Navigation

Volltextsuche

Ein Kameramann bei der Arbeit in einem Nachrichtenstudio Nachrichten im Video

Tagesschau in 100 Sekunden

Video-Nachrichten

Seite vorlesen:

Kulturgespräch 14.3.2013  "Unsere Mütter, unsere Väter"

Der Produzent Nico Hofmann über den TV-Dreiteiler im ZDF

Schon in seiner Abschlussarbeit an der Filmhochschule München bearbeitete Nico Hofmann Erlebnisse seines Vaters vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die Naziherrschaft mit ihren Grausamkeiten hat den Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten seither nicht losgelassen. Er hat das Anti-Kriegsdrama "Dresden" produziert, sowie die Spielfilme "Die Flucht" und "Rommel". Für den 53-jährigen Nico Hofmann ist es der Abschluss von 30 Jahren Familienauseinandersetzung. Am 20.3. läuft der dritte Teil von "Unsere Mütter, unsere Väter".

ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter"

ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter"

Fünf Freunde werden durch den Krieg getrennt, zwei Brüder kämpfen in Russland, ihr jüdischer Freund muss fliehen, eine Frau wird Krankenschwester an der Front, die zweite träumt von einer Karriere als UFA-Star. Herr Hofmann, welche Kriegserlebnisse Ihrer Eltern stecken in diesem Film?

"Unsere Mütter, unsere Väter"
Teil 3 am 20.3.2013 20.15 Uhr im ZDF

"Zunächst mal sind das recherchierte Biografien. Alle fünf sind keine Erfindungen unseres Autors Stefan Kolditz. In diesen Biografien stecken fast fünf Jahre Recherchearbeit unseres Autors. Auch das jüdische Leben in Berlin ist recherchiert. Das Leben meines Vaters steckt im Grunde genommen in den beiden Brüdern. Ich habe Elemente aus dem Leben meines Vaters als Soldat an der Ostfront in Russland genommen und in diese beiden Figuren transferiert. Viele, viele Dinge, die man da jetzt ab Sonntag sehen kann, sind meinem Vater in der Tat widerfahren."

Die fünf Hauptdarsteller von "Unsere Mütter, unsere Väter": Von links nach rechts: Tom Schilling, Katharina Schüttler, Miriam Stein, Henriette Richter-Röhl und Götz Schubert.

Der ZDF Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" ist das Generationenporträt von fünf Freunden während des Zweiten Weltkriegs.

Das heißt, Sie haben mit Ihrem Vater über dessen Kriegserlebnisse sprechen können. Hat er Ihnen bereitwillig davon erzählt?

"Wir haben viel darüber geredet, ja. Man muss jetzt auch sagen: Ich habe in der Tat an der Filmhochschule vor – jetzt bin ich 53, also das ist fast schon 30 Jahre her – also vor 30 Jahren habe ich begonnen, mit meinem Vater über seine Zeit im Dritten Reich zu reden. Auch seine damaligen Kriegstagebücher, direkt vor seiner Einberufung in Ludwigshafen, habe ich als kleinen Übungsfilm an der Filmhochschule verfilmt.

Wir haben den Dialog dann vor sieben Jahren noch mal wirklich begonnen, als es um die Dreharbeiten und Drehvorbereitungen für "Unsere Mütter, unsere Väter" ging. Auch, weil ich in meiner Familienbiografie viele hochambivalente Punkte entdecke, auch im Leben meine Mutter. Meine Mutter war viel jünger als mein Vater. Sie war bekennende Anhängerin im "Bund Deutscher Mädel". Meine Mutter hat nach '45 jahrelang gebraucht, um zu verstehen, dass es Adolf Hitler als "großen lieben Gott" – das jetzt in Anführungszeichen – gar nicht mehr gibt. Das steht auch in ihren Tagebüchern. Wenn man das liest: Das ist heute geradezu unvorstellbar, wie hitlergläubig diese Zeit war. In meiner Familie gibt es eine große Gesprächskultur und auch Offenheit für das Thema. Und die habe ich in den letzten Jahren garantiert noch mal deutlich ausgeweitet."

Sie mussten aber gerade Ihre Mutter doch auch ein bisschen zwingen, oder? Denn als Sie gesagt haben: "Guck dir meinen neuen Film an, den Dreiteiler ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘", da hat sie doch zuerst gesagt: "Na ja, ach, wollen das die Leute überhaupt noch sehen? Ist es jetzt nicht genug damit?" Das ist eine typische Abwehrreaktion.

