Bitte warten...

Selbstauskunft für Mieter in Baden-Württemberg Wo Sie auch mal lügen dürfen

Rauchen Sie? Einkommen? Schwanger? Wer in Baden-Württemberg eine Wohnung sucht, muss oft vieles preisgeben - per Selbstauskunft. Was viele nicht wissen: Bei manchen Fragen darf man getrost lügen.

Von Samantha Maier

Karl Winckelmann

Karl Winckelmann ist Geschäftsführer des Mietervereins Karlsruhe (Archiv)

Karl Winckelmann hat auch kein Patentrezept dafür, wie man eine Wohnung in Baden-Württemberg findet. Die Lage ist angespannt, Wohnraum knapp - bei dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Mieterbundes Baden-Württemberg kommen viele Fragen von Mietsuchenden an. Oft geht es auch um die sogenannte Mieterselbstauskunft. Ein Fragebogen, durch den viele Vermieter die Flut von Interessenten aussieben.

Findet man also zum Beispiel in einem Online-Immobilien-Portal eine hübsche Wohnung, schreibt eine Mail, um eine Besichtigung zu vereinbaren, landet zunächst ein Formular im Postfach. Mit der Bitte es auszufüllen. Dabei werden nicht nur Name, Nettoeinkommen und Nachwuchs abgefragt, sondern durchaus irritierende Angaben verlangt.

Ausweisnummer, Bankverbindung und Vermieter-Daten

Eine Maklerfirma aus dem Kreis Reutlingen möchte in der "Selbstauskunft für Mietinteressenten" zum Beispiel die Ausweisnummer, die Bankverbindung und die kompletten Kontaktdaten der bisherigen Vermieter. Telefon, Mobilnummer, Fax und E-Mail sowie Anschrift. Auch die Kontaktdaten des Arbeitgebers und Zusatzeinkommen wie Kindergeld. Eine Privatperson will in dem Selbstauskunftsbogen wissen "spielen Sie Musikinstrumente"? Und ein Maklerbüro aus dem Rems-Murr-Kreis interessiert das Geburtsland der Interessenten.

Karl Winckelmann kennt solche Bögen. "Da steht eine Menge drin, was nicht drinstehen soll. Und was man als Mieter nicht beantworten muss. Aber wenn man es nicht tut, kann man davon ausgehen, dass man in Orten wie Stuttgart und Karlsruhe die Wohnung nicht bekommt. Dann heißt es halt, jemand anders hat sie gekriegt", so Winckelmann. Der Rechtsanwalt hält diesen Bereich, die Mieterselbstauskunft, für eine rechtliche Grauzone. Man könne nicht sagen, manche Fragen seien nicht rechtens. Es gebe aber Fragen, die man nicht wahrheitsgemäß beantworten müsse: "Wenn Sie gefragt werden - was ich schon auf Fragebögen gesehen habe - ob Sie schwanger sind. Dann dürfen Sie 'nein' sagen, obwohl es stimmt. Denn das geht niemanden etwas an. Diese Frage ist nicht verboten, aber man muss sie nicht wahrheitsgemäß beantworten."

"Was will der Makler damit?"

Auch zum Beispiel die Frage nach der Ausweisnummer ist aus Sicht des Experten obsolet. "Was will der Makler damit?" Genauso bewertet Winckelmann die Frage nach der Bankverbindung. "Ich weiß nicht, was sowas soll. Vielleicht, um auf diese Weise herauszufinden, ob dieser Mensch überhaupt ein Konto hat."

Wollen Makler die Kontaktdaten der alten Vermieter, sollte man als Interessant auch hellhörig werden. Die Frage ist laut Winckelmann zwar nicht unüblich. Er kann sich aber vorstellen, "dass es Alt-Vermieter gibt, die nicht von Maklern belästigt werden wollen". Er rät potenziellen Mietern zu sagen: "Das kann ich Ihnen zur Zeit nicht sagen, weil ich noch in einem festen Mietverhältnis bin und mein Vermieter nichts von meiner Wohnungssuche wissen soll." Man könne auch sagen, man habe die Handynummer des Vermieters nicht. Hintergrund der Frage nach den Kontaktdaten der aktuellen Vermieter kann nach Einschätzung des Experten auch sein, dass die Makler auf der Suche nach potenziellen neuen Auftraggebern sind. Vermitteln sie jemandem Wohnraum, wird ja dessen alte Wohnung frei.

