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Ein Mann sitzt mit seinen zwei Töchtern in einem Zimmer und schaut in die Kamera.

Medizinische Versorgung von Flüchtlingen Krank, aber nicht versichert

von Manuela Hübner

Heimatlos, besitzlos, ohne Versicherung und dann auch noch krank - viele Flüchtlinge benötigen nach ihrer Odyssee, raus aus dem Krieg, rein ins fremde Deutschland, medizinische Hilfe. Die jungen Ehrenamtlichen von Medinetz e.V. in Mainz kümmern sich um diese Menschen.

Inga Schwittai und Stella Loock

Inga Schwittai und Stella Loock

"Um Hilfe zu brauchen, muss man gar nicht immer krank sein, wir hatten schon Fälle von Migranten, die im vierten Monat oder sogar weiter schwanger waren, und noch keine einzige ärztliche Untersuchung erfahren haben", erzählt Stella Loock.

Sie hat sich gerade mit Medizinstudentin Inga Schwittai auf dem Mainzer Uni-Campus getroffen, beide arbeiten ehrenamtlich für den Verein Medinetz Mainz e.V. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, die keine Krankenversicherung oder sogar gar keine Papiere haben. Rund 30 Ehrenamtliche, überwiegend Medizinstudenten, engagieren sich darin, jeder einzelne von ihnen wird gebraucht. Ihre wöchentliche Sprechstunde in der Mainzer Neustadt ist immer gut besucht.

"Mit oder ohne Papiere"

Inga Schwittai ist Medizinstudentin und engagiert sich seit einem Jahr bei Medinetz in Mainz. Stella Loock studiert Unternehmenskommunikation und kümmert sich bei Medinetz vor allem um die Öffentlichkeitsarbeit.

Dort hören sich die Medinetzler die Beschwerden der Patienten genau an, sprechen mit ihnen über Vorerkrankungen und ihre derzeitige Lebenssituation. Zur Behandlung vermitteln sie diese in den meisten Fällen an Ärzte aus ihrem inzwischen großen Netzwerk weiter, die ebenfalls ehrenamtlich arbeiten und ihre Praxen auch nach der offiziellen Öffnungszeiten noch einmal aufmachen. Auch ein Labor aus der Region helfe dem Verein immer wieder gerne. In lebensbedrohlichen Situationen würde natürlich nicht gewartet, betont Loock: "Da werden die Menschen - mit oder ohne Papiere - sofort ins Krankenhaus geschickt. Insbesondere Menschen ohne Papiere, so die beiden Ehrenamtlichen, gingen oftmals viel zu spät zum Arzt. Zu groß sei die Angst, dass ein Arztbesuch ihren Aufenthalt gefährde.

Sprechstunde von medinetz mainz e.V.

Die Sprechstunden sind gut besucht.

Bei öffentlichen Veranstaltungen suchen die Mitglieder von Medinetz Mainz e.V. regelmäßig Mitstreiter und Unterstützer. Neben Ärzten und Therapeuten sind ausdrücklich auch Menschen angesprochen, die auf andere Art und Weise helfen wollen. So sind auch Dolmetscher immer wieder wichtig. Vor allem für aufwendige Laboruntersuchungen, teure Medikamente oder Operationen werden zudem immer wieder dringend Spendengelder benötigt.

EU-Bürger und trotzdem kein Recht auf medizinische Versorgung

Neben Asylbewerbern zählen vor allem Migranten aus den neuen EU-Staaten wie Bulgarien oder Rumänien zu den Patienten der Medinetzler. Diese haben oftmals keine Krankenversicherung, keine finanziellen Mittel, durch ihre EU-Zugehörigkeit aber auch kein Anrecht auf Leistungen, die durch das Asylbewerberleistungsgesetz geregelt sind. In diesen Fällen prüfen die Ehrenamtlichen, ob eine Behandlung gegen eine Spendenquittung oder eine Ratenzahlung möglich ist. Wenn das alles nichts hilft, übernimmt der Verein auch dringend notwendige Behandlungskosten.