"Das war wirklich so. Ich habe eine Knie-Reha meiner Mutter in Baden-Baden ausgenutzt und ihr gesagt: "Jetzt schaust du es bitte an". Das Erstaunliche ist – und das macht mich auch glücklich: Sie hat's ja dann geschaut und war danach unglaublich offen.

Und das wünsche ich mir natürlich auch als Wirkung, wenn der Film jetzt am Sonntag läuft – weil es in dieser Generation eine Verkapselung gibt, über Gefühle sprechen zu können. Götz Aly, der Historiker, hat gesagt: Das ist eine regelrechte Vereisung. Der Film hat natürlich eine große Wahrhaftigkeit. Er hat auch eine Härte. Anders kann man Krieg nicht zeigen. Alles andere wäre eine Verstellung, auch eine Verkitschung. Aber wenn die Generation die Geschichte an sich ranlässt, habe ich das Gefühl, dass das bei vielen doch noch mal unheimlich viele Emotionen aufmacht und möglich macht."

Wie wichtig ist es, dass man nicht die Schuldfrage: "Wie sehr wart Ihr schuld", in den Mittelpunkt stellt – wenn man mit seinen Eltern oder Großeltern spricht?

"Die Schuldfrage ist bei mir in der Familie jahrelang gestellt worden. Der ganze 1970er/1980er- Ansatz, mit der Familie über den National-Sozialismus zu reden, war ja immer eine Schuldfrage. Ich weiß noch, als ich "Holocaust", die Serie mit Meryl Streep geguckt habe: Alle in meiner Schulklasse, inklusive mir selbst, waren auf der jüdischen Seite. Da war die Identifikation mit den jüdischen Opfern. Und die Eltern, auch meine Eltern, waren die Täter. So wurde ja Zuhause diskutiert, als ich mit 17 vom Schulunterricht kam. Also ich habe ja nicht gesagt: "Wie toll war die Nazizeit und ihr seid alle Opfer". Sondern ich habe gesagt: "Wie konntet ihr euch ernsthaft in dieses Verbrechen einlassen?" Das war der Tenor in vielen Familien.

Ich glaube, die Schuldfrage haben wir sehr, sehr gründlich und sehr lange in diesem Land diskutiert – Gott sei Dank, muss man sagen. Jetzt geht's vielleicht wirklich um ein inneres Verstehen, was diese Generation ausmacht und was sie auch damals erlebt hat. Und – um noch mal mit Götz Aly zu sprechen – was diese Vereisung auch mit uns, mit meiner Generation, gemacht hat. Ich finde ja meine Generation auch nicht unbedingt komplett frei, um emotional über diese Zeit reden zu können."

Sie sind Produzent. Das Drehbuch für "Unsere Mütter, unsere Väter" hat Stefan Kolditz geschrieben. Regisseur ist Philipp Kadelbach. Wie viel Einfluss haben Sie als Produzent auf Inhalt und Gestaltung des Films?

"Ich habe schon massiven Einfluss: Die ganze Grundidee kam ja von Stefan Kolditz und mir – in einem Gespräch direkt nach der Ausstrahlung von "Dresden". Der Fernsehfilm "Dresden" hat ja damals unfassbare 13 Millionen Zuschauer an zwei Abenden gebannt. Wir haben danach gesagt: Kann man das Kriegserlebnis unserer Eltern – der Stefan ist ja ähnlich alt wie ich – noch mal noch authentischer fassen? Ohne in diese Melodram-Struktur? Wir haben ja bei "Dresden" ein sehr starke melodramatische Struktur benutzt, um die Zuschauer reinzuziehen in den Film.

Erst der zweite Teil war dann wirklich das authentische Bombardement von "Dresden" in alle seinen Abscheulichkeiten. Noch einmal mit Wahrhaftigkeit über Krieg zu erzählen – auch mit der Härte, die dieses Thema hat – das war der Ansatz. Wir haben dafür jetzt in der Tat sieben Jahre gebraucht. "Dresden" war 2006 – also es hat sehr, sehr lange gebraucht. Wir haben viele Figuren noch mal noch genauer recherchiert. Aber die Arbeit hat sich gelohnt. Jetzt geht wirklich eine siebenjährige Reise zu Ende."

Das SWR2 Kulturgespräch mit Nico Hofmann, Produzent des Fernseh-Dreiteilers "Unsere Mütter, unsere Väter" führte Sonja Striegl am 14.03.2013 um 07.45 Uhr.

Quelle: SWR2

Letzte Änderung am: 14.03.2013, 12.16 Uhr