Haustiere, Musikinstrument, Rauchen?

Generell gebe es keinen offiziellen Fragebogen von höherer Instanz, der die ganze Bundesrepublik umfasst, "wo man sagen kann, dieser Fragebogen ist ok". Deshalb überlegen sich viele ihre eigenen Fragen an die Interessenten. Zum Beispiel jene nach Haustieren - darf man fragen, sagt Winckelmann - oder nach einem Musikinstrument. "Kann man durchaus verneinen, auch wenn man eines spielt. Denn niemand kann einem verbieten, morgen mit Gitarre anzufangen", meint der Rechtsanwalt. Rauchen Sie? Auch eine Frage, bei der eine Notlüge mal in Ordnung ist: "Es soll ja auch heute noch Leute geben, die nie im Leben geraucht haben und von heute auf morgen damit anfangen. Insofern kann man auch nein sagen."

Wenn bei so vielen Fragen die Wahrheit nicht nötig ist - wozu dann die Selbstauskünfte? "Der Durchschnittsbürger glaubt, er muss bei solchen Sachen die Wahrheit sagen. Das ist der Gag der Geschichte", so Winckelmann. Und die Wissbegierde der Makler und der Leute, die sich damit befassen, ist größer geworden. Was sich auch daran zeigt, dass für manche wohl die Herkunft der Interessenten eine Rolle spielt. "Fragen nach Geburtsland und Staatsangehörigkeit - ganz klar, worauf das abzielt." Mit solchen Fragen sei der Diskriminierung Tür und Tor geöffnet, sagt Winckelmann. "Ich frage den Vermieter ja auch nicht, wo er herkommt."

Fragen, die man wahrheitsgemäß beantworten sollte

Es gebe aber auch Fragen, die man wahrheitsgemäß beantworten sollte. Zum Beispiel: Haben Sie ihr letztes Mietverhältnis gekündigt, oder ist Ihnen gekündigt worden? Zwangsvollstreckung? Gibt es Vorstrafen? Schreibt man hier etwas Unwahres rein und kommt das raus, kann der Vermieter den geschlossenen Vertrag anfechten oder kündigen.

Bleibt die Frage nach dem Datenschutz. Sucht man lange, schickt man viele Selbstauskünfte in die Welt. Was passiert mit diesen Daten, oder auch mit Schufaauskünften, Kopien von Einkommensnachweisen? "Ich würde allen raten, geben Sie nur das preis, was unbedingt sein muss und weisen den Makler darauf hin, dass Sie ihn haftbar machen, wenn mit diesen Daten Schindluder getrieben wird."

"Nur wenn es gar nicht anders geht, gezielt lügen"

Aber: Dem Mietinteressenten bleibt der Zwiespalt. Er wehrt sich gegen Schnüffeleien. "Aber wenn Sie das tun, ist es ein schmaler Grad, man weiß, wenn ich das nicht beantworte, dann bin ich raus", sagt Winckelmann. Sein Tipp für die Wohnungssuche: "Man sollte auf die Leute zugehen, offen und aufgeschlossen sein. Man muss natürlich diese Hürde mit den Fragebögen überwinden. Ich würde nur dann, wenn es gar nicht anders geht, gezielt lügen. Bei Dingen, die ans Unverschämte grenzen, würde ich lügen. Bei anderen Sachen würde ich versuchen, soweit es möglich ist, auszuweichen. Wenn ich im Knast war und danach gefragt werde und es bestreite, wird es schief gehen. Es gibt da kein Patentrezept."

Logos von Twitter, Facebook und Instagram auf einem Smartphone

Folgen Sie uns!

Aktuell in Baden-Württemberg