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Meinung 12.7.2013 Interview mit Aussicht

Hans Gerzlich über das Ritual des "Sommerinterviews"

Endlich ist er da - der Sommer! Und was braucht der Deutsche im Sommer zum glücklich sein? Einen Kasten Bier, einen Holzkohlegrill, Unmengen an Grillgut und - genau - das Sommerinterview. Genauer gesagt eins von vielen. Denn mittlerweile wird in ARD und ZDF, einigen Dritten, dem Hörfunk und diversen Zeitungen, gesommerinterviewed was das Zeug hält.

Irgendwann in den späten Achtzigern muss in der Saure-Gurken-Zeit beim ZDF ein Redakteur eine Wette verloren haben oder die saßen da, haben gelangweilt aus dem Fenster geguckt und überlegt, ob sie nochmal eine Story über das Ungeheuer von Loch Ness bringen sollen oder es nicht doch noch was noch Langweiligeres gibt. Gibt es: Die letzten Lügen, Plätitüden, Hohlphrasen und Allgemeinplätzchen vor der parlamentarischen Sommerpause - aber diesmal vor der malerischen Kulisse des Spreebogens. Toll!

Denn was fragt man Politiker, wenn das Parlament Pause macht, alle in Urlaub sind und es nichts zu verkünden, zu beschließen oder zu diskutieren gibt? Genau: Nichts!
Und was antworten Politiker darauf? Genau so genau: Auch nichts!

Na ja, fast nichts. Gauck stellt klar, dass er nicht vorzeitig zurücktreten würde - was auch niemand von jemandem ernsthaft erwartet hätte, der verliebter in sein eigenes Spiegelbild ist als Dorian Gray es je war. Und Rainer Brüderle, der Schutzheilige der Vereinigung Deutscher Berufslogopäden, dessen gestammelte Werke mittlerweile die eines Edmund Stoiber locker in den Schatten stellen, ist froh, ohne neue Sexismusdebatte davonzukommen, obwohl er mal den obersten Hemdknopf öffnet. Katrin Göring-Eckardt findet, dass Datenschnüffelei unter Freunden "halt irgendwie überhaupt nicht OK ist, ne!", um sich danach sofort in die verbale Endlosschleife von "gerechte Gesellschaft" über "neue Politik" zu "das ist nun wirklich Sache der SPD, da halten wir uns raus" und wieder zurück zu begeben. Alles wie gehabt.

Vielleicht sollte man deshalb zum Sommerinterview demnächst erst gar keine Politiker mehr einladen, sondern gleich richtige Komiker. Helge Schneider, Otto oder meinetwegen Dieter Hallervorden. Da haben die Leute wenigstens Spaß.

"Mindestlohn? Also Mindestlohn... also... also... hö hö hö hö". Ja, mehr kriegst du doch aus Brüderle, Gabriel, Trittin und Merkel zusammen auch nicht raus. Oder Boris Becker, auch immer für einen Spruch gut: "Mindestlohn? Äh, ja, musste ich schon mal zahlen. Fünf Millionen für drei Minuten in der Besenkammer". So was wollen die Leute sehen. Da schalten die ein. Dafür zahlt man doch Gebühren.

Eine Neuigkeit fördert das Sommerinterview dann allerding doch noch zutage: Der FDP-Spitzenkandidat macht uns mit einer ganz eigenen Interpretation seiner ohnehin von ihm selbst erdachten, dem Volksmund nur sei frei entlehnten Metaphorik bekannt: "Wenn der Hund nicht am Veilchen gerochen hätte, hätte er den Hasen gekriegt!" Den Spruch kannte ich von meinem Opa irgendwie anders.

Na ja, wieder was dazu gelernt. Danke, Sommerinterview!

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