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Archivgespräch (1986) aus Anlass des Todes von Margarete Mitscherlich "Ich bin Feministin", schrieb Margarete Mitscherlich 1977 - der Skandal war perfekt

Die große Psychoanalytikerin und Ikone der Frauenbewegung Margarete Mitscherlich ist am 12.6. 2012 kurz vor ihrem 95. Geburtstag gestorben. In einem Interview aus dem Jahr 1986 sprach Mitscherlich darüber, warum ihr die Auseinandersetzung mit weiblichen und männlichen Agressionsmustern in ihrem Werk "Die friedfertige Frau" so wichtig war.

Eva Lauterbach fragte Margarete Mitscherlich damals, ob sie sich selbst für eine friedfertige Frau halte:


Neben dem bahnbrechenden Werk "Die Unfähigkeit zu Trauern", das sie zusammen mit ihrem Mann, Alexander Mitscherlich, in den 60er Jahren verfasst hat, schrieb sie ein weiteres epochalen Werk: "Die friedfertige Frau" 1985. Ein Buch, mit dem sie großen Einfluss auf die Frauenbewegung hatte.

Margarete Mitscherlich: Manche meiner Kollegen, mit denen ich ja mittlerweile häufig im Streit liege, und das ist ja auch langsam bekannt, werden mich gewiss nicht als friedfertige Frau ansehen und werden auch mich nicht so sehen wie ich mich sehe, nämlich als doch eigentlich ungern Konflikte eingehend. Ich bin mittlerweile etliche Konflikte eingegangen, aber eigentlich möchte ich lieber in Freundschaft mit den Menschen auskommen.


Also ich bin sicher, dass ich keine unaggressive Frau war, das ist mir immer klar gewesen, nur ich habe gerne mit Hilfe von Gesprächen, insbesondere natürlich mit Menschen, die ich liebte, wie meinen Mann, meinen Sohn und viele meiner Freunde, habe ich gewünscht, dass man nicht in Streit miteinander lebt, sondern dass man lernt einander zu verstehen und einander zu respektieren. Also ich liebe Streit an sich nicht.

Die Frage nach der friedfertigen Frau oder die Frage danach, ob Sie selber eine solche sind, war auch ein bisschen die Frage nach dem Inhalt des Buches.

Ja, es ging mir darum, Frauen darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Friedfertigkeit nicht nur für sie, ihre fraglose Friedfertigkeit, nicht nur für sie außerordentlich ungünstig ist, sondern für diese Gesellschaft überhaupt, in der Frauen nicht gelernt haben nach den Herkünften der Werte zu fragen. Also die Werte in der wir leben, sind nach wie vor männliche Werte. Und indem sie nicht danach fragten, hat diese Gesellschaft, meines Erachtens, diese unglückliche Entwicklung genommen, bis zur Atombombe, bis zur Möglichkeit ganze Völker auszurotten, bis zu dem Zustand in dem wir uns heute befinden, wo Dauerkriege überall stattfinden und wo aus Kriegen die Totalvernichtung in kürzester Zeit entstehen kann.

Also diese Männlichkeit, mit ihrem Herrschaftsdenken im Untertanenstil, wissen Sie, diese Art die den ganzen Faschismus durchzieht, das haben Frauen mitgemacht indem sie sich mit dieser Form, die aus der grundliegenden Erziehung hervorgeht, identifiziert haben.

Was gehört da noch alles dazu, außer Friedfertigkeit? Also wenn man von einer weiblichen Moral sprechen will, dann gehört dazu orientiert sein an Bindungen, an Kommunikation.

Ja. Orientiert-Sein an Bindungen, die Angst der Frau vor dem Liebesverlust. Also sie muss ein Mensch sein, der sich binden kann und diese Bindungen nicht auflöst und für die Erhaltung dieser Bindungen alles einsteckt und dadurch also den Mann zu einer Art verwöhnten Kind und gleichzeitig zu einem Herrschaftswesen, einem Patriarchen innerhalb der Familie zu machen und in dieser infantilen Situation stecken zu lassen.

Der Mann ist ja irgendwo in einer wirklich höchst infantilen Situation stecken geblieben, aber auch aufgrund dessen, dass die Frau Bindungen über alles stellt und Anpassung fraglos vollzieht, anstatt Kritik zu üben und Bindungen auch auflösen können, wenn sie wirklich der Auflösung bedürfen.

Wir reden nun darüber, dass Frauen friedfertig sind und dass Männer das nicht sind. Das klingt so als seien Frauen ohne Aggressionen.

Das, glaube ich, habe ich auch in meinem Buch sehr genau dargestellt, dass ich in keiner Weise der Meinung bin, dass Frauen friedfertiger als Männer sind, von der Grundausstattung her und von den Grundmöglichkeiten her. Sie werden nur dazu erzogen ihre Aggressionen anders zu verwenden als Männer. Männer werden dazu erzogen, sie nach außen auszudrücken und nach außen zu entwickeln und sich aggressiv zu behaupten, Rivalitäten zu durchstehen, möglichst siegreich zu sein, niemals Schuldgefühle zuzugestehen, und da wo sie Angst vor ihren Aggressionen haben, nämlich Leuten gegenüber, die mächtiger sind – ursprünglich ihren Vätern gegenüber – diese Aggression einerseits nach innen zu wenden, aber um sich nicht selbst zu zerstören, so Freud, dann sehr schnell wieder Sündenböcke suchen und dann an diesen Sündenböcken ihre Aggressionen raus zulassen.

Frauen wenden die Aggressionen nach innen und lernen, so wie man es ihnen auch beibringt, viele Schuldgefühle zu entwickeln, Opferbedürfnisse, masochistische Verhaltensweisen, das heißt sich Vorwürfe zu machen, Selbstvorwürfe zu machen, wozu sie auch wiederum von der Gesellschaft her sehr, sehr angeregt werden. Wenn sie aber diese innere Vorwurfshaltung sich selber gegenüber haben, lernen sie natürlich auch anderen Vorwürfen zu machen. Also diese Art passiver Aggression ist den Frauen durchaus eigen und gehört auch nicht gerade zur angenehmsten Form wie man mit seinen Aggressionen fertig wird.

Aber direkt nach außen gewalttätig werden etc. das ist nun mal seit Jahrhunderten Sache des Mannes. Gewalttätigkeit und Paraneuer, nämlich Verschiebung der Aggressionen auf Sündenböcke, ist Sache der Männer, seit Jahrhunderten, so werden sie erzogen. Bei dieser Erziehung können sie gar nicht anders mit ihren Aggressionen umgehen.

Das ist nicht Sache der Frau. Sie unterstützen dann die Kriege, die immer auf Gewalt plus Paranoia beruhen, oder die Verfolgung von Minderheiten, die immer auf Gewalt plus Paranoia beruhen, etc., sie unterstützen solche Haltungen der Männer. Aber sie sind ihnen aufgrund ihrer Erziehung und der nach innen gewendeten Aggression nicht so auf den Leib geschrieben wie sie den Männern auf den Leib geschrieben ist.

Das historisches Kulturgespräch führte Eva Lauterbach 1986.

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