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Ein Tummelplatz für Kriminelle - auch aus RP Darknet - die große Kraft der Anonymität

von Benjamin Donath

Eine Parallelwelt, in der Recht und Gesetz weitestgehend ausgehebelt sind - das klingt nach gutem Stoff für einen Thriller. Aber diese Welt ist real, zumindest digital, im sogenannten Darknet.

Ein Mann tippt auf einer Laptoptastatur.

Mit ein bisschen Knowhow ist der Weg ins Darknet schnell gefunden (Symbolbild)

Das Darknet ist ein Teil des Internets, der nur über einen bestimmten Browser zu erreichen ist. Tor heißt dieses Programm und es ermöglicht Nutzern, die darauf Wert legen, sich anonym zu bewegen. Durch ein ausgeklügeltes Verschlüsselungssystem sind die Spuren, die ein User für gewöhnlich im Netz hinterlässt, kaum zu lesen.

Das kann einem guten Zwecke dienen, wenn sich beispielsweise politische Gruppen oder Dissidenten in autoritären Regimes ohne freien Interzugang austauschen wollen. Das Darknet ist jedoch "ein klassisches Beispiel für etwas, das eigentlich entwickelt wurde, um einem guten Zweck zu dienen, was aber auch negativ genutzt werden kann", sagte Doris Westphal-Selbig von der Landesanstalt für Medien und Kommunikation (LMK) in Ludwigshafen dem SWR.

Waffen, Drogen, Kinderpornographie

Denn natürlich machen sich Kriminelle die Strukturen zunutze. Kinderpornographie, Drogenhandel, Waffengeschäfte, der Verkauf gefälschter Dokumente - wer möchte und sich die nicht übermäßig große Mühe macht, sich Zugang zum Darknet zu verschaffen, der findet genau das; und zusätzlich reichlich Abzocker, die sich die Naivität derer, die nur Darknet-Tourismus betreiben, zunutze machen.

Über schnell erreichbare Verzeichnisseiten, beispielsweise das so genannte "Hidden Wiki", werden Nutzern Shops und Angebote auf dem Silbertablett serviert, die fast ausschließlich Lockangebote sind. Damit sollen den Leuten die Bitcoins aus der Tasche gezogen werden, die hier als Zahlungsmittel gelten. Und dann gilt: Ist die Kohle weg, ist sie weg. Auch das eine negative Begleiterscheinung der Anonymität.

Bilder von Hanfplantagen sind im Darknet zu sehen.

Ein Cannabis-Händler bietet Einblick in seinen Produktionsprozess.

Aber es existieren auch seriöse Shops, wenn man in diesem Kontext denn von seriös sprechen mag. Zumindest solche, bei denen man für seine Bitcoins die erwünschte Gegenleistung erhält: Man bezahlt und hat wenige Tage später Waffen, Drogen oder gefälschte Dokumente im Briefkasten - im Prinzip wie bei Amazon, ebay oder Zalando, nur eben mit illegaler Ware. Das klingt unglaublich. Es ist aber Realität, virtuelle Realität sozusagen.

Darknet-Handel auch in Rheinland-Pfalz

Auch in Rheinland-Pfalz. Nach Angaben des Landeskriminalamts (LKA) in Mainz konnten hier Personen ermittelt werden, die im Darknet Handel betrieben - beispielsweise mit Waffen. Da es sich um laufende Verfahren handele, könne man dazu allerdings keine weitere Aussage treffen, teilte eine LKA-Sprecherin auf SWR-Anfrage mit.

Dass es so schwer ist, der Kriminalität in diesem Teil des Internets beizukommen, hat nach LKA-Angaben mit mehreren Faktoren zu tun: mit der Internationalität, den Möglichkeiten der Anonymisierung und dem virtuellen Zahlungsverkehr. All dies erschwere die Ermittlungen, so die Sprecherin. Auch kurze technologische Entwicklungszyklen, die den Kriminellen ermöglichten, schnell ihre Vorgehensweise zu verändern, bereiteten den Kriminalbeamten Probleme.

Aussichtsloser Kampf?

