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Mainzer Arzt fordert mehr Menschlichkeit in Flüchtlingsdebatte Der beispiellose Siegeszug eines Facebook-Posts

von Benjamin Donath

Der Mainzer Arzt Raphaele Lindemann hat in den vergangenen Tagen zu spüren bekommen, welche Kraft soziale Netzwerke entfalten können. Mit seinem Erlebnisbericht aus einem Flüchtlingslager erreichte er - geschätzt - Millionen Menschen.

Ein Bild einer Kantine aus einem Flüchtlingsheim und ein Beitrag von der facebook-Seite von Raphaele Lindemann.

Screenshot des Facebook-Posts von Raphaele Lindemann

Wer immer noch nicht so richtig weiß, was es mit sozialen Netzwerken auf sich hat oder wer schlicht glaubt, deren Kraft werde unterschätzt, für den ist die Geschichte von Raphaele Lindemann ein Lehrstück.

Es war nur eine Nachricht unter Freunden, unter Facebook-Freunden, die er am 28. Januar um 20.03 Uhr absetzte. Eine Woche später wurde diese Nachricht über 300.000 Mal geteilt, also von anderen Facebook-Nutzern auf deren eigenem Profil an deren Facebook-Freunde weiterverbreitet. Die Zahl derer, die Lindemanns Nachricht erreichte, liegt damit um ein Vielfaches höher.

Eindrücke aus dem Erstaufnahmelager

Lindemann stammt aus Idar-Oberstein und arbeitet als Oberarzt der Mainzer Universitätsmedizin. In seiner Nachricht schildert er seine Erlebnisse während eines mehrwöchigen Einsatzes als Arzt in einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge im bayerischen Erding. Er berichtet detailliert von einer Frau, die mit Erfrierungen am Fuß über 500 Kilometern in kaputten Schuhen durch den Winter marschierte. Oder von einem vier Wochen alten Säugling mit Lungenentzündung, der, zusammen mit seinen ein und vier Jahre alten Geschwistern und der Mutter, über das Mittelmeer gekommen war.

Es sei absolut unmöglich, diese Menschen zu behandeln und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anhören zu müssen: "Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends 'rosarot'! Der Vater der drei Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben", schreibt Lindemann.

Es ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und gegen plumpen Pegida-Populismus, das Lindemann verfasst hat. Indem er sich gegen Vorurteile à la "Die haben ja alle Smartphones und Markenklamotten, so schlecht kann es denen doch gar nicht gehen", wendet. Und gegen die weit verbreitete Meinung, es kämen nur junge, männliche "Wirtschaftsflüchtlinge" aus Nordafrika nach Deutschland.

Natürlich auch junge Männer - "Warum nicht?"

"Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90 Prozent um junge, gesunde Männer handelt" - das habe die Verschärfung der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet, schreibt der Arzt. Er sehe pro Schicht etwa 300 bis 500 Flüchtlinge - und mindestens 40 Prozent davon seien Kinder. Es gebe Familien, Alte und natürlich auch junge Männer. "Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen", so Lindemann.

Dieser Bericht aus erster Hand hat vielen Menschen Eindrücke geliefert, die sie sich sonst nicht hätten verschaffen können. Auch für alle die, die sich meinungstechnisch eher hinter der Alternative für Deutschland (AfD) versammeln oder sich ganz in die "Alles Schmarotzer"-Wagenburg zurückgezogen haben, dürften die geschilderten Ereignisse und die eindringliche Art von deren Beschreibung nicht so leicht wegzuwischen sein.

Alle Anfragen abschlägig beschieden

Das Interesse an Lindemann jedenfalls ist riesig. Besonders das mediale. So riesig, dass er in einem neuerlichen Posting erklären musste, keinerlei Presseanfragen beantworten und keine Interviews geben zu wollen. "Bitte erlauben Sie mir, diese Einladung auszuschlagen und mein Leben wie bisher fortzuführen", schrieb er diesmal. Er habe sich gefreut, so vielen Menschen aus der Seele gesprochen zu haben. Aber: "Diese große Welle der Zustimmung verdiene nicht ich, sondern all die unzähligen Menschen, die unermüdlich und in sehr unterschiedlicher Weise durch ehrenamtliche oder hauptamtliche Arbeit dazu beitragen, Elend zu lindern und Gutes zu tun."

Und so sehr sich das Interesse auch auf die Person hinter dem Posting gerichtet hat, natürlich hat Lindemann auch das erreicht, was er erreichen wollte: Er hat viel Aufmerksamkeit für sein Anliegen bekommen - nämlich dafür, aufzeigen zu wollen, wie sehr sich die Debatte über Flüchtlingspolitik und die Stimmung im Land von den Menschen, um die es dabei geht, entfernt haben.

Liebe Leute,nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur...

Posted by Raphaele Lindemann on Donnerstag, 28. Januar 2016

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