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Störfall in AKW Fessenheim Der Druck auf Frankreich wächst

Ein Zwischenfall aus dem April 2014 im französischen Atomkraftwerk Fessenheim sorgt für Gesprächsstoff. Nicht nur Stimmen aus Baden-Württemberg fordern jetzt Konsequenzen.

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2:35 min

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Störfall im AKW Fessenheim

Wurde Vorfall vertuscht?

Wegen eines Zwischenfalls ist es 2014 im AKW Fessenheim zu einer Notabschaltung gekommen. Experten sagen, dass es so etwas in Westdeutschland bisher noch nicht gegeben hat. Die Franzosen wundern sich indes über das Interesse an dem alten Fall.

Grünen-Politiker Franz Untersteller hat von seiner französischen Kollegin Ségolène Royal einen klaren Zeitplan für die Abschaltung des Atomkraftwerks Fessenheim gefordert. Zugleich verlangte er in einem Brief an Royal die vollständige Aufklärung eines Zwischenfalls vom April 2014. Bei dem bereits bekannten Vorfall war die Steuerung der Anlage beeinträchtigt.

Wenn es neue Erkenntnisse zu dem Zwischenfall geben sollte, wolle Baden-Württemberg informiert werden, sagte Untersteller am Freitag in Stuttgart. "Klar ist, dass Fessenheim nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik entspricht, es gibt nur unzureichenden Schutz gegen interne Überflutungen und es gibt zu wenig Redundanzen, also unabhängig arbeitende Notsysteme." Untersteller machte aber auch deutlich, dass er nicht glaube, dass der Zwischenfall vertuscht worden sei. Ein Brief der französischen Atomaufsicht an den Fessenheim-Betreiber sei damals im Internet veröffentlicht worden.

AKW am Netz in und rund um Baden-Württemberg

 

Vertuschung - oder nicht?

Zuvor hatten WDR und "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass der Unfall gravierender als bislang bekannt war. Die französische Atomaufsicht habe den Vorfall vom 9. April 2014 gegenüber der Internationalen Atomenergiebehörde heruntergespielt, teilten die Medien am Freitag mit. Sie berufen sich auf ein Schreiben der ASN an den Betreiber des Kraftwerks, die EdF, wenige Tage nach dem Zwischenfall. Auch der SWR berichtete im November 2014 von dem Unfall im Kernkraftwerk. Schon damals wertete der deutsche Atomexperte Christian Küppers vom Ökoinstitut den Störfall als "bemerkenswert".

Dementi aus Paris

Am Freitag reagierte die französische Atomaufsicht auf die Vorwürfe. "Es gebe keinen Grund, das AKW zu schließen", so die Behörde. Der Störfall sei ein kleinerer Zwischenfall der niedrigsten von insgesamt acht Kategorien gewesen und hätte keine Gefahr dargestellt. Das sagte ein Verantwortlicher dem ARD Studio Paris. Fessenheim sei nicht an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

Untersteller sagte am Donnerstag, dass das Schreiben des ASN damals im Internet veröffentlicht worden sei. Er glaube daher nicht an eine Vertuschung des Vorfalls. Die Tatsache, dass Sickerwasser in einem Schaltschrank eines von zwei Sicherungssystemen außer Betrieb gesetzt hatte, sei prekär und zeige, dass die Sicherheitsauslegung von Fessenheim ungenügend sei, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums dem SWR. Aber offensichtlich habe die Mannschaft im Kraftwerk immer noch mehrere Möglichkeiten gehabt, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Dass der Reaktor schließlich mit Borsäure heruntergefahren worden ist, sei keineswegs ungewöhnlich, sagte auch die deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit.

Auch Kritik vom Finanzminister

Der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid (SPD) sagte unterdessen, die Abschaltung von Fessenheim sei längst überfällig. "Wir werden uns weiterhin beim französischen Nachbarn und über die Bundesregierung dafür einsetzen, dass dieser alte Meiler schnellstmöglich dauerhaft abgeschaltet wird." Aufgrund der Medienberichte telefonierte Schmid mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) forderte erneut das Aus des Reaktors und genauere Informationen zu dem Thema.

Untersteller betonte nochmal, der französische Staatspräsident François Hollande habe die Abschaltung in seiner jetzigen Amtsperiode, also bis spätestens Frühjahr 2017 angekündigt. Vergangenes Jahr sei das Jahr 2018 als Stilllegungsjahr ins Gespräch gekommen, und jetzt gehe es offensichtlich um 2020, sagte Untersteller. "Diese laufende Verschiebung ist irritierend, und sie ist ein Risiko. Ich erhoffe mir eine klare und dann auch verlässliche Aussage der französischen Umweltministerin."

Rheinland-pfälzische Regierung verlangt Abschaltung

In einem gemeinsamen Brief an den französischen Staatspräsidenten François Hollande fordern Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Energieministerin Eveline Lemke (Grüne) am Samstag Konsequenzen. Fessenheim und der Atommeiler in Cattenom (Lothringen) müssten sofort abgeschaltet werden, und zwar solange, bis der Störfall umfassend aufgeklärt wurde.

Einsatz von Merkel auf EU-Ebene gefordert

Grünen-Chefin Simone Peter forderte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Samstag auch auf EU-Ebene Einsatz. Sie solle sich für eine Abschaltung aller alten Atomkraftwerke in Grenznähe einzusetzen, denn "die wachsende Gefährdung großer Teile der Bevölkerung durch überalterte, störanfällige Atomkraftwerke wie Fessenheim, Cattenom, Tihange, Doel, Beznau oder Temelin" erfülle die Grünen "mit großer Sorge". Es müsse einen EU-Atomgipfel geben, der die atomaren Risiken neu bewerte. Anrainerstaaten müssten Mitspracherechte bei allen sicherheitsrelevanten Entscheidungen erhalten.

Das AKW Fessenheim im Elsass ist das älteste Atomkraftwerk Frankreichs. Atomkraftgegner fordern schon lange, es so schnell wie möglich zu schließen.

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