"Das ist die große Kraft der fortschreitenden Anonymisierung im Internet", sagt Doris Westphal-Selbig von der LMK. Dem stehe man ziemlich machtlos gegenüber. Doch der Kampf der Kriminalbeamten ist nicht völlig aussichtslos. Es gibt auch Erfolge zu verzeichnen, zum Beispiel den Schlag gegen die rheinland-pfälzischen Waffenhändler.

Polizisten zeigen einen Drogenfund.

Schlag gegen "Shiny Flakes": Der 20-Jährige betrieb den Drogenhandel im Darknet im ganz großen Stil.

Auch den Fall des 20-jährigen Leipzigers, der als "Shiny Flakes" von seinem Kinderzimmer aus im Darknet einen schwunghaften Drogenhandel betrieb, gilt es zu erwähnen. Mehrere Tonnen illegaler Substanzen hatte er vertrieben, ehe er im Februar 2015 dingfest gemacht werden konnte. Und die Darknet-Handelsplattform Silk Road, die bereits 2013 von den US-Ermittlungsbehörden lahmgelegt werden konnte.

Denn natürlich gibt es potentielle Fehlerquellen, gerade in der analogen Welt. Schließlich müssen die gehandelten Waren irgendwo herkommen und zu ihrem Empfänger geschickt werden. Und auch im dunklen Netz selbst sind die Ermittler natürlich umtriebig. Man bediene "eines breiteren Spektrums unterschiedlicher kriminaltaktischer Maßnahmen und Methoden" heißt es dazu knapp vom LKA - denn natürlich möchte man sich nicht in die Karten schauen lassen.

Sisyphos-Arbeit

Ein User im Darknet berichtet per Kommentarfunktion über den Bestellvorgang und die Qualität der gelieferten Drogen.

Ein User äußert sich in einem Forum über eine Cannabis-Bestellung im Darknet.

Aber aller Erfolge zum Trotz: Der Kampf ähnelt dem des Sisyphos, der seinen Fels immer wieder den Berg hinaufwuchtet, um ihm von dort wieder beim Herunterkullern zusehen zu müssen: Ein Blick in einschlägige Foren verrät, dass erstaunlich viele Kunden ihr Päckchen mit der bestellten Darknet-Ware fröhlich aus dem Briefkasten angeln - und bewerten die Händler dann entsprechend. Der Austausch ist rege, aber eben anonym. Die Shops präsentieren sich aufgeräumt und professionell, aber eben anonym.

"Das Phänomen Cybercrime entwickelt sich sehr dynamisch", heißt es vonseiten des LKA. Die Straftäter seien hochspezialisiert. Ein wenig wirkt es von außen betrachtet wie das Wettrennen von Hase und Igel. So sehr sich der Hase auch müht, der Igel erwartet ihn stets schon auf der anderen Seite des Feldes: Und verschwindet ein von den Ermittlern hochgenommener Shop mal von der Bildfläche, taucht er häufig nur kurz darauf in ganz ähnlicher Form unter einer anderen Adresse wieder auf.

Erfolge oft nur von kurzer Dauer

Dass das ein gewisses Frustrationspotenzial birgt, mag man beim LKA nicht bestätigen. Solche Verdrängungseffekte seien normal, heißt es. Es sei nicht ungewöhnlich, dass solche Lücken in aus Tätersicht lukrativen Geschäftszweigen schnell wieder geschlossen würden, so die LKA-Sprecherin - durch dieselbe Tätergruppe oder durch deren Konkurrenz.

Vonseiten der Entwickler des Tor-Netzwerks haben die Behörden jedenfalls keine Hilfe zu erwarten. Denn beim "Tor Project", das sich zu einem großen Teil mit Geldern der US-Regierung finanziert, betont man seine Unabhängigkeit - und verwahrt sich gegen jede Form der Einflussnahme. Denn in der Entstehungsgeschichte des Projekts finden sich keinerlei illegale Absichten.

Doch solange das Darknet Anonymität gewährt, wird es wohl immer Menschen geben, die dort Recht und Gesetz aushebeln - und so reichlich Stoff für einen oder mehrere Thriller liefern.

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