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Erster Todestag am 7.2. Zweite Fastnacht ohne Jürgen Dietz

Als wolle er Fastnacht nicht vom Krankenbett aus sehen, starb Jürgen Dietz, der "Bote vom Bundestag", im letzten Jahr kurz davor. Nun muss schon die zweite Fastnachtskampagne ohne ihn auskommen.

Jürgen Dietz

Jürgen Dietz (Archivbild vom 26. Februar 2014)

"Deutschland, Deutschland über alles, über alles wächst mal Gras. Ist das Gras ein Stück gewachsen, frisst's ein Schaf und sagt, das war's."

Diese mittlerweile legendären letzten Worte der Dietzschen Beiträge als "Bote vom Bundestag" dürften vielen bekannt sein. Die Fastnachter-Legende starb am 7. Februar 2015 an einer Tumorerkrankung - nur wenige Tage vor Fastnacht. Seit 1983 stand Dietz in seiner Rolle auf der Bühne. Eine Fernseh-Fastnacht ohne Dietz - war für viele Stammzuschauer unvorstellbar.

Waschechter Meenzer Bub

Dietz, geboren am 15. August 1941 in Mainz, war seit seiner Jugend aktiver Fastnachter, zunächst beim Mainzer Carneval Club (MCC), dann beim Mainzer Carneval-Verein (MCV). Dort war er auch Programmgestalter und Vize-Präsident.

Jürgen Dietz

Jürgen Dietz: Simplicissimus

Dass er in die Bütt stieg, habe sich "so ergeben", sagte er einmal. Seit 1978 trat Dietz in der jährlich ausgestrahlten Mainzer TV-Fastnacht auf. Bevor er 1983 die Rolle seines Lebens entdeckte, mimte er dort etwa Grimmelshausens Simplicissimus oder den Bankier Jakob Fugger.

Die Geburt des "Boten"

Ein Besuch im damaligen Deutschen Bundestag in Bonn sollte Auswirkungen auf die gesamte Mainzer Fastnachtskultur haben. Er habe dort auffallend gekleidete Diener im schwarzen Frack und in weißen vornehmen Handschuhen gesehen, erzählte Dietz. Seine Kunstfigur war geboren. Stoff genug lieferte dem gelernten Kaufmann der tägliche Blick in die Zeitung. Jedes Jahr nach Weihnachten schrieb Dietz seine messerscharfen Attacken in feinsinnige Verse und Wortspiele.

"In Garmisch hat man jetzt ein Schild aufgestellt: Achtung Nebel. Was'n Quatsch. Entweder ich kann das Schild lesen, oder es ist Nebel." ("Der Bote vom Bundestag" 2012)

Scharfzüngig mit einem Augenzwinkern

Die von ihm kreierte Figur vom Bundestagsboten verkörperte genau das, was die Mainzer Fastnacht ausmacht: politisch, brisant und scharfzüngig. Die Vorträge von Jürgen Dietz bei der Fernsehsitzung "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" ließen stets das vorangegangene Polit-Jahr Revue passieren, moralisch-anprangernd, zuweilen böse-satirisch, aber immer mit einem Augenzwinkern.

"Es ist traurig aber wahr, für insolvente Länder stellen wir Milliarden zur Verfügung und für unsere Alten, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut haben, bleibt nix übrig - eh Schand is des. Armes Deutschland." ("Der Bote vom Bundestag" 2013)

"Den Finger in die Wunde legen, wo er hingehört"

Wenn sich keiner an brisante Themen wagte, Jürgen Dietz tat es. Denn: Er sehe es als seine "Pflicht, den Finger in die Wunde zu legen, da wo er hingehört."

Jürgen Dietz, Bote aus dem Bundestag

Dietz 2002 als "Bote vom Bundestag"

Verschont wurde keiner: Dietz nahm Prominente jeder politischen Couleur gleichermaßen aufs Korn, egal ob der Kanzler Kohl, Schröder oder Merkel hieß. Denn: Geändert habe sich für ihn dabei nichts: "Der Misthaufen bleibt, die Fliegen wechseln".

Am Anfang des Jahres erhielt Dietz den Ranzengardepreis. Er war der bislang siebte Preisträger nachdem unter anderen der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann, der Kabarettist Lars Reichow und der umstrittene Buchautor Thilo Sarrazin geehrt worden waren.

Jürgen Dietz privat

Mit seiner Tochter zusammen betrieb Dietz zwei Unternehmen für medizintechnische Geräte in Mainz und Erfurt. Deshalb nahm er auch gerne den Medizinbetrieb auf die Schippe:

"Krankenhäuser sind pleite, müssen aber auch mehr werben - Aktionen: Drei Blinddarm-OPs zum Preis von einer. Gynäkologen machen mehr Abstriche. Und: Schnupperkurs beim Urologen. Das Angebot des Monats: Wir piercen kostenlos Ihre Brust, damit sich das Kind beizeiten an die Zahnspange gewöhnt... Auch niedergelassene Ärzte müssen sparen. Da fragen die Patienten bereits: wo fehlt's. Es gibt Wartezimmer, da sind die Zeitschriften älter als die Patienten." ("Der Bote vom Bundestag" 2014)

Soziales Engagement

Neben seinem fastnachtlichen Engagement setzte Dietz sich für die Ärmsten der Armen ein. So schickte er Medikamente und medizinisches Zubehör im Wert von fast 200.000 Euro in die Flüchtlingslager in der Türkei.

Seine seelische Heimat war die katholische Kirche. Einmal pro Woche hielt Dietz in der Augustinerkirche in Mainz Zwiegespräch mit "dem Chef da oben" - wie er sagte.

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