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Der Erfolg der AfD in BW Protestsignal und der Faktor Russlanddeutsche

In Baden-Württemberg war die AfD bei der Landtagswahl auf Anhieb erfolgreich und gewann sogar zwei Direktmandate. Dafür zeichnen offenbar zwei Faktoren verantwortlich.

Anhänger der AfD auf der Wahlparty der Alternative für Deutschland zur Landtagswahl.

Die Anhänger der AfD jubeln über ihren Wahlerfolg.

In Mannheim überwog am Montag in vielen Teilen der Bevölkerung die Fassungslosigkeit: In der früheren SPD-Hochburg und Industriestadt holte AfD-Kandidat Rüdiger Klos mit 23 Prozent das Direktmandat im Wahlkreis eins, der den Norden der Stadt repräsentiert. Klos setzte sich gegen den SPD-Kandidaten Stefan Fulst-Blei (22,2 Prozent) durch, der bei der letzten Wahl noch das einzige Direktmandat für die SPD geholt hatte.

Der Mannheimern Norden gilt seit jeher als strukturschwach und in roter Hand - hier haben sich die Bürger nun der AfD zugewandt. Am Tag nach der Landtagswahl müssen sich die Sozialdemokraten fragen, wieso der einstige Stammbezirk verloren ging. Offenbar hat die Volkspartei SPD den Kontakt zum Volk verloren. "Es sind normale Leute, die nicht zufrieden sind. Die Arbeiterpartei ist keine Arbeiterpartei mehr", sagt ein Mannheimer aus diesem Wahlbezirk dem SWR. 

Mannheimer Ergebnis ein Protestsignal

Auch AfDler Klos sieht im Wahlergebnis einen Denkzettel für das Gebaren der bisherigen Volksparteien: "Schade, dass die Flüchtlings- und Asylpolitik alles andere überlagert hat. Aber es ist auch klar, dass die Bürger nicht so behandelt werden wollen", zitiert ihn das Nachrichtenportal "morgenweb.de" am Montag.

Egal ob Grüne, CDU oder SPD, alle müssten sich Gedanken machen, sagte der CDU-Kreisvorsitzende Nikolas Löbel am Montag in Mannheim. Die Wähler seien emotional nicht erreicht worden. Das habe nur die AfD geschafft. So bleibt den bisherigen Platzhirschen vorerst nur das Wundenlecken. "Das ist ein Ergebnis im Norden, das ich unserer Stadt gerne erspart hätte", resümierte Mannheims SPD-Oberbürgermeister Peter Kurz. Die bevorstehenden fünf Jahre sieht Kurz als Herausforderung.

Auch Pforzheim ist ein sozialer Brennpunkt

AfD-Direktmandatsträger Bernd Grimmer

AfD-Kandidat Bernd Grimmer gewann in Pforzheim - und düpierte die CDU.

In Pforzheim muss derweil die andere "Volkspartei", die CDU, den Scherbenhaufen aufkehren und den Verlust eines sonst sicheren Wahlbezirks analysieren. Hier holte AfD-Kandidat Bernd Grimmer ebenfalls ein Direktmandat, mit einem Stimmanteil von 24,2 Prozent. Vor fünf Jahren hatte die CDU diesen Wahlkreis noch klar mit 44,5 Prozent heimgefahren, nun kam sie mit 22,4 Prozent auf Platz drei. "Das hohe Ergebnis für die AfD überrascht sicher in dieser Höhe - aber nicht grundsätzlich", meint SWR-Reporter Peter Lauber.

Die Stadt gilt traditionell als Hochburg der Protestwähler, das war schon in den 90ern so gewesen, als die Republikaner in der 115.000-Einwohner-Stadt Rekordergebnisse einfuhren. Wie auch Mannheim drücken Pforzheim soziale Probleme: Der Einbruch der Schmuckindustrie, der damit verbundene Strukturwandel, bei dem viele auf der Strecke blieben, die landesweit höchste Arbeitslosigkeit. In Mannheim liegt sie bei 6 Prozent, in Pforzheim sogar bei 7,7 und damit weit über dem Landesschnitt von 4 Prozent. "Viele wähnen sich auf der Verliererseite in unserer Gesellschaft", so Lauber weiter.

Der Faktor Russlanddeutsche

Der große Anteil an Migranten und Zuwanderern in Pforzheim ist dabei kein Widerspruch. Im Gegenteil: Unter den vielen Spätaussiedlern im Stadtteil Haidach, wo die AfD 43 Prozent holte, gibt es verbreitete Ängste, ausgelöst durch die Flüchtlingskrise. Oberbürgermeister Gert Hager zeigte sich denn auch wenig überrascht über den AfD-Erfolg: Nicht nur, aber eben auch die vielen Stimmen der Russlanddeutschen hätten zum Sieg der AfD beigetragen.

viele menschen in einem demonstrationszug mit plakaten

Spätaussiedlern demonstrierten jüngst gegen die Flüchtlingspolitik.

Und nicht nur in Pforzheim scheinen Russlanddeutsche ein Faktor zu sein: In Ellwangen, wo die Landeserstaufnahmestelle (LEA) zuletzt immer wieder wegen Unruhen unter den Asylanten in die Schlagzeilen geriet, wurde die AfD mit 14,4 Prozent "nur" drittstärkste Kraft, blieb sogar knapp unter dem Landesdurchschnitt von 15,1 Prozent. Der naheliegende Gedanke, dass eine LEA in weiten Teilen des Wahlkreises Ängste schürt und die breite Wählerschaft der AfD zutreibt, scheint sich nicht zu bestätigen.

Gleiches gilt auch für Meßstetten. Zwar erreichte die AfD dort zwar fast 20 Prozent. Bürgermeister Frank Schroft führt das aber auf die allgemeine Unzufriedenheit mit der Flüchtlingspolitik zurück. Eine besondere Wahlentscheidung zugunsten der AfD könne er trotz der LEA vor der Tür nicht erkennen. Meßstetten sei nicht anders als andere Orte, sagte er im SWR-Interview.


Fremdenfeindliche Reflexe

Stattdessen zeichnet sich ab, dass es vor allem die russischstämmige Bevölkerung im Umfeld von LEAs ist, die in fremdenfeindliche Reflexe verfällt. So kam die AfD im Ellwanger Wahlbezirk Bürgertreff-Kolpingweg, den Russlanddeutsche prägen, auf 25,3 Prozent. Ähnliches gilt auch für die LEA-Stadt Wertheim. Im Wahlbezirk Wartberg, einer russisch geprägten Gegend, kam die AfD auf 51,8 Prozent - und pushte damit die AfD-Prozentpunkte für die Stadt Wertheim auf 18,9 Prozent.

Die Wahl in Baden-Württemberg