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Sammelklage gegen Daimler in USA Zweiter Abgas-Skandal nach VW?

Der Stuttgarter Autohersteller sieht sich wegen angeblich überhöhter Diesel-Abgaswerte in den USA mit einer Sammelklage konfrontiert. Die Dimensionen sind aber andere als bei VW.

Dominik Bartoschek, SWR Umwelt und Ernährung, berichtet

Wahre Umwelthelden - so nennt Daimler seine Autos mit Motoren seiner BlueTec–Technologie. In diesen Modellen würden die Emissionswerte auf ein Minimum reduziert. BlueTec, so das Unternehmen, sei die "saubere Dieseltechnologie".

Genau das bezweifelt jetzt ein amerikanischer Daimler-Fahrer. Er hat eine Sammelklage gegen den Autobauer eingereicht. Sein Vorwurf: Der tatsächliche Stickoxid-Ausstoß der BlueTec-Fahrzeuge läge deutlich höher als von Daimler behauptet. Vor allem bei niedrigen Temperaturen würden Abgaswerte gemessen, die um das bis zu 65-fache über den erlaubten Werten lägen. Dem Konzern wirft der Kläger deshalb einen Verstoß gegen US-Umweltgesetze und eine Täuschung der Verbraucher vor.

Kläger: Angeblich 14 Daimler-Modelle betroffen

Konzeptstudie eines neuen Modells zwischen SUV und Coupé

Konzeptstudie eines neuen Modells zwischen SUV und Coupé

Die Kanzlei, die den Kläger vertritt, listet in einer Pressemitteilung 14 Daimler-Modelle mit Bluetec-Motoren auf, die von der Klage betroffen seien. Darunter sind SUVs genauso wie Limousinen der E- und S-Klasse sowie die Transporter der Reihe Sprinter. Die Kanzlei ruft Besitzer solcher Fahrzeuge in den USA auf, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Daimler bleibt gelassen

In derselben Pressemitteilung ziehen die Anwälte klare Parallelen zum Fall VW. Sie werfen Daimler eine bewusste Manipulation der Abgaswerte vor. Anders als VW weist Daimler diesen Vorwurf aber weit von sich. Man halte die Klage für unbegründet und werde sich dagegen zur Wehr setzen, heißt es aus der Unternehmenszentrale.

US-Umweltbehörde schweigt

Weiterer Unterschied zum Fall VW: Dem Wolfsburger Autobauer hatte auch die US-Umweltbehörde Manipulation vorgeworfen. Den Vorwurf gegenüber Daimler stellt nun zwar der Kläger in den Raum, nicht aber die Umweltbehörde - sie schweigt zu den Manipulationsvorwürfen.

Kritik an C-Klasse aus den Niederlanden

Flagge von Niederlande am Mast

Vorwürfe gegen Daimler aus den Niederlanden

Allerdings steht Daimler nicht zum ersten Mal in der Kritik. Bereits vor wenigen Wochen war ein Fahrzeug der C-Klasse mit BlueTec-Motor in den Niederlanden durch hohe Abgaswerte aufgefallen. Der Stickoxid-Ausstoß lag dabei um das 40-fache über dem Wert, der auf dem Prüfstand, also unter Laborbedingungen, gemessen wird.

Daimler hatte diesen Wert zwar nicht bestritten, jeglichen Manipulationsvorwurf jedoch auch damals schon zurückgewiesen. Die Abweichung sei zustande gekommen, weil der Test auf der Straße bei niedrigen Temperaturen durchgeführt worden sei, und da fahre das Auto zum Schutz des Motors die Nachbehandlung des Abgases zurück. Das führe zu den erhöhten Abgaswerten, sei aber keine bewusste Manipulation.

Weitere Autobauer im Visier der Deutschen Umwelthilfe

Neben VW und Daimler gerieten zuletzt auch andere Autobauer unter Manipulationsverdacht. So wirft die Deutsche Umwelthilfe auch Renault, Opel und Fiat zu hohe Stickoxid-Werte ihrer Diesel-Fahrzeuge vor.


Wie gefährlich könnte diese Klage in den USA für Daimler werden?

Eine Einschätzung von Lutz Heyser, SWR Wirtschaft und Soziales

Mann mit Brille und grauem Pull

Lutz Heyser. SWR-Wirtschaftsredakteur

Meiner Einschätzung nach sollte man die Sache momentan nicht zu hoch hängen. Es ist die Klage eines einzelnen Daimler-Kunden. Es ist eben nicht die US-Umweltbehörde EPA - wie bei VW - die Daimler hier nun Schummelei vorwirft. Von daher ist es zunächst einmal nur eine Behauptung, von der ich aktuell nicht beurteilen kann, auf welcher Grundlage sie fußt. Es ist jedenfalls nicht amtlich erwiesen, dass mit den Daimler-Dieselmotoren etwas nicht stimmt. Insoweit hat das Ganze schon von der Ausgangslage her eine völlig andere und wesentlich kleinere Dimension als die Volkswagen-Geschichte.

Sammelklage, um Kasse zu machen

Die Klage gegen Daimler wurde von der bekannten Anwaltskanzlei Hagens Berman eingereicht, die bereits Volkswagen in den USA wegen überhöhter Abgaswerte verklagt hat.

Ob der Vorwurf überhaupt Erfolg haben wird, ist - aus meiner Sicht - zurzeit fraglich. Möglich, dass es sich hier um einen Trittbrettfahrer handelt, der im Zuge der VW-Abgasaffäre ebenfalls Druck und letztlich Kasse machen will.

Das scheint auch das Geschäftsmodell mancher US-Anwaltsfirmen zu sein, die dann weitere Leute für eine Sammelklage suchen und möglichst hohe Schadenersatz-Zahlungen einklagen wollen - oder Schweigegeld von den verklagten Konzernen.

Die Kirche im Dorf lassen

Daimler selbst gibt sich betont gelassen: "Wir halten die Klage für unbegründet." Man werde sich die Werte ansehen und sich dann verteidigen. Ein Daimler-Sprecher sagte mir: "Natürlich halten wir mit allen unseren Autos die gesetzlichen Richtlinien ein, und selbstverständlich gilt das auch für die USA." Also, man wird sehen - und sollte die Kirche im Dorf lassen.

Es bleibt immer etwas hängen

Mercedes feiert Weltpremiere der R-Klasse in New York

Für deutsche Autobauer ist der amerikanische Markt von enormer Bedeutung

Ärgerlich für Daimler ist das in jedem Fall. Denn bei jedem Vorwurf bleibt immer etwas hängen, selbst wenn er unbegründet sein mag. Natürlich ist der US-Markt für Daimler wichtig und die Kunden dort - durch die VW-Schummelei - gerade sehr sensibilisiert, was das Gütesiegel "Made in Germany" angeht. Selbst wenn also nichts an der Sache dran ist, aber ein paar Kunden in den USA jetzt eben deswegen keinen Daimler kaufen, ist der Schaden da.

Online: Heidi Keller, Christine Trück

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