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Vater von Winnenden-Amokläufer verklagt Ärzte Tim K.'s Hass - hätte jemand handeln müssen?

Sieben Jahre ist der Amoklauf von Tim K. in Winnenden und Wendlingen her. Jetzt befasst sich wieder ein Gericht damit, ob der Amoklauf vorhersehbar war. Ein Sachverständiger findet klare Worte für den Fall.

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1:15 min | Di, 22.3.2016 | 18:00 Uhr | SWR Fernsehen BW

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Amoklauf von Winnenden

Tim K.'s Vater wirft Ärzten Mitschuld vor

Waren Ärzte des Zentrums für Psychiatrie in Weinsberg mit Schuld am Amoklauf von Winnenden? Darum geht es vor dem Landgericht Heilbronn. Der Vater des Amokläufers Tim K. wirft dem Klinikum Behandlungsfehler vor.

In dem Prozess am Heilbronner Landgericht sollten die Umstände der Tat erneut beleuchtet werden. Es ging am Dienstag vor allem um die Frage, ob die Klinik am Weissenhof in Weinsberg, in der der damals 17-jährige Amokläufer Tim K. vor der Tat behandelt wurde, einen Behandlungsfehler gemacht hat.

Der Vater des späteren Amokläufers hatte gegen Ärzte und Therapeuten seines Sohnes geklagt. Sie hätten ihn warnen müssen, dass von seinem Sohn große Gefahr ausgeht, argumentiert der ehemalige Unternehmer. Jörg K. hofft dadurch, von Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüchen von Geschädigten freigestellt zu werden. Im Raum steht laut Gericht ein Streitwert von vier Millionen Euro.

Tötungsphantasien ohne konkreten Plan

Der Sachverständige, der sich die Behandlungsunterlagen im Vorfeld des Prozesses angeschaut hatte, sagte am Dienstag vor Gericht, dass Tim K. ein Jahr vor der Bluttat im Jahr 2009 vier Termine in der genannten Klinik hatte. In den Unterlagen sei eine Aussage des späteren Amokläufers vermerkt, die zeigt, dass sich sein Hass gegen die gesamte Menschheit richtete. Er soll von Tötungsphantasien gesprochen und gesagt haben, dass er "alle erschießen" könne. Von einem Plan sei aber nicht die Rede gewesen.

Nach Einschätzung des Gutachters liegt kein Behandlungsfehler der Klinik vor. "Der Amoklauf hätte verhindert werden können, wenn Tim K. keinen Zugang zu Waffen gehabt hätte." Die Eltern hätten zudem nicht angesprochen, dass Schießen zu Tim K.s Hobbys gehöre, so der Sachverständige.

Das Twitter-Protokoll unserer Reporterin zum Nachlesen:

Bei der von der Klinik getroffenen Diagnose konnte der Gutachter allerdings nicht uneingeschränkt zustimmen. Der Befund der Klinik lautete damals soziale Phobie. Der Sachverständige gab an, dass er das für "nicht zutreffend" halte. Er selbst gehe von einer Persönlichkeitsstörung aus. Die von den Fachärzten gestellte Diagnose sei jedoch nicht unvertretbar: "Beide Krankheitsbilder haben gemeinsame Symptome."

Außerdem erklärte er, dass eine andere Diagnose den Amoklauf nicht verhindert hätte. Gedanken jemanden umzubringen, seien in der Adoleszenz häufig. Laut dem Sachverständigen hat es keine Anhaltspunkte für eine Selbst- oder Fremdgefährdung gegeben. Es gebe ohnehin keine Diagnose, die eine solche Tat voraussagen lasse.

Vater von Tim K. erschien nicht vor Gericht

Der erste Verhandlungstag fand ohne den Kläger Jörg K. statt. Er ließ durch seinen Anwalt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Nach rund fünf Stunden endete die Beweisaufnahme am Dienstag. Der Richterspruch soll am 26. April verkündet werden.

Während der Verhandlung berief sich die Klinik auf die ärztliche Schweigepflicht, die auch bis nach dem Tod bestehe. Den Eltern des Amoktäters sei eine umfassende Therapie für ihren Sohn angeraten worden, argumentierte die Verteidigerin der Fachleute des Zentrums für Psychiatrie in Weinsberg. Diese Behandlung sei aber nie angetreten worden.


Muss Vater für Behandlungskosten aufkommen?

Tim K. hatte am 11. März 2009 an seiner ehemaligen Schule in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) und auf der Flucht in Wendlingen im Kreis Esslingen 15 Menschen und sich selbst erschossen. Die Tatwaffe hatte sein Vater, ein Sportschütze, im Kleiderschrank versteckt. Das Landgericht Stuttgart verurteilte ihn später wegen fünfzehnfacher fahrlässiger Tötung zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe. Auch entschied das Gericht, dass der Mann für Behandlungskosten von Opfern und Hinterbliebenen aufkommen muss.

Mehrere Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen sind bereits beglichen: Zwei Millionen Euro flossen von der Versicherung des Vaters an mehr als 30 Opfer und Hinterbliebene, 400.000 Euro an die Stadt. Forderungen der Unfallkasse für Heilbehandlungen von Schülern, Eltern und Lehrern über knapp eine Million Euro stehen noch aus.

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