gekennzeichnet würden. Dort seien immer Beamte präsent. All diese Kollegen würden sofort die erforderlichen Maßnahmen treffen, damit Frauen in Not Hilfe bekämen und dann auch zu einem Rückzugsraum begleitet würden. Hansen rät davon ab, sich selbst in dem Gewühl auf die Suche nach diesen Räumen zu begeben, schon gar nicht als ortsfremder Besucher.

Symbolhafte Maßnahme - trotzdem nicht ohne Wirkung

Drei Meter hohe Fahne in Flügelform mit der Aufschrift "Polizei"

Diese Banner markieren die Polizeipunkte, die je nach Bedarf mit den Menschen mitziehen werden.

Das Konzept der Polizei greift nach Einschätzung von Martin Rettenberger, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden und Dozent an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, nur wenig in den Feier-Alltag am Rosenmontag ein. "Dem Durchschnittsbesucher wird das kaum auffallen und dennoch wird es Wirkung zeigen", ist der Kriminologe und Psychologe überzeugt. Diese Maßnahmen hätten Symbolkraft, so dass sich die Besucher wohler fühlten. Ihnen werde das diffuse Angstgefühl genommen, das nach den Ereignissen von Köln viele ergriffen hätte. "Durch das Konzept der Polizei wird klar gemacht: Im öffentlichen Raum sind Schutzräume vorhanden."

Im Rückzugsraum:
mehrere Polizisten,
speziell geschult und erfahren,
vernetzt mit Spezialisten aus anderen Bereichen

Anette Diehl vom Frauennotruf in Mainz bezweifelt zwar, dass in Not geratene Frauen oder Mädchen die Schutzräume aufsuchen wollen: "Wir haben die Erfahrung, dass die Betroffenen bei ihrer Bezugsperson bleiben wollen." Aber die Polizei habe ihr Konzept weiterentwickelt und jedes zusätzliche Angebot sei einen Versuch wert. "Sicher wird das auch im Vorfeld das Sicherheitsgefühl stärken - bei Frauen, Jugendlichen und Eltern. Das Wissen, ich muss nicht in ein Sanitätszelt, wo vor allem Betrunkene versorgt werden, sondern es gibt im öffentlichen Raum sichere Orte mit Personen für mich, ist sehr wichtig".

Was denkt der Rest von Deutschland?

Sicherheitsexpertin Brigitte Rottberg sieht insbesondere die Bedeutung des ganzen Maßnahmen-Mixes. Auf verschiedenen Ebenen würden zentrale und dezentrale Maßnahmen ergriffen - dezent und mit Augenmaß: "Das ist ein Familienfest und wir wollen ja keine Festung drumherum bauen - so wie bei der WM in Brasilien, wo schwer bewaffnete Polizisten beim Public Viewing neben der Leinwand standen."

Psychologe Rettenberger sieht das ähnlich. Er ist sich sicher, dass man in Mainz bei der Planung der Maßnahmen bedacht hat, wie diese nach außen wirken - hier vor Ort und auch im restlichen Deutschland : "Ich glaube nicht, dass die Unbeschwertheit am Rosenmontag leiden wird. Und ich denke, in Hamburg oder München wird man die Maßnahmen als fürsorglich und vorausdenkend wahrnehmen und nicht negativ auslegen."

Im Rückzugsraum und dann?

Polizeisprecher Hansen versichert, dass keine traumatisierte Frau nach der Erstbetreuung einfach durch die Menschenmenge nach Hause geschickt würde. "Es hängt am Ende vom Einzelfall ab. Ist eine Begleitung nach Hause oder eine Einweisung ins Krankenhaus erforderlich, so werden die Kollegen das organisieren." Wer den Rückzugsraum wieder verlässt, wird nicht allein gelassen.


Aus dem Versuch wird die Erfahrung

Diese Schutzinseln für Frauen haben Versuchscharakter. Es gibt keine Erfahrungen dazu, man weiß nicht, ob sie angenommen werden. "Wir wissen überhaupt nicht, was auf uns zukommt, ob oder wie viele traumatisierte Frauen dort Hilfe suchen", sagt Hansen. Erst im Nachhinein werde man wissen, ob dieses Angebot sinnvoll war und entsprechend bei anderen Großveranstaltungen wieder zum Sicherheitskonzept dazugehören soll.

Ob kleine Kneipe oder großes Hotel: Auch diese sind und waren schon immer Anlaufpunkt für bedrängte Frauen. Der Mainzer Kreisverband des Deutschen Hotel- und Gaststätten-Verbandes (DEHOGA) hat jetzt die Betriebe in Mainz in einem Rundschreiben nochmals aufgerufen, sensibel mit etwaigen "Hilferufen" umzugehen. "Aber eigentlich ist das schon jahrelang selbstverständlich", sagte der Kreisverband-Vorsitzende Gerhard Jordan dem SWR.

Anette Diehl hat 30 Jahre Erfahrungen gesammelt mit dem Thema sexualisierte Gewalt in Deutschland - auch am Rosenmontag. Sie ist froh über die neue Aufmerksamkeit, die diesem Thema nach den Kölner Vorfällen geschenkt wird. Aber sie mahnt: "Ich bin gespannt, wie es Rosenmontag 2017 sein wird."

Mehr Mut für Anzeigen

Die derzeit hohe öffentliche Aufmerksamkeit dürfte wohl einen weiteren positiven Effekt haben: "Nach Köln ist ein Anstieg der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe zu erwarten", so Polizeisprecher Hansen. Der Grund seien nicht etwa vermehrte Übergriffe, sondern einfach die Tatsache, dass Frauen und Mädchen sich jetzt trauen, Übergriffe bei der Polizei anzuzeigen. Auch Anette Diehl begrüßt diesen Effekt durch die Kölner Vorfälle: "Frauen haben jetzt mehr Selbstbewusstsein, grenzüberschreitendes Verhalten von Männern anzuzeigen, weil sich in der Gesellschaft nun ein Problembewusstsein breitmacht und die Betroffenen wissen, sie werden gehört und ernst genommen."

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