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Pfefferspray, Reizgas und Elektroschocker Polizei sieht Abwehrsprays kritisch

Von Biggi Hoffmann

Abwehrsprays sind nach den Übergriffen auf Frauen an Silvester in Köln und Stuttgart sehr gefragt. Das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg rät jedoch von solchen Kleinwaffen ab.

Eine Frau benutzt Pfefferspray

Pfefferspray darf nur zur Abwehr von Tieren verwendet werden.

Bei der Suchmaschine Google stieg die Abfrage des Begriffs Pfefferspray, auch kombiniert mit den Zusätzen "erlaubt" oder "kaufen", im Januar sprunghaft an im Vergleich zu den restlichen Suchanfragen. Bei einem großen Onlinekaufhaus befinden sich in der Kategorie "Sport und Freizeit" von den ersten 15 Bestsellern 13 Reizgas- und Pfeffersprays. Ein Pfefferspray in frauenaffiner Aufmachung - es sieht aus wie ein Lippenstift - befindet sich seit gut einer Woche in den Top 100 der bestverkauften Artikel.

Beim Stöbern im Internet bekommt man schon eine Ahnung, dass womöglich nicht alles, was es zu kaufen gibt, auch zulässig ist. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) erläutert in einer Broschüre Wissenswertes auch zu CS-Reizgas, Pfefferspray und Elektroschockern.

Pfefferspray Prüfzeichen

Seit 2003 ist die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) für die Zulassung zuständig, zuvor das Bundeskriminalamt (BKA)

Pfefferspray = Tierabwehrspray

Reizgas muss ein amtliches Zulassungssiegel tragen, dann darf es jemand schon ab 14 Jahren dabei haben. Elektroschocker sind erst frei ab 18; sie werden auch Elektroimpulsgerät oder -waffe genannt. Was viele laut LKA ignorieren: Reizgas und Elektroschocker darf man nicht auf öffentlichen Veranstaltungen dabei haben. Bei Einlasskontrollen werden die kleinen Sprühflaschen einbehalten.

Viel einfacher zur Gefahrenabwehr erscheint der Griff zum Pfefferspray: Denn dafür gibt es keine Altersbeschränkung, und eine amtliche Zulassung ist nicht nötig. Allerdings ist es offiziell nur erlaubt, um Tiere abzuwehren und nicht Menschen.

In geschlossenen Räumen (auch Zügen) oder Hallen ist es ohnehin nicht ratsam, CS-Gas oder Pfefferspray zu versprühen, weil die Wolke voller Reizstoffen kaum abzieht und auch Unbeteiligte treffen kann.

Polizei hält nichts von Reizgas in der Handtasche

CS-Reizgas und Pfefferspray sind scharf wie Chili, brennen in den Augen und auf der Haut, auch Hustenreiz ist möglich. Durch stark tränende Augen, die sich krampfhaft schließen, wird der Besprühte orientierungslos. - Am "Schwarzen Donnerstag" 2010 setzte die Polizei in Stuttgart neben Wasserwerfern auch Pfefferspray gegen Stuttgart-21-Gegner ein.

Die Polizei rate ohnehin von solchen Kleinwaffen ab, sagt Ulrich Heffner vom Landeskriminalamt in Stuttgart. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Er könne verstehen, dass Frauen sich mit einem solchen Spray in der Handtasche sicherer fühlen, es sei jedoch eine "trügerische Sicherheit". Man müsse den Umgang mit dem Spray üben wie mit anderen Waffen auch, um sie sicher einsetzen zu können. Etwas Gegenwind könne schon dazu führen, dass man selbst etwas von der reizenden Ladung abbekommt. Je nachdem wie schnell sich eine Gefahrensituation zusammenbraut, findet eine Frau das Abwehrspray eventuell nicht schnell genug in den Untiefen der Handtasche. Oder es ist schon so alt, dass das Verfallsdatum abgelaufen ist und die Wirkung fraglich ist.

Außerdem befürchtet die Polizei, dass eine Situation eskaliert, wenn eine Waffe gezückt wird - sei es auch nur die kleine Sprühdose. Der Gegner könne sich dazu gezwungen sehen, heftiger zu reagieren, als er es eigentlich beabsichtigt habe. Auch er könnte eine Waffe ziehen, wenn er zum Beispiel den Eindruck hat, dass er an der Flucht gehindert werden soll.

Einen Selbstverteidigungskurs zu machen, hält Heffner für sinnvoll. Dabei kann man proben, was im Ernstfall auf einen zukommen kann und welche Reaktionen sinnvoll sind. Doch auch hier laute das Motto "Übung macht den Meister".

Anbieter von Selbstverteidigungskursen beobachten nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht ein höheres Interesse an ihren Angeboten. Ein Stuttgarter Anbieter spricht von einer "extremen Steigerung". Die Stuttgarter Volkshochschule (VHS) überlegt, zusätzliche Selbstverteidigungskurse anzubieten. Damit wolle man besonders Frauen "möglichst in kurzer Zeit ein Gefühl vermitteln, dass und wie sie sich effektiv wehren können". Bei den Kampfsportverbänden in Baden-Württemberg zeichnet sich dagegen bisher noch keine stärkere Nachfrage ab.

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