Das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG):
Nach diesem Gesetz haben Asylbewerber ein Recht auf medizinische Behandlung in Notfallsituationen und bei akuten Schmerzzuständen. Viele chronische Erkrankungen sind davon ausgenommen. Die Beurteilung erfolgt von den zuständigen Sozialämtern. Nach 15 Monaten werden Asylbewerber in gesetzliche Krankenversicherungen aufgenommen.

"Wir hatten einmal ein minderjähriges Mädchen bei uns, das fast taub war. Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz stand ihr medizinische Hilfe nicht eindeutig zu. Trotzdem saß da nun mal ein krankes Mädchen vor uns, das Hilfe brauchte", erinnert sich Loock. "Eine einfache OP, die jeder gesetzlich Versicherte sofort bekommen würde, war nötig. In diesem Fall haben wir erfolgreich einen Widerspruch beim Sozialamt eingelegt, das die Kostenübernahme zunächst abgelehnt hatte.

Mangelnde psychologische Betreuung

Ein weiterer Fall, der die beiden sehr bewegte und gleichzeitig in ihrer Arbeit bestärkt ist der einer versicherungs- und mittellosen Frau aus Bulgarien. "Sie hatte selbst einen Knoten in der Brust ertastet und war daher zu uns gekommen", erzählt Stella Loock. "Wir haben gleich erkannt, dass es schon im fortgeschrittenen Stadium ist, und sie sofort zur Ambulanz ohne Grenzen hier in Mainz geschickt. Der Verdacht hat sich dann bestätigt, sie wurde sofort operiert und bekam dann auch eine Chemo." An der Übernahme der Kosten, so Loock, wären damals mehrere Träger beteiligt gewesen, nachdem der Verein alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte.

Gruppenbild Verein "medinetz mainz e.V."

Jung und engagiert: die Mitglieder von Medinetz Mainz e.V.

Ein "riesen Thema" ist für die engagierten Studenten auch die fehlende psychologische Betreuung von Flüchtlingen. "Die Fälle sind kaum mehr zu zählen", sagt Inga Schwittai. "Das Einzige, was wir in diesem Bereich zurzeit tun können, ist, medizinische Gutachten für die Betroffenen erstellen zu lassen und ihnen eine erste medikamentöse Versorgung zu gewährleisten." "Für diese Menschen ist es besonders wichtig, dass sie im Land bleiben dürfen", ergänzt Loock. Therapieplätze zu bekommen sei jedoch bisher so gut wie unmöglich - zu wenige Therapeuten, zu lange Wartezeiten, zu hohe Kosten. In diesem Bereich müsse sehr viel mehr getan werden, so die Meinung der beiden Frauen.

Bürokratische Hürden abbauen

"Besonders am Herzen liegt uns außerdem die Einführung der Gesundheitskarte, die es in Bremen und Hamburg ja schon gibt", sagt Inga Schwittai. "Für die Flüchtlinge wäre es in ihren ersten, nicht versicherten Aufenthaltsmonaten wesentlich einfacher, zum Arzt zu gehen und die Sozialämter, die ja keine medizinischen Vorkenntnisse haben, müssten die Fälle nicht mehr beurteilen. Die Finanzierung über das Asylbewerberleistungsgesetz würde ja bestehen bleiben."

So gerne sie bei Medinetz arbeiten und sich ehrenamtlich engagieren, wäre es den beiden Studentinnen lieber, es müsste sie gar nicht geben. "Es sollte nicht in der Hand von Ehrenamtlichen liegen, dass Menschen eine medizinische Grundversorgung bekommen", sagen sie.

Medinetz-Sprechstunde:
immer montags von 18 bis 19.45 Uhr (außer an Feiertagen)
Caritas-Zentrum Delbrêl
Aspeltstr. 10
55118 Mainz-Neustadt
Telefon: 0176-62033302

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