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Übergriffe auf Frauen "Das ist eine neue Qualität"

Belästigt, sexuell bedrängt und ausgeraubt. Das Ausmaß der Übergriffe an Silvester vor allem in Köln, aber auch in Stuttgart und Hamburg, wird erst jetzt so richtig deutlich.

Silvester ist für viele Frauen rund um den Kölner Hauptbahnhof zur Horrornacht geworden. Rund 1.000 Männer, nach Zeugenaussagen aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum, hatten sich am Bahnhof versammelt. In einzelnen Gruppen haben die Männer dann die Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt. Auch in Hamburg und Stuttgart gab es Übergriffe, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß. SWR-Moderator Andreas Herrler hat mit Arnold Plickert, Chef der Gewerkschaft der Polizei in NRW und stellvertretender Bundesvorsitzender, gesprochen.

Etwa 1.000 Männer, die in kleinen Gruppen gezielt Frauen angreifen - ist Ihnen ein vergleichbarer Fall schon mal untergekommen?

Arnold Plickert: Ein vergleichbarer Fall mit der Dimension ist mir nicht bekannt. Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass wir nicht von 1.000 sprechen, sondern von 1.500. Wir haben ähnlich gelagerte Fälle, allerdings in einer kleineren Anzahl, in der Silvester-Nacht in Hamburg und auch in Stuttgart gehabt.

Es sei ein unerträglicher Zustand, dass mitten in der Stadt solche Straftaten begangen werden, sagte der Kölner Polizeipräsident Albers. Wie kann denn so eine Zusammenrottung passieren, ohne dass man das im Vorfeld merkt?

Ja, das ist eine der Fragen, die jetzt durch die Ermittlungskommission geklärt wird. Hat es im Vorfeld irgendwelche Kommunikationswege wie Internet oder andere Dinge gegeben, wo zu dieser Veranstaltung aufgerufen wurde? Wir haben eine hohe Anzahl von Afrikanern in Deutschland. Wir gehen in Nordrhein-Westfalen alleine von 5.000 aus. Es ist Potential da. Die Frage ist nur, hat man sich verabredet oder wie ist es zustande gekommen, dass dann so viele in der Silvesternacht in Köln waren?

Und sie sagen, in anderen Städten gab es offenbar ähnliche Vorfälle. Heißt das, man hat sich da möglicherweise sogar bundesweit koordiniert?

Das glaube ich nicht, dass es Absprachen zwischen den Städten Köln, Hamburg und Stuttgart gegeben hat. Wir wissen alle, die Silvester-Nacht ist nun einmal eine Nacht, wo die Menschen auf die Straße gehen. Wir haben die Altstadt-Meilen. Da wird eben das neue Jahr gefeiert und da kommt es eben auch zu Menschenaufläufen. Das ist normal.

Die Vorfälle in anderen Städten, die Sie angesprochen haben. Was wissen sie darüber?

Picture alliance / dpa

Die Polizei sieht sich an vielen Stellen gefordert.

Die Anzahl der Personen, die aufgetreten sind, ist geringer. Der Modus operandi - die Begehungsweise - ist aber die gleiche. Man geht in Großgruppen zwischen 100 und 150 Personen auf einzelne Frauen zu. Man bildet quasi ein Sichtschutz und dann greifen einzelne Personen aus der Gruppe die Frauen an, berauben sie, betatschen sie und es kommt auch zu sexuellen Übergriffen und das ist die neue Qualität.

Wir kennen das Antanzen ja schon lange, was in den Großstädten passiert, aber das geschieht in der Regel am Wochenende nachts. Man schaut sich bewusst alkoholisierte Personen an, geht an die und bestiehlt sie.

Aber diese brachiale Gewalt, diese massiven Sexualdelikte, die wir in der Silvester-Nacht in Köln hatten - wir haben 60 Anzeigen, wir haben 80 Geschädigte, wir gehen von einem Viertel der Delikte im Sexualbereich aus. Ich vermute sogar, dass wir eine sehr sehr hohe Dunkelziffer haben. Viele Frauen werden sich gar nicht getraut haben oder geschämt haben, in der Silvester-Nacht eine Anzeige zu erstatten.

Diese große Gewaltbereitschaft, gekoppelt mit der hohen Anzahl von Tatverdächtigen. Wie kann denn die Polizei dem überhaupt begegnen?

Nein, wir können uns als Personal nicht vermehren und wir haben ja nicht nur dieses Problem. Das ist der Preis, den wir zahlen, dass die Polizei über Jahrzehnte - ich sage mal - fast kaputt gespart wurde. Wir haben 16.000 Stellen bundesweit verloren.

Wir haben nicht nur Fußball, wir haben nicht nur Rechts, wir haben Links, wir haben Rocker, jetzt kommt der islamistische Terrorismus. Trotz allem müssen wir natürlich versuchen, die Kräfte, die wir haben, gezielt einzusetzen, wenn wir Großveranstaltungen haben. Wir haben Hundertschaften, die waren auch in der Silvester-Nacht eingesetzt.

Ich denke mit ein bisschen Sorge an Karneval, an die Weiberfastnacht in Köln. Da kann man sich ja ungefähr vorstellen, mit welchen Szenarien wir rechnen. Man muss jetzt Mal in Ruhe angehen, was können wir machen? Vielleicht Video-Überwachung von großen Plätzen, gemeinsame Streife mit dem kommunalen Ordnungsdienst und der Polizei? Jetzt einfach zu sagen, die Polizei geht mehr Streife, macht mehr? Wir können uns nicht klonen.

Online: Peter Mühlfeit und Christine Scherer

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